Freital vor der Landtagswahl in Sachsen

Die Stille nach dem Sturm

Rassistische Übergriffe und Demos gegen Geflüchtete – Freital hat kein gutes Image. Wie denken die Menschen über ihre Stadt?

Eine leere Straße in Freital, von Bäumen gesäumt und mit dem Rathaus und einigen Wahlplakaten im Blick

Sitzungsfreie Zeit: Das Rathaus in Freital ist im Juli ebenso leer wie die Straßen Foto: Belinda Grasnick

FREITAL taz | In der Lobby des ehemaligen Leonardo-Hotels in Freital hängt eine Girlande aus Postkarten über dem braunen Empfangstresen. Ein rosafarbenes Herz reiht sich dort an die Aufnahme einer zarten Dahlie, auf einigen Karten ist „It’s all good“ oder „Refugees Welcome, FC. St. Pauli“ zu lesen. An der Postkarte aus Berlin klebt ein gelber Fliegenfänger mit toten Fliegen. Das Leonardo steht jetzt leer, und auch sonst ist hier tote Hose. In den Plattenbauten neben dem ehemaligen Hotel stehen vereinzelt Sonnenschirme auf den Balkonen. Ein Bauarbeiter sitzt auf der angrenzenden Baugrube im Schatten. Ein paar Autos stehen in der Straße, vor einem Einfamilienhaus ist ein schwarzer Kombi mit der Aufschrift „Fuck you Greta“ geparkt.

Vor vier Jahren, als im Frühjahr 2015 gegen die Unterbringung von Geflüchteten demonstriert wurde, ist Freital zu einem Sinnbild für Rechtsextremismus im Osten Deutschlands geworden. Die ehemalige Integrationsbeauftragte des Bundes, Aydan Özoğuz, nannte die Vorkommnisse in Freital damals „äußerst besorgniserregend“. Binnen weniger Wochen wuchsen die anfangs spärlichen Proteste sogenannter Asylkritiker*innen an und wurden durch den Zulauf von Rechtsextremen zu Aufmärschen von mehreren Tausend Menschen. Initiativen wie „Freital wehrt sich – Nein zum Heim“ und der Pegida-Ableger „Frigida“ nutzten die Gunst der Stunde und machten mobil: gegen Geflüchtete, gegen Andersdenkende, gegen Linke.

Nach etlichen gewaltsamen Übergriffen gegen Geflüchtete und Unterstützer*innen wurden die 300 Geflüchteten schließlich in umliegenden Städten untergebracht. Freital ist auch der Ort, an dem die Rechtsterrorist*innen der „Gruppe Freital“ Sprengstoffangriffe gegen Geflüchtetenunterkünfte verübten und Menschen, die Migrant*innen unterstützten, bedrohten. In Dresden erzählen manche, dass sie in Freital immer wieder Rassismus erleben. Aber was sagen die Menschen vor Ort?

Auf das Image der Stadt angesprochen, gibt Thomas Mattern zu, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung „national orientiert“ sei. Der Um-die-50-Jährige arbeitet beim Förderkreis Biotec e. V. Der Verein will Menschen eine Aufgabe geben, die aus verschiedenen Gründen keiner regulären Beschäftigung nachgehen können. „Schwer vermittelbar“ nennt Mattern sie. Der gelernte Fliesenleger leitet einige Männer in der Holzwerkstatt an.

Mattern spricht absichtlich nicht von „rechts“. Die meisten wählen seiner Meinung nach deshalb die AfD, weil die Dinge ausspräche, die viele dächten. Er selbst ist dafür, den Menschen zu helfen – „für zwei, drei Jahre, aber dann muss Schluss sein“. Ein rechtes Problem habe die Stadt „nicht anders als andere Städte“. Die Proteste gegen die Geflüchtetenunterkunft im Leonardo-Hotel seien von den Medien ausgeschlachtet worden, findet Mattern. Viele seien dort mitgelaufen, weil sie das Gefühl hätten, Geld, das sie dringend selbst bräuchten, ginge an die Geflüchteten. Dagegen helfe nur Aufklärung.

