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Mehr Übergangswohnheime, weniger Notaufnahmen: Bremen ordnet seine Geflüchtetenunterkünfte neu. Ist eine Erstaufnahme hinterm Bahnhof geeignet? Die CDU in der Bürgerschaft bezweifelt das. Ein Raumforscher findet, die Innenstadt ist gut fürs Ankommen

Geeignet für Geflüchtete? Bremer Freimarkt-Gelände Foto: Sina Schuldt/dpa

Von Lotta Drügemöller

Die Unterbringung von Geflüchteten in Bremen soll neu geordnet werden. Zeit wird es dafür: Das aktuelle System der Wohnheime ist die teuerste und zugleich die unattraktivste Lösung. Viel zu lange stecken Menschen in Bremen in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes fest.

Und viel zu oft handelt es sich bei diesen Erstaufnahmen noch immer um „Notaufnahmen“ – Notlösungen, die in der Krise geschaffen wurden und nun seit vielen Jahren in Betrieb sind. Von den 3.400 Plätzen der Erstaufnahme des Landes Bremen sind nur 1.000 in regulären Häusern untergebracht, die tatsächlich zum Wohnen geeignet sind. Der Rest lebt in Leichtbauhallen, Containern oder ehemaligen Großmärkten: in Achter-Abteilen, mit Wänden aus Spanplatten, die nach oben hin offen sind.

Menschen sollten in den Erstaufnahmen bis zum Abschluss des Asylverfahrens leben, höchstens aber sechs Monate. Doch der Wechsel in die Übergangswohnheime funktioniert nicht immer: Derzeit warten rund 700 Menschen in den Landesunterkünften, obwohl sie eigentlich schon in ein Übergangswohnheim dürften.

Dazu kommen rund 200 junge Leute, die nach ihrer Volljährigkeit länger in den Jugendeinrichtungen bleiben, weil sie weder eine eigene Wohnung finden, noch einen Platz im Übergangssystem bekommen.

Schlecht und teuer

Den Staat kostet die schlechte Lösung mehr als alle anderen: Durchschnittlich schlägt ein Platz im Landessystem der Erstaufnahmen rund 59 Euro pro Tag zu Buche – mehr als das Doppelte eines Platzes in den Übergangswohnheimen im kommunalen System mit rund 27 Euro pro Tag.

Denn auch die Menschen in den Übergangswohnheimen stecken fest: Der eigentliche Flaschenhals ist der angespannte Wohnungsmarkt. Die Zahl der Wohnungen, für die die Kosten der Unterkunft nach Sozialrecht übernommen werden könnte, ist gering, Geflüchtete können nicht in eigenen Wohnraum umziehen, sondern müssen in den Gemeinschaftsunterkünften bleiben und blockieren ungewollt in den Übergangswohnheimen Plätze für die nachrückenden Asylbewerber*innen.

Jetzt, wo die Zugangszahlen vergleichsweise gering sind, weil Menschen außerhalb der Grenzen abgewiesen werden, soll das System der Unterbringung in Bremen ein bisschen stabilisiert werden: Verschwinden sollen bis 2027 alle 2.400 Erstaufnahme-Plätze in Notaufnahmen.

Parallel müssen 800 neue Erstaufnahmeplätze in regulären Immobilien entstehen – und endlich mehr Anschlussplätze in Übergangswohnheimen. 600 davon, an fünf Standorten über die Stadt verteilt, sind bereits im Entstehen, ab 2027 werden drei weitere Gebäude mit 600 Plätzen angemietet.

Auch für die neue, die nicht mehr ganz so behelfsmäßige Erstaufnahme, konnte der Senat Ende Januar eine erste Lösung präsentieren: 350 Plätze entstehen an der Theodor-Heuss-Allee 8, wo heute noch die „Suppenengel“ residieren – ein Verein, der warmes Essen an Bedürftige verteilt. Eine Gemeinschaftsküche ist damit schon vor Ort.

Auch sonst eignet sich der Grundriss ohne größere Umbauten für Ein- bis Fünfbettzimmer. Die Kosten halten sich im Rahmen (insgesamt 18 Millionen Euro für 15 Jahre Nutzung) – und dann auch noch die Lage: mitten in der City. Ja, doch, man ist ganz glücklich mit dem Ort im Sozialressorts.

Die Lage allerdings findet nicht nur Freunde: 200 Meter vom Hintereingang des Hauptbahnhofs liegt die Adresse entfernt. Und Hauptbahnhof, das heißt „Drogenszene, Verwahrlosung und Kriminalität“, kritisiert die CDU.

