Flucht nach Großbritannien: Über den Ärmelkanal

Migrant*innen und Flüchtlinge kommen zunehmend per Schlauchboot aus Frankreich nach Großbritannien. Dieses Jahr waren es bereits über 4.000.

Ein Schlauchboot der britischen Grenzpolizei. In dem Boot befinden sich Polizisten und Geflüchtete. Die Polizisten tragen Schwimmwesten und Helme mit Visier. Die Geflüchteten nur Schwimmwesten.

Samstag 8. August: Britische Grenzpolizei bringt aufgegriffene Flüchtlinge in den Hafen von Dover Foto: Kirsty Wigglesworth/ap

LONDON taz | In alten Tagen wurde die Kreideküste Kents von englischen Seefahrern sehnsüchtig besungen. An hellen Tagen ist die markante weiße Steilküste sogar von Frankreich aus zu sehen. Nur 34 Kilometer Ärmelkanal liegen zwischen Calais und Dover. Die Strecke dazwischen ist das meistbefahrene Gewässer der Welt.

Zunehmend finden sich dort nicht nur riesige Frachtschiffe, sondern Menschen in überladenen Gummibooten und sogar auf Surfbrettern und Kajaks, die die Routen der Frachter von Frankreich aus in Richtung der weißen englischen Küste überqueren.

Eine große Zahl von Migrant*innen und Flüchtlingen hauptsächlich aus Irak, Afghanistan und Syrien nutzte in den letzten Wochen das gute Wetter und die ruhige See, um in übervollen Gummibooten über den Kanal nach England zu fahren. Am vergangenen Donnerstag waren es 17 Boote mit 235 Menschen, ein Rekord.

Im Juli allein kamen 1.100 Bootsflüchtlinge in Großbritannien an, seit Januar nach Angaben des britischen Grenzschutzes etwa 4.000. Die meisten werden von Schiffen der britischen Küstenwache gerettet.

Dass Menschen aus der EU-Zone lieber ins unabhängige Großbritannien ziehen wollen, versteht die britische Regierung keineswegs als Kompliment. Stattdessen gibt sie sich unnachgiebig. Innenministerin Priti Patel griff am Freitag zu dem berühmt-berüchtigten Brexit-Slogan Dominic Cummings, „Take back control“, mit Bezug auf die angeblich unkontrollierten Grenzen und bezeichnete die Situation als eine „Schande“.

Nigel Farage macht Druck auf die Regierung

Die Kontrolle der Grenzen, vor allem die Sicherung gegen unerwünschte Einwanderung, war eines der Brexit-Argumente im rechten Milieu, und wurde unter anderem von Nigel Farage oft erwähnt. Er macht seit Monaten auf die Rekordzahlen von Bootsanlandungen in Kent aufmerksam, reist an die Küste und bezichtigt die konservative Regierung der Untätigkeit. Vergangene Woche sprach er von einer „Invasion“ mit Worten, die an den normannischen Er­oberungszug im Jahr 1066 erinnern.

Das Innenministerium will diese Überfahrten unrentabel machen, indem es die Einreisemöglichkeiten erschwert. Aber Patel selbst wies darauf hin, dass es hier nicht nur operative, sondern auch rechtliche Hürden gebe. Sobald sich nämlich Menschen in Not in britischen Hoheitsgewässern befinden, müssen sie nach internationalem und englischem Recht geborgen und gerettet werden. Einfach zurückschicken geht nicht.

Neben einer stärkeren Marinepräsenz – die allerdings sogar zu mehr Fluchtversuchen führen könnte, weil Flüchtlinge glauben könnten, dass die Wahrscheinlichkeit ihrer Rettung damit steigt – setzt die britische Regierung nun ihre Hoffnung auf Gespräche mit den französischen Partnern im Laufe dieser Woche.

Großbritannien geht es dabei darum, dass die Mi­gran­t*in­nen schon in französischen Gewässern abgefangen und nach Frankreich zurückgebracht werden, so wie es auf dem Landweg längst bei versuchten Überquerungen auf den Fähren aus Calais oder durch den Kanaltunnel geschieht.

Migrantenverbände fordern legale Einreise

Es ist allerdings fraglich, ob derartige Maßnahmen wirklich etwas bringen werden. Weder die Verschärfung der Kontrollen in den letzten Jahren oder die Erhöhung der Grenzzäune in der Nähe des Eurotunnels noch der Abbau des sogenannten Dschungel-Lagers für Flüchtlinge außerhalb von Calais noch die erweiterten Grenzschutzpatrouillen auf hoher See oder die strengere Kontrolle von Lkws weit im Hinterland führten zu einem Rückgang der Einwanderungsversuche von Flüchtlingen, die lieber in Großbritannien als in Frankreich ihr Glück versuchen wollen. Es änderte sich lediglich die Art und Weise der Versuche, nach England zu gelangen.

Laut Sunday Telegraph fordert Frankreich, dass Großbritannien für erweiterte Kon­trollen auf französischer Seite Kosten in Höhe von 33 Millionen Euro deckt. Großbritannien hat seit 2015 bereits über 110 Millionen Euro für die genannten Maßnahmen in Frankreich und für britische Grenzkon­trollen in Calais gezahlt, gemäß einem bilateralen Abkommen, das vom Brexit unberührt ist.

Auf britischer Seite sollen nun auch Drohnen, Schnellboote sowie Suchflugzeuge und Helikopter der Luftwaffe verstärkt zum Einsatz kommen.

Bella Sankey, Direktorin der Flüchtlingshilfsorganisation Detention Action, glaubt, dass andere Maßnahmen eher helfen würden. Viele der Menschen, die sich in Frankreich aufhalten, hätten legitime Anrechte in Großbritannien, etwa auf Familienzusammenführung. Statt verstärkter Kontrolle fordert sie legale Einreiserouten. Dieser Forderung schließt sich auch Fizza Qureshi vom Migrants’ Rights Network an, vom größten Netzwerk für Migrant*innen in Großbritannien.

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