„Bisher haben wir es immer hingekriegt“

Die Werkstätten des Förderkreises Biotec befinden sich im Norden der Stadt. Etwa siebzig Menschen kämen zu Biotec, um dort verschiedenen kreativen Arbeiten nachzugehen, erzählt Mattern. Der Verein hat eine Küche und eine Nähwerkstatt, wo vor allem Frauen beschäftigt sind, und Metall- und Holzarbeitsplätze, an denen sich größtenteils Männer tummeln. Außer ihm gebe es noch zwei weitere Anleiter*innen, erzählt Mattern. Die Menschen, die sie anleiten, hätten oft Drogen- oder Alkoholprobleme. Einige russischstämmige Personen seien darunter, und auch ein paar Geflüchtete. Die Syrer*innen seien oft eher verschlossen, weil sie die Sprache nicht so gut verstünden, erklärt Mattern. Sie bräuchten aber auch keine Dolmetscher: „Bisher haben wir es immer hingekriegt.“

Die Arbeit, die die Menschen hier verrichten, ist als 1-Euro-Job angelegt. Morgens um 8.30 Uhr beginnt die Arbeit. Wer zweimal zu spät kommt, wird zu einem „ernsten Gespräch“ gebeten. Die Menschen setzen Projekte für die Stadt um, sie bauen zum Beispiel ein Puppenspiel aus Holz, nähen Kostüme für einen Karnevalsumzug oder basteln eine venezianische Gondel für eine Messe. Manchmal gibt es auch Aufträge von Privatpersonen. Einige bringen ihre verschrammelten Gartenbänke vorbei, damit sie abgeschliffen und neu lackiert werden.

Man kann Freital entlang seiner Hauptstraße, der Dresdner Straße, durchqueren. Beginnt man den Stadtspaziergang im Norden am S-Bahnhof Potschappel, in dessen Nähe auch der Verein Biotec liegt, so landet man direkt vor dem Rathaus der Stadt. Hier sitzt der Stadtrat, in dem seit der Stadtratswahl im Mai 2019 die AfD mit neun Sitzen eine Mehrheit hat. Die CDU hat acht Sitze, die freien Wähler fünf. Für die Bürger für Freital und die Linke sitzen jeweils drei Stadträte im Rathaus. Grüne, SPD und FDP haben jeweils zwei Sitze.

Ines Kummer ist für die Grünen im Stadtrat. „Wir haben sitzungsfreie Zeit“, erklärt sie am Telefon und erzählt dann doch, wie sich das Leben für sie als Freitalerin nach den rassistischen Vorfällen von 2015 anfühlt. Zu den Grünen sei sie 1998 gekommen. Mit ihrem Pflegesohn aus Ghana, den sie seit 2014 betreue, erlebe sie tagtäglich Rassismus. Einmal habe sie mit ihm auf der Straße gestanden, als ihr Pflegesohn von einem älteren Ehepaar im Vorbeihuschen mit „Hör auf zu betteln“ angeraunzt wurde. Das wären noch die harmloseren Ereignisse. Schwieriger werde es, wenn aus dem Auto heraus Kopfabschneidegesten gemacht würden oder sie nach einem Dynamo-Dresden-Spiel mit ihrer leiblichen Tochter und ihrem Pflegesohn von Fans des Vereins rassistisch angepöbelt werde. Ihrem Pflegesohn diesen Rassismus zu erklären sei ihr nicht leicht gefallen. „Er hat sich entschieden“ sagt Ines Kummer und erzählt, dass er weggezogen sei. Seine handwerkliche Ausbildung in einer Stadt in Nordrhein-Westfalen habe er gerade beendet. Dort hätte er mit viel weniger Rassismus zu kämpfen.

Ines Kummer bleibt in Freital. Sie erzählt von Anfeindungen in den sozialen Medien, die sie besonders während der Auseinandersetzung um das Leonardo-Hotel trafen. Regelmäßig wurde sie auf der Facebook-Seite der „Bürgerinitiative für Freital“ beschimpft. Den Menschen, die sie dort anfeindeten, begegnet sie noch immer in der Stadt. Sie lacht bitter und nennt einen Namen aus der derzeitigen, neugewählten AfD-Stadtratsfraktion. „Ich überlasse denen nicht das Feld“, sagt Kummer. Im frisch gewählten Stadtrat haben die SPD, die Grünen, die FDP und die Linke sich zu einer Fraktion zusammengeschlossen. Die CDU hat mit acht Sitzen genug eigene Stimmen, um sich nicht dem Anti-AfD-Bündnis anzuschließen. „Jaja, der Candido glaubt ja auch, dass es keinen Rassismus in Freital gibt“, zeigt sich Kummer resigniert, als sie erfährt, dass ihr guter Freund, der CDU-Stadtrat Candido Mahoche, der nächste Interviewpartner ist.

Innenansicht einer Gärtnerei in freital

Keine Geflüchteten in Sicht: In der Gärtnerei Nietzold will man nicht über das Engagement sprechen Foto: Belinda Grasnick

„So sind nicht alle Freitaler“

Candido Mahoche bittet am nächsten Tag auf einen Kaffee in das Schloss Burgk, einen ehemaligen Herrensitz aus dem 16. Jahrhundert. Hoch über Freital, inmitten von Einfamilienhäusern, beherbergt es jetzt unter anderem das Stadtmuseum. An diesem Vormittag sitzt eine Seniorengruppe bei Kaffee und Obstkuchen mit Schlagsahne im Schlosshof. Mahoche kommt in Radlerhose und Sportlershirt. Vor der Arbeit laufe er ein paar Kilometer.

