Eskalierte Polizeiarbeit in Hamburg: Frommes Wort, beunruhigende Tat

Vom Augenmaß bei polizeilichem Vorgehen ist gerade viel die Rede. Und dann kommen doch wieder nur Pfefferspray und Wasserwerfer.

Eine Frau hält eine kleine Sprühdose in der Hand.

Autsch! Eine Frau mit Pfefferspray in der Hand Foto: Daniel Karmann/dpa

Es ist viel bemüht worden in den vergangenen Wochen: Ausdrücklich mit Augenmaß wollte Hamburgs Polizei am ersten Vatertag unter den Bedingungen der Pandemie darüber wachen, ob all die Regeln zur Coronabekämpfung denn auch eingehalten würden. Ungefähr drei Wochen früher war eine dieser Regeln verschärft worden, nämlich eine Pflicht zur Mund-Nasen-Maskierung eingeführt und in Kraft gesetzt. Und auch da führte die Polizei-Pressesprecherin, noch recht frisch im Amt, es im Munde: Mit Augenmaß also würden die Kolleg*innen den Leuten ins (hoffentlich teilverkleidete) Gesicht sehen.

Polizeiarbeit also grundsätzlich mit Augenmaß? Eher schwer zu überzeugen wäre von der Wahrheit dieses Anspruchs wohl jene Altonaer Abendgesellschaft, die sich jetzt unvermittelt mit Pfefferspray und allerlei Straftatbeständen konfrontiert sah, wohlgemerkt: in der eigenen, laut dem Grundgesetz besonders geschützten Wohnung.

Zweifel an der Verhältnismäßigkeit polizeilichen Handelns dürften auch die Demonstrierenden äußern, die am Samstag in der Hamburger Innenstadt mit dem Wasserwerfer abgeräumt wurden. Ach ja: Ausgerechnet als „verhältnismäßiger“ hat die Polizei selbst das per Tweet bezeichnet – „verhältnismäßiger als unmittelbarer körperlicher Zwang“.

Am Samstag, aufgereiht zwischen mehreren Hundert sogenannter Hygiene-Demonstrant*innen auf der einen Seite und der Spottgesänge zum Besten gebenden Antifa auf der anderen: Da kann so eine Polizei schon mal den Überblick verlieren. Dass sie dann umso fester festhält an ihrer Version der Geschehnisse: nachvollziehbar, wenn auch deshalb noch lange nicht richtig.

Aber noch mal zu den alten Leuten von Altona. Welche Bedrohung können unbewaffnete Menschen im Rentenalter darstellen – nicht für irgendwen, sondern für sechs Beamte in Dienstmontur plus Hund? Dass am Ende die Geschichte aus sechs Mündern – wenn man’s könnte, ließe man sicher auch den Hund aussagen – mehr Aussicht darauf hat, geglaubt zu werden, als die der vier Betroffenen: eine beunruhigende Aussicht.

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Wollte irgendwann mal Geisteswissenschaftler werden, ließ mich aber vom Journalismus ablenken. Volontär bei der taz hamburg, später stv. Redaktionsleiter der taz nord. Seit Anfang 2017 Redakteur gerne -- aber nicht nur -- für Kulturelles i.w.S.

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