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Erlebnisreisen mit der DBDie XXL-Jubiläumsfahrt der Bahn

Die Deutsche Bahn hat sich am Dienstag wieder selbst übertroffen. Ein Reisebericht aus dem Ruhrgebiet zu einem Geburtstagskind in Berlin.

Wie viel Prozent gibt es bei Verspätung von mehr als zwei Stunden? Foto: Ludwig Wallendorff/REA/laif
Gereon Asmuth

Aus Bochum, Dortmund, Bückeburg und Berlin

Gereon Asmuth

Es gibt Tage, da gibt die Bahn alles und übertrifft sich selbst. Der Dienstag war so einer. Aus gegebenem Anlass. Aber dazu später. Mittags stand die Familie nach einem schönen Pfingstwochenende tief im Westen am Bochumer Hauptbahnhof. Eine halbe Stunde zu spät, aber mit Plan. Denn die Bahn-App hatte gewarnt, dass der gebuchte ICE nach Berlin Verspätung haben würde. Dann kann man laut Bahnwerbung die Zeit noch mal zum Kuscheln nutzen. So weit, so normal.

Am Bahnhof angekommen, hat sich die angekündigte Verspätung schon auf eine Stunde ausgedehnt. Wegen einer technischen Störung ist der Zug noch nicht mal in Köln losgefahren. Aber Bahnprofis bleiben gelassen. Die Zugbindung ist ja aufgehoben. Nimmt man halt einen anderen.

Das ist leichter gesagt als getan. Denn der nächste ICE fällt komplett aus. Ein dritter soll zwar halbwegs pünktlich kommen, aber alle drei Züge sind laut Bahn-App so stark gebucht, dass für sie keine Tickets mehr verkauft werden. Wenn die sich jetzt alle in einen Zug drängeln bei 30 Grad im Schatten …

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Aber schlaue Kun­d:in­nen denken mit, packen Kind und Kegel in den gerade einfahrenden Regionalexpress nach Hamm – Verspätung: nur 56 Minuten. Da kommen manchmal ICE aus anderen Richtungen vorbei, die weiter nach Berlin fahren. Doch der RE endet vorzeitig in Dortmund. Die Personalabwechslung sei ausgefallen, gibt die freundliche Schaffnerin durch. Und weil sie und ihre Crew selbst schon über 10 Stunden im Dienst sind, geht es nicht weiter.

Verspätungsbingo in Dortmund

In Dortmund spielt die Bahnansage Verspätungsbingo. Wegen technischer Störung. Wegen eines Defekts am Zug. Weil der Zug zu spät bereitgestellt wurde. Wegen eines verspäteten vorausfahrenden Zuges. Wegen defekter Weiche. Weil ein entgegenkommender Zug durchfahren muss. Wegen Notarzteinsatz. Klar, wir haben Verständnis.

Fehlt noch was beim Bingo – und wird natürlich umgehend nachgereicht: wegen eines Polizeieinsatzes! Das trifft den einzigen, bisher halbwegs pünktlichen ICE. Unsere Hoffnung. Sie schmilzt wie das Eis, das wir den Kindern gegönnt haben.

Immerhin, mit kaum einer Stunde Verspätung kommt tatsächlich der Zug. Er ist erstaunlich leer. Alle Erwachsenen finden problemlos Stehplätze auf dem Gang. Dann aber kommt Bückeburg. Ein Kleinstadtbahnhof kurz hinter Minden. Der ICE hält. Und wartet. Und wartet. Bis auf dem Nachbargleis der mit zwei Stunden Verspätung doch noch in Köln losgefahrene ICE eintrifft. Dann eine neue Meisterleistung: Synchronwarten.

Die Zugbegleiterin meldet über Mikro, Grund sei diesmal eine defekte Weiche. Aber hey, das hatten wir doch schon. Das bringt uns im Verspätungsbingo nicht weiter. Dann darf der ICE neben uns losfahren. Wir warten noch mal fast eine Stunde.

Keine Kontrolle nirgends

Die Fahrgäste fachsimpeln, was in diesem Fall möglich ist. Wie viel Prozent gibt es bei Verspätung von mehr als zwei Stunden? 50! Eine weiß, dass man das Ticket später noch mal für die Strecke nutzen könne, wenn man nicht kontrolliert wurde. So, so. Hier kontrolliert heute sowieso niemand. Offenbar traut sich das Zugpersonal nicht mehr aus dem Kabuff.

Dabei ist die Laune im Großraum sehr entspannt. Das kleine Kind schläft ein, das große hört ein Hörspiel. Der Mann auf dem Nachbarsitz fragt per Telefon, ob er im gebuchten Hotel auch spät nachts einchecken kann. Eine Frau entschuldigt sich bei jemandem, dass sie unmöglich den Abendtermin schaffen werde. Eine andere sagt, das sei die schlimmste Bahnreise aller Zeiten. Freundliche Eltern verteilen die Umsonstkekse der Bahn an Mitreisende, die die lange Schlange im Bordbistro gemieden haben.

Per Lautsprecher wird ein Mann gebeten, sich beim Zugpersonal zu melden. „Der bekommt jetzt sein Geld zurück“, sagt ein Fahrgast. Alle lachen.

In der taz-App erscheint derweil die Zeitung von morgen. Da schreibt der Kollege Uwe Rada ein Loblied über den Berliner Hauptbahnhof. Der wurde am Dienstag vor 20 Jahren eröffnet. Hat also Geburtstag. Und damit wird einiges klar.

Glückwunsch! Die Bahn gibt alles

Offiziell hat die Bahn den Geburtstag ihres Berliner Rolltreppenladens nicht gefeiert. Aber unter der Hand hat sie ihren besten Kun­d:in­nen eine XXL-Jubiläumsreise geboten. 100 Prozent mehr Fahrzeit zum gleichen Preis!

Gegen 21.50 Uhr trudelt der ICE am hauptstädtischen Hauptbahnhof ein. Laut Ticket hätten wir um 18.16 Uhr da sein sollen. Dreieinhalb Stunden Verspätung. Es gibt Tage, da gibt die Bahn einfach alles.

Ein anderer Reisender berichtet dann noch, dass sich auf dem Weg vom Bahnhof in die Stadt der Bus der Berliner Verkehrsbetriebe am Reichstag so verfahren habe, dass er feststeckte. Die Pas­sa­gie­r:in­nen mussten laufen. Macht man ja gern in so einer lauen Maiennacht. Und in Berlin hört man gerade ganz besonders toll die Nachtigallen singen.

Das erlebt kein Autofahrer. Wir müssen gleich noch die Zugtickets für den Sommerurlaub buchen.

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