„Man kommt nach Bremen und weiß noch gar nicht, wie ein Leben in Deutschland funktionieren und aussehen kann“, sagt Sigrid Grönert, die sozialpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. „Und dann gehören zu den ersten Dingen, die man sieht, der Müll, das Drogendealen, die Obdachlosigkeit und das Betteln. Das wird das Deutschland-Bild prägen“, sagt die Bürgerschaftsabgeordnete.

„Ich stelle mir das bildlich vor: Da ziehen Familien mit Kleinkindern und Halbwüchsigen ein, aber auch viele alleinstehende junge Männer. Sie kennen niemanden hier und sprechen noch kein Deutsch“, sagt Grönert. Wenn sie dann am Bahnhof auf ein kritisches Umfeld träfen, sei „die Verführung, in gewisse Dinge reinzugeraten“ einfach nah.

Eine gewisse Anfangsplausibilität bringt der Gedanke mit. Vor allem Geflüchtete mit abgelehnten Asylanträgen bleiben lange in den Erstaufnahmen – also jene Menschen, die wenig Hoffnung und kaum Perspektive auf eine dauerhafte, legale Lebensgrundlage in Deutschland haben.

Urbane Szenen gut fürs Ankommen

Die einschlägige Wissenschaft zur Raumforschung allerdings hat solche Zusammenhänge bisher nicht bestätigt. Im Gegenteil: Vor allem Orte an der Peripherie werden durch Studien bisher als ungeeignet ausgewiesen. Urbane Szenen dagegen glänzen durch eine gute Ankommensinfrastruktur: „Eine Lage mitten in der Stadt bedeutet Zugang zu sozialen Diensten, Bildung, Arbeit und medizinischer Versorgung“, lobt Sozialsenatorin Claudia Schilling.

Die Verbindung von Kriminalität am Bahnhofsvorplatz mit der geplanten Geflüchtetenunterkunft empfindet auch Philipp Piechura als konstruiert. Der Raumforscher sitzt für die Bremer Linksfraktion als Deputierter im Sozialausschuss, promoviert an der HafenCity Universität Hamburg zur Unterbringung Geflüchteter in hybriden Wohnprojekten und ist Mit-Herausgeber eines Sammelbands zur raumsensible Flucht-Migrationsforschung.

„Migrationsbiografien hängen nicht unmittelbar von der Lage einer Unterkunft ab“, sagt der Raumforscher. Wichtiger: Wie ist die sozialarbeiterische Begleitung vor Ort? Welchen Schutz und Rückzugsraum bietet die Unterkunft selbst?

Hauptbahnhof, das heißt Drogenszene, Verwahrlosung und Kriminalität, kritisiert die CDU

Beispielhaft nennt er das Ankunftsprojekt Refugio in Berlin, mitten in Neukölln. Dort habe es anfangs die Befürchtung gegeben, der Stadtteil werde zusätzlich belastet. „Das Gegenteil war der Fall“, berichtete Piechura. Das Zentrum sei zum Treffpunkt für den Stadtteil geworden, mit Café, Ateliers, Musikschulen und Festsaal, Räumen für Vereine und Initiativen. „Die Geflüchteten haben dort eine Möglichkeit bekommen, selbst ehrenamtlich tätig zu werden“, sagt Piechura.

Nicht nur Trinker- und Drogenszene

Auch in Bremen könne es sinnvoll könne es sein, weitere Nutzungen zu integrieren – „sei es über eine Auflockerung der Belegung durch studentisches Wohnen, durch ein offenes Kulturcafé oder eine Gestaltung der Erdgeschossräume durch künstlerische Initiativen“, schlägt er vor.

Das Umfeld des Bahnhofs besteht schließlich nicht nur aus der Trinker- und Drogenszene: Die Einrichtung ist nicht am verruchten Bahnhofsvorplatz angesiedelt, sondern auf der Rückseite, gegenüber der Bürgerweide, die eher als Parkplatz für große Konzerte, für den Freimarkt und die Osterwiese oder für den Flohmarkt bekannt ist. Auch der Bürgerpark, die Innenstadt und die Kreativszene am Güterbahnhof sowie am Schlachthof gehören zum Umfeld.

„Urbanität ist immer grundsätzlich auch Ambivalenz und Konflikt, da kommen wir nicht drum rum“, sagt Piechura. „Das lösen wir aber nicht durch Repression oder an den Rand drängen“.

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