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Freibäder in BerlinBare minimum

Gaby Coldewey
Kolumne
von Gaby Coldewey

Die Berliner Bäder Betriebe versprechen für die anliegende Saison moderne Bäder und faire Preise. Doch was stimmt davon? Unsere Autorin hat gecheckt.

Das Berliner Schwimmbad im Humboldthain Foto: Berlinfoto/imago

A nfang März kamen die Berliner Bäder Betriebe (BBB) mit einer verfrühten Osterüberraschung um die Ecke: Sie hatten das beliebte „Sommermehrfachticket“ abgeschafft. Selbstverständlich nur mit den besten Absichten!

20 Mal schwimmen für 60 Euro im Vorverkauf – und das mit einer übertragbaren Karte – „so pool ist nur Berlin“, wie die BBB gern für sich werben. Doch jetzt verspricht man eine „zeitgemäße Alternative“: das personengebundene Abo für 38 Euro monatlich, abzuschließen für mindestens drei Monate. Was sich nur rechnet, wenn man im Sommer auf Urlaubsreisen verzichtet und bei Regen und Kälte ins Schwimmbad pilgert.

Der Protest der Berliner Schwim­me­r*in­nen war so heftig, dass Sportsenatorin Iris Spranger dem innovativen Treiben nach nur einer Woche ein schnelles Ende setzte – und zack war das Mehrfachticket wieder da.

Doch nicht nur „moderner“, auch „fairer“ soll es werden, denn „Eintrittspreise richten sich nun nach der Ausstattung“. Um diesen Irrsinn zu rechtfertigen, haben die BBB extra drei „Bäder-Kategorien“ erfunden. Wer Freibäder in anderen Städten Deutschlands kennt, weiß, was sie eint: sie sind modern, sauber, gepflegt.

Im Duschraum ist es so eng, dass man die Nachbarin quasi miteinseift

Anders in Berlin: Das „Sommerbad Humboldthain“ in Mitte ist unbeheizt. 16 Grad Wassertemperatur waren es im vergangenen Mai. Im Frauenduschraum gibt es vier warme und eine kalte Brause, es ist so eng, dass man bei einer falschen Bewegung die Nachbarin quasi miteinseift. Trennwände gibt es keine, dafür schimmlige Fugen. Ablagen für Duschgel sucht man vergeblich. Schließfächer sind kaputt, an den fünf Umkleidekabinen und Toiletten fehlen schon mal Türen.

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Badespaß der „Kategorie 1“

Aber hey, rot-weißes Absperrband sorgt für Ordnung. Auf dem Gelände wachsen in zerbröselnden Betonkübeln ein paar einsame Tagetes. Immerhin wird der Rasen gemäht. Ach ja, und ein Schwimmbad gibt es natürlich auch. Sogar mit einer 50-Meter-Bahn, einer Rutsche und einem Ein-Meter-Sprungbrett.

Die Gen Z würde hier von „bare minimum“ sprechen. In Berlin gilt das hingegen als „Kategorie 1“ und rechtfertigt den Preis von 7 Euro für ein Tagesticket. Man möchte gar nicht wissen, was Bäder der dritten Kategorie zu bieten haben.

Kleiner Tipp an die BBB: Wer moderne Preise will, sollte in moderne Ausstattung investieren. Dann klappt’s auch mit dem Abo.

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Gaby Coldewey
Redakteurin
Redakteurin in der Auslandsredaktion. Bei der taz in unterschiedlichen Positionen seit 2009. Studium der Slawistik, Politologie und Ost- und Südosteuropäischen Geschichte in Berlin, Prag und Odessa. Übersetzt aus dem Ukrainischen und Russischen. Schreibt immer mal wieder "Berliner Szenen".
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8 Kommentare

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  • Alles nur ne Frage, wofür der Senat Geld ausgeben will. Für die Breite der Bevölkerung wohl eher nicht.

  • Beides ist wichtig:



    - Im heißen Sommer sich abkühlen können und CO2-sparend den kleinen Urlaub machen



    - Schwimmenlernen, Sport für viele Muskelgruppen zugleich machen, Bahnen ziehen

    Wer natürlich vor allem Autos bezuschussen und Steuern nicht von den immer Schwerreicheren holen will, wer Infrastruktur für eine "Schwarze Null" verrotten lässt und bei der Beheizung noch nur auf Fossil setzen lässt, der kann beides kaum zur Verfügung stellen.