Eine Karte von freital, auf der die Dresdner Straße und die einzelnen Stationen des Artikels dargestellt sind

Grafik: infotext-berlin

Die Leidenschaft für den Sport hat den 61-Jährigen auch in die Politik getrieben. 2013 habe er für eine Wintersporthalle für kickende Kinder, die „Bambini“, wie er sie nennt, gekämpft. Als alles gute Zureden nichts half, habe er sich kurzerhand in den Stadtrat wählen lassen. Für die CDU hat er sich entschieden, weil er gesehen habe, „was die bereits für die Stadt gemacht haben, das fand ich super“. Die Entscheidung sei ihm nicht schwergefallen. Sofort sei er auf einen Listenplatz für die CDU gekommen und auch prompt in den Stadtrat gewählt worden.

1980 kam Mahoche aus Mosambik in die DDR und lernte in Freital das Bierbrauen. Als er sich 1981 in seine Frau verliebte, eine Freitalerin, blieb er. Auf den Mauerfall angesprochen, muss er lauthals lachen. „Viele in der DDR glaubten: Sobald die Mauer weg ist, sind auch alle unsere Probleme weg“, erinnert sich der Freitaler. Er hätte damals schon den Kapitalismus gekannt und vor allem an eine steigende Arbeitslosigkeit gedacht. Anfeindungen, wie sie jetzt auch Geflüchtete erlebten, habe er ebenfalls erlebt. „Aber hier rein, da raus“, sagt Mahoche und zeigt mit der Hand erst auf das eine, dann das andere Ohr. Auf Durchzug schaltet er oft und vertraut auf das verbindende Element des Sports. Als die ersten geflüchteten Familien nach Freital kamen, habe er Fußballvereine in der Umgebung gefragt, ob sie die Kinder nicht aufnehmen würden. Von zehn Vereinen hätten sechs gleich zugestimmt.

Initiiert hat er auch ein Integrationsturnier, bei dem mosambikanisch- und russlandstämmige Menschen, aber auch Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan spielen. „Ich weiß ja, was Wohnheim heißt“, sagt Mahoche. „Wenn du keine Freizeitbeschäftigung hast, bist du wie im Gefängnis.“ Trotzdem findet er, dass man sich als Gast anpassen müsse an die Gepflogenheiten der Umgebung.

„Provokationen vermeiden“, das ist Mahoches Devise. Idioten, auch rassistische, versuche er zu ignorieren. Also hat Freital kein Problem mit Rechtsextremen? „So sind nicht alle Freitaler“, sagt der CDUler. Die Rechten hätten die Stimmung 2015 für sich genutzt, aber man hätte die Leute besser darauf vorbereiten und informieren müssen, warum Geflüchtete in das Leonardo-Hotel kommen sollten.

Ein Wahlplakat des Kandidaten Andreas Hofmann von den „Freien Wählern Freital“

Fröhliche Amsträger*innen: Die „Freien Wähler Freital“ wollen einen statt spalten Foto: Belinda Grasnick

„Happy Vibes“ von „Mut-Bürgern“

Anderthalb Kilometer vom Rathaus die Dresdner Straße gen Südwesten hinab liegt die Gärtnerei Nietzold. Petra Schickert vom Kulturbüro Sachsen erzählt, wie der Vater der Inhaber*innen, Nietzold senior, sich 2015 um Ausbildungsplätze für Geflüchtete aus Eritrea bemühte, Fahrräder für die Männer besorgte und sogar eine junge Familie aus Eritrea auf dem Gelände der Gärtnerei wohnen ließ. Für den Familienvater fand Herr Nietzold eine Ausbildung in einer Tischlerei. Gemeinsam mit der Familie verbringt er einen Teil seiner Freizeit.

Sechs Wochen im Osten: Vor der Landtagswahl in Sachsen am 1. September 2019 ist die taz in Dresden. Seit dem 22. Juli sind wir mit einer eigenen Redaktion vor Ort. Auch in Brandenburg und Thüringen sind wir vor den Landtagswahlen mit unserem #tazost-Schwerpunkt ganz nah dran – auf taz.de, bei Instagram, Facebook und Periscope. Über ihre neuesten Erlebnisse schreiben und sprechen unsere Journalist*innen im Ostblog und im Ostcast. Begleitend zur Berichterstattung gibt es taz Gespräche in Frankfurt (Oder), Dresden, Wurzen und Grimma. Alle Infos zur taz Ost finden Sie auf taz.de/ost.

