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Film „Funeral Casino Blues“Geister, die durch Bangkok driften

Im Spielfilm „Funeral Casino Blues“ wählt der Regisseur Roderick Warich einen formbewussten, offenen Ansatz. Assoziationen gehen bei ihm vor Action.

Sie sind nicht (mehr) dort, wo wir sind. Und doch sind sie nicht weg, sie schimmern durch die Realität hindurch, hinterlassen, ob verstorben, verschwunden oder immer schon imaginiert, ihre Spuren und begleiten uns und vor allem unsere Gedankenwelt: die Geister. Im deutschen Kino geraten sie dank eines Filmemachers wie Christian Petzold nicht in Vergessenheit. Wie kein Zweiter hat der der Berliner Schule zugerechnete Regisseur von metaphorischen Geistern und lebendigen Gespenstern erzählt.

Auch Roderick Warich findet in seinem inhaltlich wie formal produktiv mäanderndem Film „Funeral Casino Blue“ einen ganz eigenen Zugang zum Geisterhaften. Sein Film, der gleich einer nächtlichen Elegie in die neonlichtgetränkte thailändische Hauptstadt Bangkok eintaucht, erzählt von (ökonomisch) Getriebenen, von der Anonymität im urbanen Turbokapitalismus und vom Verschwinden und kommt dabei selbst als Geist daher: Der Film ist schwer zu fassen und doch total faszinierend.

Die Geschichte entzündet sich, und das hat etwas Augenzwinkerndes, an der Suche nach Feuer. Als Wason (Wason Dokkathum) in dem Apartmenthaus, in dem er lebt, an der Rezeption auf Jen (Jutamat Lamoon) trifft, reicht die junge Frau hinter der Rezeption ihm Streichhölzer – ein Moment, in dem die Zeit kurz stillzustehen scheint. Jen arbeitet in dem Hotel und trifft sich als bezahlte Teilzeitfreundin vor allem mit „Farang“, wie die westlichen Ausländer in Thailand genannt werden. Mit dem eingenommenen Geld unterstützt sie ihre auf dem Land lebende Familie.

Der Film

„Funeral Casino Blues“. Regie: Roderick Warich. Mit Jutamat Lamoon, Wason Dokkathum u. a. Deutschland 2025, 153 Min.

Nachdem Barkeeper Wason ihr bei einem übergriffigen Typen zur Hilfe kommt, kommen die beiden sich näher und Wason fährt Jen fortan zu ihren Dates. Verbunden sind sie auch durch den finanziellen Druck, denn Wason hat Schulden bei einem zwielichtigen Typen. Was genau das für eine Beziehung zwischen den beiden ist, macht „Funeral Casino Blues“ dennoch nie ganz konkret. Sie könnten auf dem Weg sein, ein Paar zu werden, und zugleich wirkt Wason, wenn er Jen mit seinem Motorrad durch die Nacht fährt, auch wie ein großer Bruder.

In Bildern und Stimmungen gedacht

Vieles bleibt in der Schwebe in diesem Film, der nicht klassisch plotgetrieben oder psychologisch gedacht ist, sondern von der Form, den Bildern und Stimmungen her. Sein Film sei allerdings, erzählt Roderick Warich bei der Weltpremiere in der Sektion Orizzonti auf dem Filmfest in Venedig, sehr „clean“ gebaut. „Wir versuchen im Schnitt zu verstecken, dass wir Plotpunkte setzen. Das hat ein bisschen was mit meinem Robert-Altman-Einfluss zu tun: in der Peripherie zu existieren und ein bisschen vor sich hin zu schwimmen“, meint der Regisseur.

Der 1983 in Köln geborene Warich hat in Ludwigsburg Drehbuch studiert und bereits sein Regiedebüt „2557“ in Bangkok gedreht. Bekannt geworden ist er als Co-Autor für Timm Krögers Debüt „Zerrumpelt Herz“ und dessen retrobewusstes Multiversumspektakel „Die Theorie von Allem“, das im Wettbewerb von Venedig Premiere feierte. Auch an Sandra Wollners Drehbuch zu „The Trouble with Being Born“ hat er mitgeschrieben, bei ihrem letzten Film „Everytime“, der in Cannes mit dem Hauptpreis der Sektion „Un Certain Regard“ geehrt wurde und letzte Woche startete, war er als dramaturgische Beratung beteiligt.

Warich, Wollner und Kröger sind gemeinsam mit Produzentin Viktoria Stolpe Teil der 2018 gegründeten Produktionsfirma „The Barricades“ – quasi als Gefäß, in dem das Kollektiv agiert. Alle haben in Ludwigsburg studiert und unterstützen einander seit Jahren bei ihren Arbeiten.