    (Und lenkt dann womöglich noch kläglich ab auf irgendwas mit Ausländern, wo es wohl eher "nur" pubertierende Jungs wie eh und je sind.)

    Lieber öffentliche Güter wie Schwimmbäder für uns alle als volkswirtschaftlich dysfunktionale und teure Einzelpools.

    • @Janix:

      volle Zustimmung

  • Meine Güte wie gut wir das selbst hatten war mir ja mal überhaupt nicht klar. Ist hier zwar Westen, aber dazu gehörte Berlin ja auch mal.

    Es gab mal ne Zeit da gab es noch keine privat betriebenen Spaßbäder, wollte man sowas, musste man seine Gemeinde/Stadt dazu bringen sowas zu bauen. Und das haben die Leute dann auch getan.



    Hier gab es ein riesen Wellenbad. Hallen und Freibad, mit allen was das Herz begehrt. Voll coole Gimmiks mit Wassergrotten und verwinkelten Nischen die für uns als Kinder damals total cool waren, beheiztes Außenbecken im Winter, in den 90ern kam noch ne 120 Meter Rutsche dazu (damals was besonderes), Spielgeräte die es nur da gab wie so ein Wassertischkicker, alles kostenlos zum benutzen, Solarium, Sauna, immer Top gepflegt. Pommes Mayo (weiß ich noch) 2 Mark, Eintritt Kinder 2 Mark, Erwachsene 3 Mark. War subventioniert, Preise blieben ewig stabil. Tickets galten selbstverständlich für den ganzen Tag.

    Das Bad von damals wird grad abgerissen. Ersatzlos. Gibt ja jetzt private Spaßbäder. Da kostet das selbe dann nen ~10er für 2 Stunden.

  • Realität ist leider, dass Schwimmbäder zu betreiben teuer ist und immer mehr Personal benötigen. Sei es weil Eltern nicht mehr in der Lage sind, ihre Kinder im Blick zu behalten oder weil manche sich nicht benehmen und es notwendig ist für diesen zu sorgen. Bei uns sind letztes Jahr in einem Bad 2 Kinder ertrunken…... jetzt gibts da gefühlt mindestens doppelt so viel Bademeister

    Ein Schwimmbad wird jetzt schon massiv bezuschusst.



    Ja, es wäre soll für kleines Geld reinzukommen. Aber dann bekomm



    Man eben auch das, was sich damit finanzieren lässt.

    Mit ist es lieber einen vernünftigen Preis zu zahle und damit sicher zu sein, dass kein weiteres Kind stirbt, und das mehr Schwimmbäder geöffnet bleiben können.



    Es ist jetzt schon ein Drama , wie viele geschlossen werden und Klassen teils keinen vernünftigen Unterricht machen können.

    Aber hey , Geiz ist geil. Nichts darf was kosten. Und zahlen soll am besten der Staat für alles. Vermutlich lag wegen der kleinen Preise einfach irgendwann die Kasse leer.

    PS: wir sind damals an den See.

  • Es soll auch Menschen geben, die einfach nur schwimmen wollen. Denen ist die Wellnessatmosphäre völlig wurscht und die wollen danach kurz duschen. Mehr nicht. Wer mehr will soll gerne bezahlen. Das ist wieder das typische Berliner Gejammer.

  • Minimimi. Das zeigt wieder, sie sehr es Berlin gewohnt ist, sich von den anderen Bundesländern aushalten zu lassen. 7 Euro ist ein normaler Preis für ein einfaches Freibad. Dass unverschämt zu finden sagt viel über den Schreibenden. Selbst wenn es 10 Euro kosten würde müsste es mit hoher Wahrscheinlichkeit noch subventioniert werden.

  • 7 Euro pro Eintritt ist wirklich eine Hausnummer. Prinzenbad und Columbiabad kosten auch so viel.



    Ich finde daher aber die Flatrate an sich eine gute Idee für Vielschwimmende wie mich. Ich muss allerdings gestehen dass ich meine Monatsrate ein Privatunternehmen entrichte, dass mir zusätzlich noch Zutritt zu Fitness Studio und Yoga Kurs gewährt. Eigentlich ja ein Unding dass die öffentlichen Badeanstalten so für private Gewinnmargen missbraucht werden, aber sonst könnte ich mir das alles nicht leisten...