Frankreichs Ex-Kulturminister Jack Lang: Mitgegangen, mitgehangen?
Der ehemalige französische Kulturminister Jack Lang gibt wegen Epstein-Beziehungen sein Kulturamt auf. Schon vorher wurde ihm Pädophilie nachgesagt.
Wie von einer „Dampfwalze“ sei der 86-jährige Jack Lang überrollt worden, sagte ein Bekannter des ehemaligen französischen Kulturministers der Zeitung Tribune du Dimanche. Andere werden meinen, Lang sei bloß von seiner Vergangenheit eingeholt worden. Am Wochenende hat er seinen Rücktritt als Präsident des Pariser Institut du Monde arabe (IMA) eingereicht. Der Grund: Langs Name, und ebenso der seiner Tochter Caroline, tauchten mehrere Hundert Mal in den jüngsten Epstein-Files auf. Da es mutmaßlich um verheimlichte Offshore-Investitionen und Immobiliengeschäfte geht, hat die Justiz eine Voruntersuchung eingeleitet.
Lang ist nicht der Einzige in Frankreich, der in den kompromittierenden Archivdokumenten vorkommt, aber wahrscheinlich der Prominenteste. Dabei ist es schon eine Weile her, dass Jack Lang allen in Frankreich ein Begriff war. Als Kultur- und Erziehungsminister in den 1980ern und 1990ern war er ein Eckpfeiler der Mitterrand-Ära. Unter anderem verdanken ihm die jährliche „Fête de la musique“ am 21. Juni viele private Rundfunksender.
Auch sonst hat er wesentlich die Kulturpolitik des sozialistischen Staatschefs François Mitterrand samt dessen pharaonischen Bauprojekten (Pyramide des Louvre, Opéra Bastille) ins Rollen gebracht. Wenn Frankreich bis heute in Film, Musik oder Mode noch eine große Strahlkraft besitzt, geht dies zumindest teilweise auf das Konto von Lang.
Einige der engen Kontakte, die er pflegte, erscheinen heute jedoch höchst problematisch – in erster Linie seine Freundschaft mit Jeffrey Epstein, den er laut eigenen Angaben 2012 durch die Vermittlung von Woody Allen kennenlernte. Dass Epstein bereits 2008 wegen Prostitution von Minderjährigen verurteilt was, will Lang heute nicht gewusst haben.
Pädophilie-Gerücht steht lange im Raum
Wahrscheinlich wäre die Nennung des Namens Jack Lang in den neuen Epstein-Files keine Schlagzeile, wenn nicht schon lange und wiederholt Gerüchte wegen Pädophilie gegen ihn im Umlauf wären. Ohne stichhaltige Beweise wurde kolportiert, er habe an Orgien mit Minderjährigen im marokkanischen Marrakesch teilgenommen. Wenn in Paris hinter vorgehaltener Hand über pädokriminelle Skandale in der politischen Elite getuschelt wird, fällt unweigerlich sein Name.
1977 hatte Lang zusammen mit anderen politisch links engagierten Intellektuellen (unter ihnen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Louis Aragon und Michel Foucault) eine Petition in Le Monde unterzeichnet, die Nachsicht für Menschen verlangte, die des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen ohne Gewaltanwendung angeklagt werden. Auch später äußerte er öffentlich ein gewisses Verständnis für wegen Pädophilie angeprangerte Schriftsteller wie Gabriel Matzneff.
In der Gerüchteküche und für die öffentliche Moral gibt es keine Unschuldsvermutung. Gegner aus dem eigenen und feindlichen Lager spielten die Vorwürfe oft gegen Lang aus, als er von 2002 bis 2012 Abgeordneter in der Opposition war, aber auch später noch. Trotzdem war sein internationaler Ruf als Kulturförderer intakt genug, um ihm 2012 die Leitung des IMA zu übertragen.
„Er bezahlt heute die Rechnung für 40 Jahre Gerüchte über ihn“, zitiert die Tribune du Dimanche den anonymen Vertrauten des gefallenen Kulturstars. Kommen jetzt die Beweise, die man vorher vergeblich suchte? Solange nichts Handfestes zu Langs Verwicklung in Epsteins kriminelle Machenschaften vorliegt, kann der Ex-Kulturminister jammern, er sei Opfer der Devise: Mitgegangen, mitgehangen.
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