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Film „Oh What a Lovely War“Aus fünf Brüdern im Gras werden fünf weiße Kreuze

Das Antikriegsmusical „Oh! What a Lovely War“ war das Regiedebüt des Schauspielers Richard Attenborough. In dieser Satire passt wunderbarerweise nichts zum anderen.

Das britische Kino verbirgt seine avantgardistischen Neigungen – und die sollte man nie unterschätzen – gerne im Spektakulären. Das gilt für den frühen Hitchcock, der schon im Stummfilm den Thriller als reine Form zu entwickeln begann. Es gilt für die nicht nur von Martin Scorsese sehr zu Recht hochverehrten Michael Powell und Emeric Pressburger, denen keine verrückte filmische Idee fremd war. Es gilt für Peter Greenaway und seine höchst eleganten fake-historischen Tableau-Kompositionen zu mitreißender fake-barocker Michael-Nyman-Musik. Und es gilt sogar noch für Christopher Nolan, der sein in „Memento“ ausgestelltes Faible für paradoxe Erzählzeitexperimente nach Hollywood mitgebracht hat.

Man trifft auf pulsierende Avantgarde selbst da, wo man sie gar nicht erwartet. Etwa im Werk Richard Attenboroughs: Er war schon jahrzehntelang eine feste Bank als Darsteller im britischen Theater und Film gewesen, später wurde er zum hochgeschätzten, aber nicht mehr sonderlich aufregenden Regisseur sehr solider Biopic-Epen wie „Ghandi“ oder „Chaplin“. Sein Debüt allerdings, 1969 entstanden, war ein völlig anderer Fall. „Oh! What a Lovely War“ geht dabei auf ein Theaterstück zurück, das von einer Radiodokumentation inspiriert war, die sich vor allem auf ein 1917 erschienenes Buch mit dem Titel „Tommy’s Tunes“ bezog.

Dieses Buch versammelte satirische Texte, die britische Soldaten im Ersten Weltkrieg meist zu vertrauten Melodien sangen. Zu einem Riesenerfolg wurde die von der ihrerseits avantgardistischen, lange in einer Art Kommune lebenden Theatertruppe Joan Littlewoods, Theatre Workshop entwickelte Musical-Theaterversion.

Die DVD

„Oh! What a Lovely War“ (Großbritannien 1969, Regie: Richard Attenborough). Das britische Label Eureka hat den Film in seiner „Masters of Cinema“-Reihe nun in einer für rund 30 Euro erhältlichen BluRay-Version kanonisiert.

Littlewood, die scharf links eingestellt war, Brecht inszenierte, viel mit Improvisationen experimentierte und den Krieg hasste, hatte die Soldaten in Commedia-dell’arte-Pierrot-Kostüme gesteckt. Wie im Stadion lief auf einer Anzeigetafel an der Seite der Bühne fortwährend der Stand der im Krieg Getöteten mit.

Die Schlacht als Puppenspiel

Attenborough und das Drehbuch des vor allem als Spionageromanautor berühmten Len Deighton übernehmen das Element, aber nur zwischendurch, weil Attenborough die meiste Zeit den weißen Bühnenraum, in dem sein Film beginnt, für draußen gedrehte Szenen verlässt. Draußen heißt dabei: Brighton, das Seebad.

Hier werden unter einer Leuchtschrift „Erster Weltkrieg“ Soldaten rekrutiert, es geht in die Schlacht, erst als Puppenspiel, dann real, es gibt Match Cuts vom Feuerwerk zu Phosphorbomben auf dem Schlachtfeld. Dies alles zwischendurch mit Musik, die oft in der Unterhaltungstradition von Gilbert und Sullivan, der 19. Jahrhundert-Meister, steht. Dies alles so satirisch wie der Song, der dem Film den Titel verleiht.

Das Grandiose daran ist, wie das eine hier nicht zum anderen passt. Die Unterhaltungsmusik nicht zu millionenfachem Sterben und Tod. Das Musical nicht zum Antikriegsfilm. Dessen Schützengrabenrealismus nicht zur theaterhaften Künstlichkeit vieler Szenen. Das Staraufgebot von Laurence Olivier und John Gielgud bis Vanessa Redgrave und Maggie Smith nicht zur unübersichtlichen Anonymität des Geschehens. Das Ernste nicht zum Komischen, im Kontrast oft fast wie bei Monty Python absurd und frappant.

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Trailer „Oh What a Lovely War“

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Im Theaterstück ist, das war Littlewood wichtig, auf der Bühne niemand gestorben. Im Film dagegen sieht man – neben Szenen wie einer utopischen weihnachtlichen britisch-deutschen Schnapsverbrüderung – viele Verletzte und Tote. Unvergesslich das Schlussbild: fünf Brüder im Gras, in fünf weiße Kreuze überblendet. Dann zieht die Kamera auf, ein unendliches Feld mit damals ohne Spezialeffekt tatsächlich real in den Boden gerammten weißen Kreuzen, kein Ende in Sicht.

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