Heute sieht man davon auf dem Gelände nichts. Die Gewächshäuser sind üppig bepflanzt, eine Angestellte pflückt Tomaten. Zwei andere Beschäftigte binden Blumensträuße. Der Inhaber selbst ist im Urlaub. Über die damalige Initiative, Geflüchteten zu helfen, will hier heute niemand sprechen. Auch Nietzolds Tochter, Mitinhaberin Peggy Faust, schüttelt den Kopf. Die Arbeit mit den Geflüchteten und die Gärtnerei dürfe man „nicht über einen Kamm scheren“. Mehr sagt sie dazu nicht.

Entlang der Dresdner Straße schließen sich einige Häuser an, bis man an eine Wiese gelangt. Hier stehen schon einige große Wahlplakate. „Happy Vibes“ verspricht darauf der „Mut-Bürger“ Andreas Hofmann von den Freien Wählern Freital. Die SPD will „mehr Bus und Bahn“, die Grünen finden: „Mut hat viele Gesichter“. Die Linke wirbt nur mit einem Satz auf ihrem Plakat: „Unsere Alternative heißt demokratischer Sozialismus“. Auffällig ist, dass zu diesem Zeitpunkt, fünfeinhalb Wochen vor der Wahl, noch keine Wahlwerbung für die AfD zu finden ist. Auch das Büro der Partei, einige hundert Meter weiter die Straße hinab, ist verschlossen. Die Rollläden sind heruntergelassen.

Einige Tage später gibt es Medienberichte von der Freitaler AfD. Stadtratsmitglied Thomas Prinz wird als Betrüger und verurteilter Straftäter entlarvt. Seine Parteikolleg*innen beteuern, sie hätten davon nichts gewusst und seien getäuscht worden. Am Mittwochabend wollte die AfD tagen, um über die Personalie Prinz zu beraten. Was das Ergebnis ihrer Besprechung war, ist unklar. Verschiedene Szenarien wären denkbar: Prinz könnte AfD-Mitglied bleiben und der Fraktion weiter angehören. Er könnte aber auch aus der AfD austreten. Dann stellt sich die Frage, ob er sein Mandat behält – oder ob er es niederlegt.

Eine Häuserfront mit einem AfD-Büro, dessen Rollläden verschlossen sind

Schotten dicht: Im Freitaler AfD-Büro ist im Juli nichts los Foto: Belinda Grasnick

„Wir sind in erster Linie Mensch“

Unweit des AfD-Büros knickt die Dresdner Straße nach Süden ab. Hier ist einer von zwei Standorten der Tafel Freital. Der Laden ist aufgeräumt, knackiges Gemüse glänzt in Holzkörben, und auf der Frischetheke liegen Fisch, Fleisch und Wurstwaren. Wie in einem kleinen Lebensmittelgeschäft, mit sehr guten Preisen. Eine Palette mit zwölf Bechern Milchreis kostet 50 Cent.

„Die Kosten unserer Lebensmittel sind so, dass sie gerade die laufenden Kosten decken“, sagt Karin Rauschenbach. Sie ist Vorsitzende des Vereins, der die Tafel betreibt. Die 52-Jährige hat kurzes, blondiertes Haar, rote Nägel und ein Tattoo mit Blumenmotiv auf dem rechten Bein. Sie will den Menschen in Freital helfen, denn viele seien hier auf Hartz IV angewiesen. „Es ist eine Katastrophe, dass Menschen so leben müssen.“

Rauschenbach ist fröhlich und sehr direkt. Wenn sie Politikerin wäre, würde sie einiges anders machen, sagt sie. Sie würde sich hinstellen und sagen: „Wir sind in erster Linie Mensch.“ Chancengleichheit ist ihr wichtig. Ihrer Meinung nach bräuchte es deswegen kein Kindergeld, sondern gut ausgestattete Kitas und Schulen, die allen Kindern Essen und Arbeitsmaterialien zur Verfügung stellen könnten. Auch ältere Menschen sollten nicht von einer Mindestsicherung leben müssen. „Es gibt kaum noch Ausländer in Freital“, erzählt Rauschenbach.

Die meisten Menschen, die hier untergebracht waren, seien mittlerweile nach Pirna gezogen. Unter ihren insgesamt etwa tausend Kund*innen kämen aber auch zwischen 40 und 70 Geflüchtete täglich zur Tafel. Zu den menschenfeindlichen Angriffen in Freital meint sie: „Es ist sehr still geworden. Das ist auch gut so.“ Für die Rechtsextremen in Sachsen hat sie kein Verständnis. „Die gehen Döner und Pizza essen und verhalten sich dann so. Für mich ist das völlig daneben.“

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