piwik no script img

Frühjahrstrockenheit in BerlinDie Rückkehr der Gießkanne

Der März ist bislang schön sonnig. Aber Umweltverbände warnen vor zunehmender Frühjahrstrockenheit, manche Straßenbäume freuen sich schon jetzt über Hilfe.

Holt die Gießkannen aus dem Keller, der Frühling ist zu trocken Foto: Susanne Messmer

Der Berliner Winter hat in diesem Jahr seit langer Zeit mal wieder gezeigt, dass er Schnee kann. Wochenlang wirkten Straßen und Parks ausreichend versorgt, als läge in den gefrorenen Eispanzern ein stilles Wasserdepot. Doch der Eindruck täuscht.

Mit den ersten milden Märztagen beginnt in der Stadt eine leise Saison, die mit Gartenromantik wenig zu tun hat und eher an bürgerschaftliches Engagement erinnert: die Zeit der Gießkannen.

Nach der neuesten Meldung der Nachrichtenagentur dpa bringt das Wetter in diesen Tagen vor allem eines – Trockenheit. Milde Temperaturen, viel Sonne, nur selten ein paar Tropfen. Für Spa­zier­gän­ge­r*in­nen toll, für Straßenbäume weniger. Denn gerade der März gehört in Berlin traditionell zu den trockensten Monaten überhaupt. Meteorologische Daten zeigen seit Jahren: In der Hauptstadt fällt in diesem Monat häufig weniger Regen als im Juni, also zu einer Zeit, die viele aus dem Bauch heraus für viel trockener halten würden.

Die Zahlen wirken zunächst unscheinbar. Im Schnitt fallen in Berlin im März rund 37 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, wie der Deutsche Wetterdienst angibt. Doch in der Realität der letzten Jahre bleibt es oft deutlich darunter. Im letzten Jahr kamen in Berlin zum Beispiel gerade einmal etwa 10 Liter pro Quadratmeter zusammen – nicht einmal ein Drittel dessen, was es mindestens braucht.

Bis jetzt ist im Berliner März erst eine sehr geringe Niederschlagsmenge gefallen

Und auch der aktuelle Monat beginnt bedrohlich trocken. Bis jetzt ist im Berliner März erst eine sehr geringe Niederschlagsmenge gefallen. Würde es bis zum Monatsende in diesem Tempo weitergehen, käme Berlin ebenfalls nur auf ungefähr zehn bis fünfzehn Liter. Ein freundlicher Frühlingstag fühlt sich besonders für Baum­freun­d*in­nen und Gärt­ne­r*in­nen schnell mal wie ein kleiner Alarm an.

Darauf weist seit Jahren auch der BUND hin. Umweltverbände beobachten eine zunehmende Frühjahrstrockenheit: Hochdrucklagen bringen viel Sonne, aber wenig Niederschlag, während die Pflanzen schon viel Wasser brauchen. Gerade in Städten verschärft sich das Problem. Der Boden zwischen Asphalt, Pflaster und Leitungen speichert wenig Feuchtigkeit; junge Straßenbäume haben noch keine tiefen Wurzeln, die an Grundwasser herankommen.

Berlin hat davon sehr viele. Hunderttausende Bäume stehen entlang der Straßen, kühlen im heißen Sommer die Stadt, filtern Staub und verdauen CO2. Doch sie wachsen an Orten, die Bo­ta­ni­ke­r*in­nen höflich „Stressstandorte“ nennen. Trockenheit im Frühling setzt sie jetzt schon unter Stress.

Deshalb beginnt die Berliner Gießsaison oft früher, als man denkt. Initiativen wie Gieß den Kiez erinnern jedes Jahr daran, dass Bäume nicht erst im Hochsommer durstig werden. Schon jetzt lohnt sich dort ein Blick auf die Karte: Sie zeigt für jeden Baum, wie viel Regen in den letzten Wochen gefallen ist – und macht sichtbar, wann der Boden längst trockener ist, als es der freundliche Frühling vorgaukelt.

Man muss jetzt noch nicht unbedingt zur Kanne greifen – aber viele Straßenbäume wären trotzdem schon dankbar. Entscheidend ist dabei weniger die Häufigkeit als die Menge. Fachleute empfehlen, lieber selten und gründlich zu gießen: Ein einzelner Straßenbaum verträgt gut 80 bis 150 Liter auf einmal. Wichtig ist, dass das Wasser langsam in die offene Baumscheibe läuft und Zeit hat, tief in den Boden einzusickern, statt sofort über den Asphalt wieder zu verschwinden. Wichtig ist natürlich dabei, dass kein Bodenfrost mehr herrscht.

Der Berliner Frühling beginnt inzwischen oft mit diesem kleinen Paradox: Die Sonne scheint freundlich, die Stadt wirkt frisch, erste Krokusse kommen raus – und doch beginnt unter den Pflastersteinen schon der große Durst.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare