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Streikposten, Siebdruck und intensive Diskussionen: Die taz Kantine wurde zum Epizentrum des Protesttags Foto: Sophie Kirchner

Flinta*-Streik in der tazEin Tag ohne „Bro Culture“

Flinta* beim Streikposten in der taz-Kantine, die Männer am Produzieren: Einen Tag lang legen taz-Redakteur*innen die Arbeit nieder. Was war da los?

E lla Rendtorff hat gezögert. Es ist Montag, ihr erster Tag als Praktikantin in der Kulturredaktion der taz, und Rendtorff sieht vor allem: Männer. Sie sitzt in der Morgenkonferenz, dort wird sie vorgestellt und ist, abgesehen von der Chefredakteurin, die einzige Frau im Raum. Um sie herum sitzen 25 männliche Kollegen, als die Tür aufgeht. Herein kommt eine Gruppe taz-Redakteurinnen, mit Musikbox und Kochtopf. Es läuft ein Song von Rosalia, der neuen Pop-Ikone, und die Gruppe, die die Konferenz stört, fordert Rendtorff auf, mitzukommen.

Meine Verpflichtung als Frau ist es, heute mitzustreiken

Ella Rendtorff, taz-Praktikantin

Einen kurzen Moment überlegt sie, ob sie aufstehen soll. „Ich dachte: Ich bin doch Praktikantin, es ist meine Pflicht, an der Konferenz teilzunehmen“, erzählt die 25-Jährige später. „Aber dann wusste ich: So ein Quatsch. Meine Verpflichtung als Frau ist es, heute mitzustreiken.“ Rendtorff schließt sich der Gruppe an. Sie ziehen, mit lauter Musik und Jubel, in die taz Kantine, wo ein Streikposten eingerichtet ist.

Das Bündnis „Enough“ hat am Montag zum globalen Frauenstreik aufgerufen. Es ist der 9. März, ein Tag nach dem feministischen Kampftag, der auf einen Sonntag gefallen ist. Überall auf der Welt sind Flinta* aufgerufen, die Arbeit niederzulegen. Sie sollen lieber „sitzen, liegen, singen, 1 Minute schreien, tanzen und picknicken“, so schreibt es das Bündnis aus rund 1.000 Frauen* und einigen Männern, die zu dem Streik aufrufen. An vielen Orten in Deutschland finden Demos statt, in einigen Betrieben werden verlängerte Mittagspausen abgehalten.

Mehr als 120 taz'ler*innen in der Chatgruppe

Auch in der taz wird gestreikt. Flinta*-Kolleginnen der taz, also Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen, planen seit Wochen, wie dieser Montag laufen soll. Anfang Februar, noch bevor der offizielle Aufruf erschienen war, wurde eine Chatgruppe gegründet, in der schnell über 120 Kolleg*innen versammelt waren. Es gab Plena und Organisationsrunden, Forderungen wurden entworfen und diskutiert, das Programm des Tages erdacht, der Streikposten in der taz Kantine verankert.

Erster Tag im taz Praktikum - und gleich mitten im Streik: Ella Rendtorff Foto: Sophie Kirchner

Es sind verschiedene Forderungen, die die Streikenden in der taz an diesem Tag verbinden. Einige fordern mehr Lohntransparenz. Andere wollen, dass unsichtbare Arbeit, die häufig von Flinta*-Personen geleistet werde, sichtbar gemacht wird. Männlich dominierte Machtstrukturen, die sogenannte „Bro-culture“, sollten durchbrochen, transfeindliche Inhalte unterbunden werden. So steht es auf einer langen Forderungsliste, die die Streikenden verteilen.

Neun Uhr sollte der Streikposten starten. Aber um die Uhrzeit sitzen nur drei Frauen im Raum und warten. Die Organisator*innen des Tags stecken ein Stockwerk darüber fest: am Frühstückstisch bei taz 2, dem Gesellschafts- und Medienressort. Es läuft Musik aus einer Box, Croissants stehen auf dem Tisch, Brezeln, Weintrauben, Tee und ein Strauß roter Nelken. Vorbeilaufende werden bejubelt, Anastasia Zejneli, eine der Organisator*innen des Tages, trommelt auf einem Kochtopf. „Wir warten mal ab, was heute passiert“, sagt Ressortleiterin Doris Akrap. Formell ist sie im Dienst, also zuständig, Texte für taz.de und das E-Paper zu produzieren. „Aber nur, wenn Angebote reinkommen“, sagt Akrap und lacht. Denn für Angebote bräuchte es Autor*innen, und zumindest das Ressort taz 2 ist kollektiv in den Streik getreten.

Auch auf den anderen Etagen ist es an diesem Morgen deutlich leerer als sonst. Es sind vor allem Männer, die in Konferenzen sitzen, Texte schreiben und produzieren, Korrektur lesen, Seiten layouten, die Buchhaltung im Blick haben, in der taz Kantine bedienen. Rechtlich gesehen ist der taz-Streik kein Streik, sondern ein Tag Sonderurlaub für die Streikenden, im Einvernehmen mit der Geschäftsführung. Darauf weist ein Mitglied des Betriebsrats per Mail hin.

Eine Wäscheleine voller Protestshirts

Im Laufe des Vormittags sammeln sich in der taz Kantine immer mehr Menschen. Großen Andrang gibt es vor allem beim T-Shirt-Druck. Die Kolleginnen vom Layout haben eine Siebdruckmaschine ausgeliehen und ein Logo entworfen: drei Streikende mit erhobener Faust. „Solidarität ist unsere Superkraft“, steht drum herum. In bunten Farben drucken es die KollegInnen auf T-Shirts, Beutel, Tücher. Schnell hängt eine lange Wäscheleine voll mit bedruckten Textilien.

Leinenweise Protest: T-Shirts aus dem Siebdruck Foto: Sophie Kirchner

Spricht man mit den Streikenden in der taz Kantine, dann hört man unterschiedliche Stimmen zum Streik. Nicht alle stehen vorbehaltlos dahinter. Ihnen sei bewusst, sagen viele Kolleg*innen, dass es in anderen Medienhäusern viel mehr Probleme gebe: männliches Dominanzgehabe oder starre Hierarchien, die Frauen übergehen. Und trotzdem, sagen Kolleg*innen, gebe es auch in der taz noch viel zu tun.

Mir ist dieser Streik zu bürgerlich

Isabell Lott, taz-Fotoredakteurin

Eine der wenigen Kolleg*innen, die nicht streiken, ist die Fotoredakteurin Isabell Lott. Sie ist an diesem Tag dafür zuständig, die Bilder für die ersten Seiten rauszusuchen. Sie hat aber auch im Vorfeld die Fotografin organisiert, die den Streik fotografiert. Mitstreiken will sie trotzdem nicht. Der Streik sei ihr zu bürgerlich, sagt sie. „Die Mehrzahl der Frauen in normalen Arbeitsverhältnissen kann heute nicht streiken. Und das Argument, wir würden für diese Frauen mitstreiken, leuchtet mir nicht ein.“

"Mir ist es hier oft zu soft"

Seit zwanzig Jahren arbeitet Lott für die taz. Diese zu bestreiken, dafür sieht sie keinen Grund. „Das, was die Streikenden als ‚Bro Culture‘ bezeichnen, sehe ich als Boomerin anderes: Mir ist es hier oft zu soft. Ich will, dass härter diskutiert wird.“ Früher, sagt sie, sei die Kultur in der taz durchaus „frauenfeindlich“ gewesen, männlich dominiert. „Es gab eine extreme Mackerkultur, vor der einige Kolleginnen richtig Angst hatten. Ich auch zum Teil.“ Frauenredakteurinnen seien ausgelacht worden, Männer hätten sich nur um die härteren Themen gekümmert. „Dass das heute besser ist, darüber bin ich schon froh“, sagt Lott. Die jungen Leute würden immer freundlicher, das gefalle ihr. Deswegen frage Lott sich auch, ob sie mitgemeint sei, wenn jüngere KollegInnen sich über den schroffen Umgangston beschweren.

"Smash Patriarchy": Ein Protestbanner am Eingang der taz Foto: Sophie Kirchner

Mit Männern über den Streiktag in der taz zu reden, ist nicht einfach. „Ich muss arbeiten“, sagt einer, ohne vom Computer aufzublicken. „Zu viel zu tun“, ein anderer. Auf dem Flur scherzt ein Kollege, es sei viel entspannter heute, ohne die Frauen. Der Betriebsratsvorsitzende will zunächst nichts sagen, weil er die nächste Betriebsratswahl vorbereiten müsse, bringt dann aber später doch noch ein ausgedrucktes Statement vorbei. Der taz-Betriebsrat unterstütze den Streik, heißt es darin, „weil faire Bezahlung, gleiche Rechte wie geregelte Arbeitszeiten, Gesundheitsschutz, Datenschutz, Rechte für Schwerbehinderte und sichere Arbeitsbedingungen keine Sonderforderungen sind, sondern grundlegende Arbeitnehmer*innenrechte. Auch in der taz ist noch genug zu tun, wie überall sonst!“

Ein Kollege, der reden will, findet sich dann doch. Gereon Asmuth ist zuständig für taz.de. Auch dort soll der Streik sichtbar werden. Texte, die von Frauen geschrieben würden, sollen ausfallen. Fotos, die von Frauen gemacht oder rausgesucht würden, nicht gezeigt werden. So richtig viele Lücken entstehen dann aber doch nicht auf taz.de. „Wir müssen uns heute eher zwingen, Lücken zu lassen“, sagt Asmuth. Er müsse jeden Tag entscheiden, Texte wegzulassen, weil eine Redaktion nie alles berichten kann. „Und trotzdem frage ich mich heute besonders: Ein Text darüber, wie Frauen in Baden-Württemberg die Landtagswahlen beeinflusst haben, lassen wir den gerade heute weg? Oder müssen wir den nicht gerade heute bringen?“ Der Text fällt dann tatsächlich weg.

Die Landtagswahl ist für die taz das andere wichtige Thema an diesem Tag. Zufällig ist der Großteil derer, die zu Baden-Württemberg besonders gefragt sind, männlich: der Grünen-Fachredakteur, der Landeskorrespondent, der AfD-Spezialist. Der Kommentar zum CDU-Debakel, geschrieben von einer Frau, war schon am Sonntag fertig. So fällt das Thema am Montag nicht aus.

Schon 1980 streikten taz-Frauen, eine Woche lang

In der taz Kantine stellt die ehemalige Leiterin der taz-Genossenschaft Konny Gellenbeck am Vormittag frühere Frauenstreiks in der taz vor. Sie erzählt von einem Text in der taz, Anfang der 1980er, der so sexistisch gewesen sei, dass er die taz-Mitarbeiterinnen extrem erzürnt habe. Es folgten eine Woche Frauenstreik, erschöpfte Männer, Frauen, die ihre Brüste entblößt haben, ein männlicher Kollege, der, nur im Pelzmantel bekleidet, zurückprotestierte. Alte Geschichten, aber, sagt Gellenbeck zu den rund 100 Zuhörenden gewandt: „Ich kann euch nur bestärken: Geht in den Betriebsrat, in den Vorstand, geht in die Ressortleitung. Macht weiter so tolle Ausgaben wie die Feministaz von Samstag.“ Es folgen lauter Applaus und Jubelrufe aus dem Publikum.

Sehr nachgefragt: Der Siebdruck hinter der taz Kantine Foto: Sophie Kirchner

Ella Rendtorff, die Praktikantin, hört alldem geduldig zu. Sie hat sich ein T-Shirt bedrucken lassen. Eigentlich studiert sie Kulturjournalismus in München. Sie hat ein Praktikum bei der Süddeutschen gemacht, dann eines bei der Zeit. Dass JournalistInnen hier heute streiken, findet sie richtig. „Eine Zeitungsredaktion ist doch ein kleiner gesellschaftlicher Mikrokosmos. Und wo, wenn nicht hier, sollte ausgehandelt werden, was Geschlechtergerechtigkeit bedeutet?“

Wie schwer das aushandeln ist, zeigt sich um 13.30 Uhr, in der sogenannten Einserkonferenz. Dort werden jeden Tag die Ideen für die Seite 1 diskutiert. Normalerweise ist das eine kleine Runde, ein paar Redakteure, ein*e Layouter*in, ein*e Fotoredakteur*in. An diesem Tag jedoch wird die Runde in die Kantine verlegt, zum Streikposten, und damit zu einer der größten Titelrunden der taz-Geschichte. Um halb zwei betritt der Seite-1-Macher Lukas Wallraff die Bühne. Mit dabei hat er einen Laptop und ausgedruckte Entwürfe. Ein bisschen unsicher setzt er an: Er will entweder das Streiklogo zeigen und darüber den Ausruf „Flint*a-Streik“. Oder er will ein Foto von drei streikenden Frauen zeigen, die die bedruckten T-Shirts tragen, und darüber die Zeile „Wir streiken“.

Das Fernsehprogramm auf der Seite 1?

Die Medienredakteurin schlägt vor, das Fernsehprogramm auf der Seite 1 zu zeigen, weil es unter den Leser*innen so beliebt ist. Gelächter in Raum. Eine Kollegin plädiert für den Titel „Flinta*Streik“. Aber erschließt der sich auch den Leser*innen, die den Begriff „Flinta“ nicht kennen? „Dann sollen die sich halt mit dem Begriff beschäftigen“, fordert eine. Eine andere Kollegin schlägt vor, ein Bild von der rein männlich besetzten Morgenkonferenz zu zeigen, „als dystopische Realität“. Wieder Gelächter. Es geht hin und her, am Ende votiert die Mehrheit für das Fernsehprogramm.

Forderungen musste nicht lange diskutiert werden - es gab sie zuhauf Foto: Sophie Kirchner

Später werden die zentralen Forderungen der Streikenden diskutiert. Praktikant*innen sollten mehr Geld verdienen, ist eine Forderung, mehr Gehaltstransparenz eine andere. Das Thema Transparenz treibt viele Kolleg*innen um: Gibt es wirklich mehrere besser bezahlte Männer in der taz, mit Sonderposten und Sondergehalt? Gibt es individuell ausgehandelte Zulagen? Anja Mierel, Mitglied des taz-Vorstands, klärt einiges auf: Einen Gender Paygap gebe es nicht in der taz, die Gehälter der Praktikant*innen diskutiere der Vorstand derzeit, weitere Forderungen werde sie mitnehmen in das Gremium.

Viel Zustimmung bekommt die Forderung danach, die „Bro Culture“ abzubauen. Der Begriff beschrieb ursprünglich mal Donald Trump und seine Männerfreundschaften mit Elon Musk und Co. Heute steht er für eine Machokultur am Arbeitsplatz. Die zeige sich, erzählt eine Kollegin, vor allem darin, dass ältere männliche Kollegen jüngere KollegInnen von oben herab behandelten. Eine andere Kollegin verweist darauf, dass viele männliche Kollegen sich förmlich aufdrängen, wenn es darum gehe, Kommentare zu schreiben, weibliche KollegInnen jedoch häufig eher zurückhaltend seien.

Chefredakteurin sieht keine "Bro Culture" in der taz

Katrin Gottschalk, eine der drei Chefredakteurinnen der taz, verfolgt die Diskussion, aber teilt den Standpunkt nicht. „Ich erkenne keine solche Kultur in der taz“, sagt sie anschließend. „Aber einzelne Männer nehmen sehr viel Raum ein, und wir werden in der Moderation von Konferenzen in Zukunft mehr darauf achten.“ Die Redaktion, sagt Gottschalk, sei paritätisch besetzt, die Führungsfrauenquote läge in der taz bei 61,3 Prozent. „Dennoch schreiben Männer die meisten Texte. Wir sollten analysieren, warum das so ist, und uns es dann gemeinsam ändern.“

Zwei taz-Redakteurinnen diskutieren: Was muss besser werden? Foto: Sophie Kirchner

Ella Rendtorff verfolgt all das mit Spannung. Sie ist nicht die ganze Zeit im Streikposten dabei, sie will nicht gleich am ersten Tag einen schlechten Eindruck hinterlassen. Die Sorge ist unberechtigt, findet Kultur-Ressortleiter Dirk Knipphals. Dass Rendtorff am Morgen die Konferenz verlassen habe, sei „taztypisch richtig“, sagt er und grinst.

„Taztypisch“ klingt gut, sagt Rendtorff später. Wenn dieser Streiktag „taztypisch“ gewesen sei, dann sei sie mit ihrem Praktikum am richtigen Ort.

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