Frauen im jugoslawischen Sport: Ein Märchen von Gleichberechtigung
Die Geschichte der Jugoslawin Ankica Škrtić, die dank des Kommunismus sportliche Erfolge feierte, war Propaganda. Sie ähnelt heutigen Erzählungen.
A nkica Škrtić war als Jugendliche nie mit Sport in Kontakt gekommen. Wir wissen nicht viel über die junge Arbeiterin, die in Karlovac im heutigen Kroatien, damals Jugoslawien, lebte. Aber wir können annehmen, dass sie eine entbehrungsreiche Zeit hinter sich hatte: Der Zweite Weltkrieg war gerade vorbei, in Jugoslawien hatten der NS-Terror und der Völkermord durch die Ustascha-Diktatur tiefe Traumata hinterlassen, das Land war zusätzlich vom brutalen Partisanenkrieg erschöpft. Da hörte die Fabrikarbeiterin Ankica Škrtić einen Aufruf: Die Kommunistische Partei der neuen Volksrepublik wollte, dass alle Arbeiter:innen Sport trieben. Ja, warum nicht?
So meldete sich Škrtić 1946 zum ersten landesweiten Frühlings-Crosslauf an, einer in Jugoslawien schwer beliebten Laufdisziplin quer durch die Natur. Sportschuhe besaß die Arbeiterin nicht, also trat Ankica Škrtić barfuß an – und siegte. Der Ehrgeiz hatte sie gepackt. Im selben Jahr reiste sie ins heute slowenische Ljubljana zu den nationalen Meisterschaften im 800-Meter-Lauf – und siegte wieder. Für den Sportverband und die jugoslawische Presse war sie die perfekte Story: eine Arbeiterin aus prekären Verhältnissen, eine Amateurin, eine Frau, und erst dank des Kommunismus zum Sport gekommen. Ein Märchen von Gleichberechtigung und sozialem Aufstieg.
So schreibt es der Genderhistoriker Ivan Simić, der ausführlich zur Genderpolitik durch Sport in Jugoslawien geforscht hat. Es war eine sehr besondere Zeit. Oft erzählt diese Kolumne von Frauen, die sich gegen große Widerstände in den Sportbetrieb kämpften, zumeist im Spitzensport. Aber was, wenn eine Regierung ambitioniert Gleichberechtigung mittels Breitensport erstreiten will? Großen Einfluss hatte die sowjetische Sportideologie. Gesunde und disziplinierte Körper, das Kollektiv, weibliche Gleichberechtigung – Sport sollte den neuen sozialistischen Menschen schaffen. Vor allem junge Frauen vom Dorf wurden gescoutet, so Simić. Und am liebsten Muslima, um den Sieg des Kommunismus über alte Normen und Werte zu zeigen, auch in der Kleiderordnung.
Die jugoslawischen Zeitungsartikel erinnern dabei durchaus an deutsche Medien der Gegenwart. Oft sind es emotionale Storys von marginalisierten Frauen, die entgegen vieler Widerstände siegen und dabei etwa den Hidschab ablegen. Sportpropaganda zu zwei Zeiten und unter anderen Vorzeichen, aber mit vergleichbarem Ziel: Sport soll die Überlegenheit einer Ordnung demonstrieren.
Staffellauf zum Geburtstag von Tito
Die Forscher:innen Nikola Mijatov und Sandra S. Radenović berichten in ihrer Arbeit zur Rolle von Frauen im jugoslawischen Sport etwa über den Fall Šemsa, eine junge Frau aus Bosnien, die für den Staffellauf zum Geburtstag des Autokraten Tito den Hidschab ablegte. In Bosnien und Kosovo durften muslimische Frauen beim Sport kein Kopftuch tragen. Šemsa trat offenbar auch bei Rennen gegen Männer an. „Wenn die Revolution nicht gewesen wäre, hätte Šemsa den Hidschab weiterhin getragen“, hieß es in der jugoslawischen Presse.
Doch die verordnete Genderrevolution hatte Grenzen. Zum einen, weil auch der Parteiapparat wohl nicht gänzlich überzeugt von der Sache der Frauen war: Fußball und Boxen etwa blieben für Frauen verboten, oft (ähnlich wie im Westen) mit Hinweis auf vermeintliche Gesundheitsgefahren. Auch religiöse Oberhäupter aller Couleur waren eher mittelmäßige Feministen. Und Nikola Mijatov und Sandra S. Radenović schreiben, dass trotz der Bemühungen um gleiche Quoten etwa im Crosslauf 1948 nur 19 Prozent der Teilnehmer:innen weiblich waren.
In den Sportverbänden waren rund ein Drittel der Mitglieder Frauen, mit den niedrigsten Quoten im ländlich geprägten Bosnien und Mazedonien. Allerdings ist das sehr respektabel im internationalen Vergleich: So lag in der Bundesrepublik 1950 bei der Gründung des DSB der Frauenanteil bei zehn Prozent.
Mit der Zeit, schreibt Genderhistoriker Ivan Simić, erlahmte die Bewegung. Vor allem, weil es für Mädchen kaum möglich war, weiter Sport zu treiben, sobald sie Hausfrauen wurden. In Slowenien etwa war ein Drittel der Arbeiter:innen täglich noch drei bis sechs Stunden mit Care-Arbeit beschäftigt, ein weiteres Drittel sogar sechs bis neun Stunden. Oder, wie Simić es formuliert: „Sozialistische Männlichkeit beinhaltete nie Haushalt.“ Vielleicht hat Wunderläuferin Ankica Škrtić ein ähnliches Schicksal ereilt. Bald jedenfalls verliert sich ihre Spur.
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