Filetgrundstück an der Förde in Kiel: Bundeswehr will Freiraum wiederbesetzen
13 Jahre nach dem Abzug will die Marine das MFG-5-Gelände zurück. Die Stadt hat versäumt, es zu bebauen – und sucht nun einen Kompromiss.
D er Unterstand aus Brettern und Paletten auf dem Gelände des ehemaligen Marinefliegergeschwaders (MFG) 5 in Kiel bietet beste Aussicht auf die Ostsee, die an diesem Februarnachmittag unter einem regendunklen Himmel liegt.
Drinnen sitzen Waldmeister, Welle und Lizzy in dicken Jacken und Mützen als Schutz gegen den Wind, der durch die Ritzen weht. Die drei gehören zu einer Gruppe von Aktivist:innen, die abwechselnd seit Ende Oktober im Unterstand oder in einem Baumhaus in einem benachbarten Gehölz ausgeharrt haben.
Mit der Besetzung protestieren sie dagegen, dass die Bundeswehr das Gelände, das sie 2013 an die Stadt abgetreten hatte, nun wieder zurückkaufen könnte. „Es gibt bessere Nutzungen als durch das Militär“, sagt Welle.
„Wir sehen durchaus, dass man angesichts des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine anders über Schutz nachdenken muss als früher“, ergänzt Waldmeister. „Aber wir müssen aufpassen, dass wir bei der Verteidigung unserer Freiheit diese Freiheit nicht verlieren.“ Die Aktivistin meint damit, wie zurzeit hinter den Kulissen über den Rückkauf des Geländes verhandelt wird, ohne Bevölkerung und Betroffene einzubeziehen.
Gespräche zwischen Stadt und Bundeswehr
Eigentlich sollte auf den rund 90 Hektar des MFG-5-Geländes das neue Wohn- und Geschäftsviertel Holtenau-Ost entstehen, die Kieler Verwaltung sprach von einem „Sahnestück der Stadtentwicklung“.
Bereits heute nutzen verschiedene Gruppen die Fläche: In den früheren Kasernen leben Geflüchtete, Skater:innen trainieren auf einem überdachten Platz, und die Wohnwagen-Gruppe „Schlagloch“ ist im Sommer 2024 eingezogen. Aber „Schlagloch“ hat eine Kündigung erhalten, auch den Skater:innen teilte die Stadt mit, dass demnächst Schluss sein soll.
Offenbar stehen die Verhandlungen zwischen der Stadt, vertreten durch Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD), und der Bundeswehr kurz vor dem Abschluss. Am 6. März soll ein weiteres und vielleicht schon abschließendes Gespräch stattfinden, berichteten die Kieler Nachrichten. Dann liegt das letzte Wort bei der Kieler Ratsversammlung.
Samet Yilmaz (Grüne), künftiger Oberbürgermeister
Ulf Kämpfer, dessen Amtszeit im April endet, hat bereits zu Beginn der Verhandlung klargemacht, dass er auf eine gemischte Nutzung der Fläche setzt. Sein gewählter Nachfolger, der Grüne Samet Yilmaz, postete auf Instagram, er „würde es gut finden, dass diese schöne Ecke weiterhin den Kielerinnen und Kielern zur Verfügung steht“. Zudem solle die Bundeswehr im Tausch andere Flächen für Wohnbau anbieten – auch das klingt, als könne er mit einer Aufteilung des Geländes leben.
Also ein bisschen Militär und ein bisschen zivile Nutzung? Für die Besetzer:innen ist das keine Option. „Wer will nebenan wohnen, wenn da vielleicht mit scharfer Munition geübt wird?“, fragt Welle. Fast 100 Jahre lang sei die Fläche für zivile Nutzung gesperrt gewesen. „Das ist wie ein Sperrriegel, der die entfernteren Stadtviertel abschneidet“, sagt Welle.
Zurzeit gibt es einen Rad- und Spazierweg, der parallel zur Förde durch das Gelände führt. Die Aktivist:innen fürchten um diese Verbindung, wenn die Bundeswehr zurückkomme. Selbst wenn einige Hektar für zivile Gebäude übrigblieben – der großzügige Charme des ehemaligen Flugplatzes wäre dahin. Sollte sozialer Wohnungsbau entstehen, wäre er an den Rand gedrängt.
