Erzfeinde im WM-Duell: Das Halbfinale der alten Wunden
Vor dem Spiel Argentinien gegen England kochen die Emotionen hoch. Krieg, Kolonialismus und Fußballmythen überlagern sogar das Duell Messi gegen Kane.
„Es ist ein Fußballspiel“, hat Argentiniens Trainer Lionel Scaloni vorab gesagt. „Es ist nichts weiter daran. Lasst uns nicht nach irgendwas anderem suchen. Wir werden Fußball spielen gegen ein großes Team mit einem großen Trainer, den ich sehr schätze und bewundere.“ Scaloni war redlich bemüht, die Atmosphäre vor dem Halbfinale gegen England nicht weiter zu erhitzen. Es blieb ein mühsames Unterfangen.
Denn rundherum, in den Medien beider Länder, im internationalen Boulevard, in den Fankurven und in der argentinischen Spielerkabine dröhnt es vor dem Spiel gegen England viel über die Falkland-Inseln. Jene hochsymbolische Inselgruppe vor der argentinischen Küste also, die seit Kolonialzeiten britisches Überseegebiet ist – allerdings heute mit offizieller Zustimmung der Inselbewohner:innen, die in einem Referendum dafür stimmten.
Dass diese Inselbewohner:innen großteils Nachfahren kolonialer britischer Siedler:innen sind, macht die Sache jedoch kompliziert. Aus kollektiver argentinischer Sicht gehören die hier Malvinas genannten Inseln zu Argentinien, die beiden Länder führten 1982 kurzzeitig Krieg darum.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Beim letzten Argentinien-Spiel in Kansas City gegen die Schweiz ließ sich erleben, wie die Massen von Fans in Weiß und Himmelblau schon in Erwartung gegen England sangen. Videos aus der argentinischen Kabine zeigen derweil die Mannschaft beim Singen des diesjährigen WM-Hits mit der Zeile „Für die Falklandinseln, für Diego, für Leos letzte WM“, natürlich in Anspielung auf die Götter Maradona und Messi. Die Falklandinseln sind Standard-Liedgut in Argentinien, wo der Anspruch auf die Inseln in der Verfassung verankert ist und es einen Feiertag zum Beginn des Krieges gibt.
Battlen mit Songs
Und wie so oft im Fußball verschwimmen vor dem Halbfinale nationalistischer Hass, begründeter antikolonialer Kampf – freilich nicht ohne Brüche in einer Nation, die sich gern weiß und europäisch erzählt – und eine fußballtypische spielerische Freude an Provokation bis zur Unkenntlichkeit. Auf Social Media wetteifern argentinische Fans seit Tagen, wer den viralsten Songtext gegen England und für die Falklandinseln erfindet. Und die Fifa hat ihre großen Emotionen.
Denn bekanntlich war dieses Halbfinale England gegen Argentinien von der Fifa per Setzliste hocherwünscht. Die vier Weltranglistenbesten sollten frühestens im Halbfinale aufeinandertreffen. Und was klänge verlockender als die große Fußballrivalität von Argentinien und England mitsamt der ganzen alten Schinken, die jetzt hervorgekramt werden?
Rein sportlich verspricht das Duell dabei eher wenig Augenschmaus. Beide Teams sind mit Hängen und Würgen und Fifas Beistand bis ins Halbfinale gekrabbelt, beide spielen keinen besonders ansprechenden Fußball. Die Engländer hätten sich nicht beschweren können, wenn schon im Sechzehntelfinale gegen Kongo Schluss gewesen wäre. Gegen Norwegen rettete sie das mutmaßliche TV-Kabel, das laut Fifa gar keins war. Argentinien hatte in jedem seiner K.-o.-Spiele große Schwierigkeiten und zumindest gegen Ägypten einen recht wohlgesinnten Schiedsrichter. Großer Fußball war das selten. Aber Harry Kane gegen Messi, das lässt sich eben besser verkaufen als Yoane Wissa gegen Mo Salah.
Großes Polizeiaufgebot
In einer Branche, in der Messis Inter Miami ohne sportliche Qualifikation zur Klub-WM durfte und Cristiano Ronaldo eine ganze WM ohne sportlichen Leistungsnachweis bestritt, ist England gegen Argentinien vielleicht das logische Halbfinale. Viele Storys, große virale Hits, emotionalisierte Fanszenen. Fußballerischer Verdienst bleibt optional. Dabei locken in der Theorie großartige Fußballer auf beiden Seiten. Und wer möchte nicht Lionel Messi und Harry Kane im direkten Vergleich gegeneinander antreten sehen, der eine bei acht, der andere bei sechs WM-Toren? Dass sechs argentinische Spieler in der Premier League unterwegs sind, darunter Cristian Romero, Enzo Fernández und Alexis Mac Allister, macht das Duell nur sportlich interessanter.
Lauter jedoch ist vor dem Halbfinale das Getöse. Die Polizei in Atlanta bereitet sich mit einem großen Aufgebot vor, wenngleich Fans im bisherigen Turnierverlauf eher nicht wild darauf schienen, ihre mehrere tausend US-Dollar teuren Tickets für eine Schlägerei aufs Spiel zu setzen oder die berüchtigte US-Polizei näher kennenzulernen. Und auf dem Platz? Argentiniens Ersatzstürmer José Manuel López fasste die Komplikationen so zusammen. „Natürlich ist es außerhalb des Platzes ein Duell mit viel Geschichte, viel Schmerz und viel, was dahinter steht. Aber wir sind Profis.“ Ein Halbfinale zu spielen, das sei Motivation genug.
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