Feminismus nach Pelicot : Die regressive Frau
Solange Frauen keine kritische Weiblichkeit etablieren, bekommen Männer immer einen Fuß in die Tür. Den abzuhacken, hilft nicht gegen die Ohnmacht.
Foto: polarica/getty images
M änner an die Wand!“, schreien mich die roten Lettern neben linken Plakaten, Stickern und Graffiti-Tags an. Mit einem mulmigen Gefühl stehe ich in einem selbstorganisierten studentischen Raum vor der Parole.
Exekutionsfantasien waren lange ein No-Go in der Szene. Wächst parallel zur patriarchalen Gewalt gerade eine Gegengewalt, vor allem seitens junger Frauen heran? Die Influencerin Frau Löwenherz schlägt auf Instagram vor, Männer, die Deep-Fake-Pornos verbreiten, an den Zehen aufzuhängen und zu kastrieren.
Dagegen scheint der Twitter-Post von Jette Nietzard – damals Chefin der Grünen Jugend –, „Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, können zumindest keine Frauen mehr schlagen“, geradezu brav. Mittelalterliches Lynchen ist popfeministisch in.
Zu Recht! Möchte frau angesichts der Kriminalstatistik meinen. 2025 waren 91,3 Prozent der Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung weiblich. Mit Todesfolge stieg diese Zahl um 8,5 Prozent zum Vorjahr. Die erfassten Vergewaltigungen stiegen seit 2018 um ganze 71,7 Prozent. Der Fall Gisèle Pelicot, die Debatten um Collien Fernandes, Femizide, Incel-Attentate, Vergewaltigungsnetzwerke: Fast jeden Tag versucht ein Mann, seine Partnerin zu töten.
Bankrotterklärung an die Emanzipation
Da ist es verständlich, sich aus der Ohnmacht heraus ermächtigen zu wollen. Nach der Scham muss jetzt auch die Macht die Seiten wechseln. Drehen wir die Bedingungen des Gewaltpatriarchats einfach mal um und beanspruchen die Rechte der Männer für uns.
Wenn das in der Praxis so klappen und Frauen tatsächlich frei machen würde. Lynch- und Racheaufrufe sind jedenfalls kein Anfang, sondern eine Bankrotterklärung an die Emanzipation. Sie zeigen, dass die Unterdrückten oft noch im Akt der Befreiung in das Ideal der ihnen verwehrten Macht verliebt sind.
Mit diesen Worten richtet die feministische Psychoanalytikerin Jessica Benjamin in die „Fesseln der Liebe“ ähnlich wie die Philosophin Svenja Flaßpöhler unseren Blick auf die andere Seite der Herrschaft: auf die weibliche Unterwerfung und unsere Handlungsspielräume.
Das Kernproblem – zumindest im konkreten Moment – ist nicht der einzelne Mann, der uns die Fesseln der Hassliebe um den Hals legt, und ob er sie gerade an- oder entspannt. Das Kernproblem sind die Fesseln selbst und unsere Position in ihnen. Ihr Halter tauscht sich durch den nächsten aus – ein leidvolles Beziehungsmuster vieler Frauen.
Psychischer Besitz
Die Schlüsselfrage ist, wo lassen wir Männern die Chance, uns die Fesseln anzulegen, bevor sie diese zuziehen können? Wo lassen wir ihnen die Chance, uns zu besitzen? Wo bieten wir uns psychologisch, sexuell und finanziell proaktiv dazu an? Und welche gesellschaftlichen Bedingungen drängen uns dazu?
„Der Herr wird erst durch die Chance der Anerkennung und Durchsetzung seiner Macht beim Knecht zu selbigem“ (Benjamin). Und dem körperlichen Besitz geht der psychische voraus.
Unbewusst und bewusst halten wir unseren Kopf hin: als sexualisierte Objekte bei OnlyFans, als mütterlich aufopferungsvolle Frau, die finanzielle Unabhängigkeit und Bildung für die Familie hergibt. Wir machen uns selbst zu Opfern. Zur Ware in Dating-Apps, zur kostenlosen Therapeutin, Putzfrau, Köchin und zur Tradwife. Da ist es nur natürlich, dass wir den Unterdrücker hassen müssen. „Männer alles Penner“, singt Ikkimel twerkend, während sie an ihrem neuen OnlyFans-Account arbeitet. Krankheitsgewinn könnte man das nennen.
Scheinbar ist es zu schmerzhaft, zu fühlen, wie patriarchale Machtverhältnisse uns schmackhaft gemacht wurden. Und wie erfolgreich diese leibliche Sozialisation war.
Warum stehe ich auf Bad Boys?
Wer wird schon gern feucht bei einem misogynen Porno? Wer genießt lustvoll die Plüschfesseln, mit denen Mann uns ans Bett fesselt, die würgenden Hände um den Hals beim Sex? Viele! Solange wir aber noch Luft ins Gehirn bekommen, sollten wir uns fragen: Warum machen mich patriarchale Herrschaftsfantasien und Kontrolle geil? Warum stehe ich auf Bad Boys und Macker?
Solange wir um unserer selbst willen keine kritisch-feministische Weiblichkeit etablieren, die sich gegen unsere eigenen regressiven Bedürfnisse emanzipatorisch durchsetzen kann, wissen Männer insgeheim, dass sie doch noch einen Fuß in unsere Tür kriegen. Diese Tür muss zu.
Verschanzen, die Straßenseite wechseln oder uns verhüllen, müssen wir uns deshalb nicht. Wir sind doch kein schwaches FLINTA*-Geschlecht, das in Safe Spaces versauert. Kämpferinnen der kritisch-feministischen Weiblichkeit wissen sich zu verteidigen und die Gewalt konkret, emanzipatorisch und verhältnismäßig einzusetzen. Sie ästhetisieren Gewalt nicht und fantasieren sich nicht in die Unterdrückerposition hinein.
Immerhin: Der Punkt des Ausrufezeichens hinter dem Schriftzug „Männer an die Wand“ ist ein Herz. Steckt also doch etwas Sehnsucht nach Beziehung und Liebe im verzweifelten Strafbedürfnis? Zu Recht!
Denn Manon Garcia hat nie gesagt, wir sollten nicht mehr mit Männern leben, sondern gefragt, wie das geht. Dem Heterofatalismus entgegen ziehen wir also unseren Hals auch schnell wieder aus der popfeministischen Schlinge der Askese. Aus ihr gucken wir sowieso nur in einen kalten „Sommer ohne Männer“ und in eine „Boy-Sober“-Zukunft ohne weibliches Begehren. Warum nicht gleich ein Chatbot als Freund?
Statt uns ein – oft zutreffendes – negatives Männerbild zu machen, sollten wir lieber eine konkrete und positive Vision einer Beziehung entwickeln. Einer Beziehung, in der es nicht um Macht, Ohnmacht oder gar Herrschaft geht, sondern um die gegenseitige Anerkennung zweier Subjekte. Denn weder realitätsferne Vernichtungsfantasien noch das abhängige Herumdoktern am Unterdrücker liegen in unserer Macht. Was wir tun – und mit wem – hingegen schon.
„Heute wieder meinen Freund unterdrücken“, grinst eine junge Frau auf Instagram in die Kamera und wackelt mit dem Hintern. Ihr Freund findet dieses Spiel mit seinen Fesseln sicherlich heiß. Doch wo bleibt ihre verdammte Schere? Nicht die für seinen Hals, sondern die, die ihre eigenen Fesseln durchtrennt.
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