Die Opposition im Kieler Rat kritisiert seit Langem, dass die Verwaltung zu viel Zeit mit Planungen verschwendet hat, statt zu bauen und Fakten zu schaffen.
Doch der Leerstand kam denen zugute, die das Gelände zurzeit nutzen. Fällt nun eine Entscheidung zugunsten der Bundeswehr, träfe das unter anderem eine Gruppe aus Frauen, Lesben, intergeschlechtlichen, nichtbinären, transgeschlechtlichen und agender Personen (FLINTA), die sich regelmäßig zum Skate-Training trifft.
„Das Gelände ist perfekt für uns, weil es auch ein Rückzugsort ist“, sagt Helena, eine Sprecherin der Gruppe. „Als die Nachricht kam, dass wir wegmüssen, war ich den Tränen nahe.“ Ein geplantes Skate-Festival im Sommer werde wohl noch stattfinden können, das habe Oberbürgermeister Kämpfer bei einer Veranstaltung zugesichert. „Aber von allein haben wir diese Info nicht bekommen“, sagt Helena.
Dass Informationen so zögerlich fließen, weil die Stadt auf Geheimhalte-Zusagen gegenüber der Bundeswehr verweist, beklagt auch Ciri, die zu den rund zwei Dutzend Mitgliedern der Schlagloch-Gruppe gehört. Für sie hat die Entscheidung die größte Auswirkung, denn einen neuen Platz für ihre Wagen gibt es noch nicht. „Wir reden im Moment mit allen, die mit uns reden wollen“, sagt Ciri.
Die Reaktionen seien zwar meist positiv, etwa in der Kommunalpolitik. Aber es schwanke von Monat zu Monat: „Mal macht man uns Hoffnung, mal gehen wir frustriert aus einem Gespräch.“ Eine echte Alternative gebe es noch nicht.
Aber aufgeben werde die Gruppe auf keinen Fall, betont Ciri: „Wir wollen in Kiel bleiben und am liebsten noch wachsen.“ Unter dem Dach des Kieler „Bündnisses für bezahlbaren Wohnraum“ arbeiteten alle Beteiligten an Strategien für den Tag, an dem die Stadt eine Entscheidung trifft. Denkbar ist etwa ein Bürgerbegehren. Doch das kann frühestens starten, wenn ein Beschluss vorliegt.
Marinewerft ist schon da
Oder ist die Entscheidung bereits gefallen? Darauf deutet ein Gebäude hin, das inmitten der brüchigen Hallen und alten Backsteinkasernen in frischer Farbe leuchtet. Ein Sicherheitszaun umgibt die Halle, Schilder warnen vor Kameraüberwachung.
Hier ist eine Werft eingezogen: Das mittelständische Unternehmen „Gebrüder Friedrich Kiel“ wolle in Zusammenarbeit mit dem finnischen Unternehmen „Marine Alutech“ künftig unter anderem Marineboote bauen, berichtet der NDR.
„Ich wette, dass die Werft keine Kündigung bekommen hat“, sagt Aktivist Welle. Ihn stört, wie eng sich die Stadt zurzeit an die Bundeswehr bindet. So habe Ulf Kämpfer bei einer Veranstaltung davon gesprochen, dass Kiel und die Marine eine „Schicksalsgemeinschaft“ bilden.
Ja, aber zuungunsten der Stadt, sagt Welle: „Kiel hat in jedem Krieg gelitten, Kiel hat bis auf die Kreuzfahrt-Terminals, die wieder andere Probleme mit sich bringen, keinen eigenen zivilen Hafen.“ Holtenau-Ost sei eine Chance, das zu ändern.
Den Winter über blieben die Besetzer:innen in ihrem Baumhaus ungestört, bis zu minus zehn Grad war es in ihrer luftigen Höhe an manchen Tagen kalt. Jetzt, kurz vor der vermutlich letzten Verhandlungsrunde, kam ein Anruf des Ordnungsamtes: Die Stadt möchte über ein mögliches Ende der Besetzung reden.
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