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Frankreich vor Halbfinale gegen SpanienAlles für Kylian Mbappé

Frankreichs Trainer Deschamps lässt Steckpässe statt Flügelspiel trainieren. Das ist zugeschnitten auf Kylian Mbappé, aber auch andere profitieren.

Die Geste mit der größten Symbolik im französischen Turnier ist eine ganz simple: zwei Männer, die sich umarmen, herzlich, nachgerade innig. Es sind Kylian Mbappé, der unangefochtene Star der französischen Mannschaft, und Didier Deschamps, sein Trainer. Ungewöhnlich an dieser Umarmung ist nicht, dass sie stattgefunden hat. Aber ihre Dauer und die aufrichtig scheinende Zugewandtheit, ja Zuneigung, die sie transportiert: Das ist es, was vielen Be­ob­ach­te­r*in­nen aufgefallen ist.

Didier Deschamps war nie ein beliebter Trainer, und schon gar nicht wurde er geliebt. Einer französischen Öffentlichkeit, die nichts gegen etwas Glamour und ein paar Schrullen hat, die es auch gerne sieht, wenn Prominente gut reden, galt er insgesamt als steif, unnahbar, technokratisch, etwas ungehobelt.

Das war durchaus ein Grund seiner Berufung zum Nationalcoach: Von Ballsaal-Generälen hatte der französische Verband die Schnauze voll. Deschamps Vorvorgänger, Raymond Domenech, hatte sich als heillos überfordert erwiesen, und dessen Nachfolger Laurent Blanc – wie Deschmaps auch eine tragende Figur beim Titelgewinn 1998 – hatte sich früh in Skandale verstrickt. Es brauchte auf der Bank diesen urigen, bodenständigen, auch ein bisschen langweiligen Typ, um die französische Mannschaft zu stabilisieren.

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Dafür hat es Rückgrat gebraucht, denn vielen Kri­ti­ke­r*in­nen galt Deschamps lange als Spielverweigerer. Immer wieder sah er sich der Frage gegenüber, warum Frankreich die Gegner nicht in Grund und Boden dominierte, warum es teilweise fast Antifußball spielte. Aber das Bild nach außen hat Deschamps nie groß interessiert. Einem der Kritiker antwortete er einmal: „Wenn Dich (unser Spiel) langweilt, schau halt was anderes.“

Ein Gerne-Erklärer

So barsch und unwirsch er nach außen wirkte, nach innen hin ist sein Anspruch ein ganz anderer. Da geht es um das Ausbalancieren, nicht nur taktisch, auch menschlich. Dadurch nehme das Gruppenmanagement viel mehr Zeit in Anspruch, sagte Deschamps im Interview mit Sportbild. „Weil vor allem die jungen Spieler-Generation noch mehr Austausch braucht. Ich will nicht sagen mehr Zuneigung. Aber die Spieler wollen mehr erklärt bekommen. Das ist aber normal – und ich mache das gerne.“

Wenn Dich [unser Spiel] langweilt, schau halt was anderes

Didier Deschamps, Nationaltrainer

Keine Sätze, die man zum Beispiel von Julian Nagelsmann zu hören bekommen hat. Aber genau die Wagenburgmentalität, die es in großen Turnieren braucht.

Die ist aber nur ein Baustein einer erfolgreichen Mannschaft, es muss auch fußballerisch funktionieren. Und an dieser Stelle hat Deschamps vielleicht die meisten Fortschritte gemacht: Er hat eine Offensive gebaut, die aus sich heraus ihre eigenen Stärken entwickeln kann, auch wenn die Fähigkeiten einzelner dabei nicht komplett abgerufen werden.

Olises Rolle

Sinnbildlich dafür steht Michael Olise, der im Turnier einen verkappten Spielmacher gibt, obwohl er sich bei Bayern München zu einem der weltbesten Eins-gegen-zwei-Spieler entwickelt hat. Deschamps aber will etwas anderes von ihm sehen: nämlich Zuspiele. Wie herausragend Olise diese Vorgabe löst, zeigt vielleicht jenes Detail: 5 Tore bereits hat Frankreich nach Steckpässen erzielt, ein Mittel, das in vorangegangenen Turnieren im französischen Spiel überhaupt nicht existierte.

Die umgebaute Statik kommt zuvorderst Kilian Mbappé zugute, der dadurch seine Stärken voll ausspielen kann. Anders als bei Real Madrid, das viel flügellastiger ausgerichtet ist, kann er mit allem, was er kann, glänzen. Er dankt es der Mannschaft und dem Trainer, indem er inzwischen auch den ein oder anderen Passweg des Gegners zuläuft. Sicher, das ist weit entfernt vom aufopferungsvollen Kampfgeist eines Olivier Giroud, aber es ist doch eine vielsagende Geste. Mbappé, dem gerne unterstellt wird, ein Egomane zu sein und jedes Team aus dem Gleichgewicht zu bringen, darf bei dieser WM auch zeigen, dass er ein Mannschaftsspieler und – mehr noch – ein Anführer sein kann.

Deschamps wird nach dem Turnier seinen Posten räumen, und trotz aller Kritik wird man ihn in warmer Erinnerung behalten, egal wie das Spiel gegen Spanien ausgeht. Es ist dies sein Triumph: dass er auf ganz biedere Art den französischen Fußball zum Leuchten gebracht hat.

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