Fan-Krawalle in Dresden: Stadionverbote sind auch keine Lösung
Die Innenminister wollen Fußballstadien schärfer überwachen. Ausschreitungen wie in Dresden kommen ihnen da gerade recht.
E s waren außergewöhnliche Szenen, die sich am vergangenen Samstag im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion beim Zweitligaspiel zwischen Dynamo Dresden und Hertha BSC abspielten: Anhänger beider Vereine standen sich im Stadion-Innenraum vor dem Gästeblock unmittelbar gegenüber und beschossen sich mit Feuerwerk. Erst das Eingreifen der Polizei beendete diese direkte Konfrontation.
Zuvor war es Dresdnern gelungen, einen Teil einer großen Zaunfahne des Förderkreises Ostkurve aus dem Gästeblock zu entwenden. Als die Fahne des Dachverbandes der aktiven Hertha-Fanszene, der Choreographien und Auswärtsfahrten organisiert, kurz darauf in der Dresdner Heimkurve präsentiert wurde, kletterten Herthaner über die Balustrade, mehrere Dutzend Dresdner rannten ihnen entgegen.
Die Ereignisse, die eine 20-minütige Spielunterbrechung zur Folge hatten, sind einer der gravierendsten Gewaltvorfälle in deutschen Stadien in dieser Saison. Sowohl das Betreten des Platzes, als auch direkte Auseinandersetzungen zwischen Fanlagern sowie der Beschuss mit Pyrotechnik gehören nicht zum Alltag des Profifußballs. Zu sicher sind die modernen Stadien, zu abgeschirmt die Fankurven.
Revierverhalten junger Männer
Die Eskalation nach dem Fahnenklau ist bei den Ultras, den besonders aktiven Fans, mit Revierverhalten testosterongesteuerter junger Männer zu erklären. Eigene Materialien gelten als heilig, so manche Ultragruppe hat sich nach einem Verlust der identitätsstiftenden Fahne bereits aufgelöst. Für die Dresdner ist die Aktion ein Coup, der die gewalttätige Reaktion ihrer Gäste bewusst provozierte.
Doch für die Szene der aktiven Fans bundesweit kommt der Vorfall zur Unzeit. Ausgerechnet an jenem Spieltag meldeten sich die Fans mit Protesten gegen repressive Maßnahmen zurück. Motto: Vor der Innenministerkonferenz ist nach der Innenministerkonferenz. Der IMK im Dezember waren massive Proteste vorausgegangen, um Maßnahmen wie KI-gestützte Gesichtserkennungssoftware, die Einführung personalisierter Tickets oder zentral verfügte Stadionverbote schon auf Verdacht zu verhindern. Zunächst erfolgreich.
Doch bereits im Juni droht auf der nächsten IMK neues Ungemach. Die Politik macht Druck auf die Fußballverbände für die Einrichtung einer bundesweiten Stadionverbotskommission. Diese soll bestehende Strukturen bei den Vereinen entmachten und Fans bereits bei Einleiten eines Ermittlungsverfahrens aus den Stadien verbannen. Anfang April hatten Fanszenen von 50 Vereinen diesen Plänen widersprochen, das entsprechende Statement findet sich auch auf den Seiten der wichtigsten Ultragruppen von Dynamo und Hertha.
Beklagt wird darin zudem eine Zunahme gewalttätiger Polizeieinsätze und die Behinderung von Anreisen zu Spielen. Ob bei Hertha, Magdeburg oder Stuttgart: In jüngster Vergangenheit war es zu teils massiven Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen. „Kein Zufall“, sagen die Fans: „Möglichst schockierende Bilder und Schlagzeilen sollen das politik- und polizeieigene Narrativ, die Stadien seien nicht sicher, Woche für Woche unterfüttern.“
Law-and-order-Minister
Man muss das nicht als Verschwörungstheorie abtun. Denn Law-and-order-Minister brauchen Aufhänger, um ihre Politik zu legitimieren. Dumm nur, dass die Fans den besten Grund nun selbst geliefert haben. Denn was hätte den Innenministern Besseres passieren können als die Ereignisse in Dresden? Sachsens Armin Schuster war prompt zur Stelle und sagte, ab jetzt dürfe es „kein Pardon mehr geben“.
„Die Stadien sind sicher“, lautete bislang das schlagende Argument der Fans gegen neue Maßnahmen. Im Grundsatz bleibt das richtig. Aber damit durchzudringen wird nach Dresden schwerer.
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