„Durch unsere Zusammenarbeit haben wir gemerkt, dass wir alle ähnliche Interessen haben“, erzählt Warich. „Vor allen Dingen sind wir daran interessiert, Film als audiovisuelles Medium zu verstehen und nicht als etwas, das nur an ein Drehbuch gebunden ist.“ Natürlich sei das Drehbuch als strukturgebendes Element wichtig, aber Film heiße eben auch: Musik, Bild, Licht, Atmosphären, Form. Sie alle stehen für einen formbewussten, offenen Ansatz, bei dem das Kino zur Assoziationsmaschine wird.

Die Grenzen zwischen Leben und Tod scheinen in Funeral Casino Blues ausgehebelt

Seine Liebe für den Kontinent und das asiatische Kino teilt Warich mit seinem Freund und weiteren Co-Produzenten Dominik Rockenmaier, der viele Leute in Bangkok kennt und eine Beziehung dort führte. „Wir sind nach Thailand gefahren, weil wir beide große Hongkong-Film-Fans sind und etwas in Asien realisieren wollten“, erinnert sich der Regisseur an die Zeit vor seinem Debüt „2557“. „Wir haben mit Spucke und Kaugummi einen Film gemacht, der auf Festivals lief“, meint Warich.

Bei „Funeral Casino Blues“ war es die Geschichte selbst, die ihn erneut nach Bangkok brachte. Die Idee seines zweiten Films, der westliche Protagonisten komplett außen vor lässt und mit seiner Länge von zweieinhalb Stunden im Slow-Cinema-Modus für deutsche Verhältnisse episch daherkommt, ist einem Bild entsprungen. „Es gab immer dieses Bild, ich weiß gar nicht, wo es herkommt, mit einem Mann, der eine Frau auf dem Motorrad zu Dates fährt“, erzählt Warich. Wobei sein Film ganz bewusst den darin impliziten Voyeurismus meidet und sogar umkehrt, wenn Jen später direkt in die Kamera schaut.

Als Inspirationsquellen für „Funeral Casino Blues“ nennt er die „Taiwanese New Wave“ und hier ganz besonders die Regisseure Hou Hsiao-hsien und Edward Yang. Auch Filme wie „Miami Vice“ oder das Kino Wong Kar-Wais und David Lynchs haben ihn stark beeinflusst, ihre Filme „In the Mood for Love“ und „Mulholland Drive“ sind für Warich mit das Beste von Anfang der 2000er Jahre.

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Trailer „Funeral Casino Blues“

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Weitere Referenzen, vor allem für den von Retrosynthesizern dominierten musikalischen Teppich, waren Computer- und Playstationspiele und Animes. „Der Film sollte sich anfühlen wie ein dokumentarischer Anime mit Lynch-affiner Romantik, die ein bisschen dunkler und kaputter ist. Aber natürlich ist niemand Lynch außer Lynch.“

In der Schwebe zwischen den Genres

In seinen drei Kapiteln entwickelt „Funeral Casino Blues“ einen düster-romantischen Sog, ohne zu sehr ins Melodram zu kippen. Und auch wenn eine Waffe eine zentrale Rolle spielt und der Film Entwicklungen nimmt, die an eine Gangsterballade denken lassen, bleibt er doch durchweg in der Schwebe zwischen verschiedenen Genres. Das zentrale Motiv ist das Geisterhafte. „Es war von Anfang an klar, dass es um Geister gehen wird“, erzählt Warich.

Dieses Geisterhafte schreibt sich in die Figuren ein, die recht isoliert durch ihre Existenzen driften und nach und nach auch in die Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Überwachungskameras, die den Film begleiten. Irgendwann bewegt sich auf einem solchen Überwachungsvideo ein gespenstischer Schatten durch Räume, Türen öffnen sich wie von Geisterhand. Spätestens mit Jens Verschwinden und der Suche von Wason und ihrer Mitbewohnerin Pim (Jutarat Burinok) sind die Spuren ihrer Abwesenheit überall. Was ist mit ihr passiert?

Gegen Ende scheinen die Grenzen zwischen Leben und Tod in „Funeral Casino Blues“ so konkret wie abstrakt ausgehebelt. Gibt es sie überhaupt? Oder sind die Figuren immer schon lebende Tote auf der Suche nach ein bisschen Glück? Wenn schließlich, wie zu Beginn, rötlich leuchtende Baumwipfel über die Leinwand ziehen und Mobys Song „My Weakness“ zu hören ist, fragt man sich: Was habe ich da gerade gesehen? Und das ist absolut als Kompliment zu verstehen.

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