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Der Berliner Hauptbahnhof wird zwanzigEr tut, was er kann

Uwe Rada

Kommentar von

Uwe Rada

Kaputte Rolltreppen, öde Umgebung, Stummeldach. Über den Hauptbahnhof der Hauptstadt wird viel Spott gekübelt. Zeit, ihn mal zu loben.

Berlins Hauptbahnhof ist der größte Kreuzungsbahnhof Europas Foto: Berlinfoto/imago

D er Bahnhof mit dem größten Passagieraufkommen in Deutschland ist er nicht – der steht in Hamburg und zählt 540.000 Fahrgäste am Tag. Auch nicht der mit den kürzesten Wegen – die gibt es in Leipzig. Was den Berliner Hauptbahnhof auszeichnet, ist seine Leistungsfähigkeit. Als größter Kreuzungsbahnhof Europas schickt er die Reisenden nach Süden, Norden, Osten und Westen. Berlin, lange Zeit eine Stadt am Rande, liegt mit dem Hauptbahnhof wieder im Herzen Europas.

Am Dienstag wird Berlins Hauptbahnhof zwanzig Jahre alt. Von allen großen Bahnhöfen in Deutschland ist er damit der jüngste. Und der mit der vielleicht schwierigsten Geburt. Nicht nur wegen des Stummeldachs über den oberen Bahnsteigen. Das Dach wurde nicht zu Ende gebaut, weil der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn den Bahnhof unbedingt zur Heim-WM 2006 an den Start bringen wollte.

Auch die Entscheidung für einen einzigen großen Bahnhof war nicht ganz einfach. Vor dem Krieg war Berlin – wie heute noch Paris – eine Stadt der Kopfbahnhöfe. Alles, was danach kam, blieb Provisorium: der Bahnhof Zoo als zentraler Bahnhof im Westteil der geteilten Stadt wie auch der Hauptbahnhof genannte ehemalige Schlesische Bahnhof im Osten.

Mit dem Hauptbahnhof liegt Berlin wieder im Herzen Europas

Vor allem die Nostalgiker planten nach dem Mauerfall wieder Kopfbahnhofgeburten. Wie weitsichtig schließlich die Entscheidung für einen neuen Kreuzungsbahnhof war, erfährt jeder, der heute über Paris nach Marseille reist. Von Berlin kommen die Züge am Gare de l'Est an. Weiter geht es vom Gare de Lyon.

Macht vier Kilometer Luftlinie und mit der Metro mindestens 20 Minuten Fahrzeit, inklusive einmal umsteigen. In Berlin dagegen müssen die 330.000 Fahrgäste – etwa bei der Fahrt von Paris nach Warschau – beim Umstieg nur ein paar der 52 Rolltreppen nehmen, um von einem Gleis zum andern zu kommen

Kein Bahnhofsviertel. Gott sei Dank

Vielleicht ist es an dieser Stelle also einmal Zeit, danke zu sagen. Danke an Meinhard von Gerkan für diesen ebenso leichten wie eleganten Entwurf für einen Bahnhof, der am Ende aber vor allem eines leistet: Er tut, was er kann. Als Ort, von dem man abreist und an dem man ankommt. Gut zu erreichen, praktisch in der Handhabung.

Alles andere, das Drumherum, ist zweitrangig. Der Hauptbahnhof ist wie ein Staubsauger und ein Föhn zugleich. Er zieht auf seinen 14 Gleisen alles in sich hinein und bläst es wieder hinaus. Das funktioniert auf der grünen Wiese wie vor zwanzig Jahren genauso wie heute mit den städtebaulich belanglosen Plätzen vor und hinter dem Bahnhof und dem Europaviertel in der Heidestraße.

Warum also braucht Berlin, wie gerne kritisiert wird, ein Bahnhofsviertel, wenn sich der Bahnhof selbst genügt? Und, Hand aufs Herz: Wer will schon in Berlin ein Bahnhofsviertel wie in Hamburg oder Frankfurt?

Und nein, eine Shoppingmall aus lauter Billiggeschäften und Fressbuden wie in Leipzig braucht der Hauptbahnhof auch nicht. Es reicht, wenn er funktioniert. Und er funktioniert doch tatsächlich seit zwanzig Jahren leidlich und fast reibungslos. Was sind dagegen ein paar Rolltreppen, die mal ausfallen?

Vielleicht ist das ja die größte Leistung, die sich zwanzig Jahre nach seiner Eröffnung offenbart: Der Hauptbahnhof ist eine gigantische Verkehrsmaschine, die genau das leistet, wofür sie gebaut wurde. Menschen in Züge bringen und aussteigen lassen. Der Hauptbahnhof ist Berlins größte funktionierende Verkehrskreuzung und kein Sehnsuchtsort. Keine Kathedrale wie in Antwerpen, kein Belle-Epoche-Zauber wie in London St. Pancras, kein eklektizistischer Budenzauber Budapests Keleti pu.

Geburtstagsfeier fällt aus

Entsprechend nüchtern sollte er auch gesehen werden. Rolltreppen, die ausfallen, sind kein Symptom für ein gescheitertes Berlin, sondern das genaue Gegenteil. Wenn sie wieder fahren, bieten sie erstaunliche Blicke in die Tiefe des Raums, von der obersten Ebene bis auf die Gleise 1 bis 8 auf der tiefsten Ebene.

Und warum sind die Nörgler nicht auch mal stolz darauf, dass der Berliner Hauptbahnhof mehr Rolltreppen hat als alle Bahnhöfe in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt zusammen.

Und erst der Verkehrsanschluss. Kommt demnächst die S15, kreuzen sich am Hauptbahnhof nicht nur die Trassen der Fernbahn, sondern auch die der S-Bahn. Hinzu kommen ein U-Bahnanschluss und die Straßenbahnlinien am Europaplatz.

Dass die Deutsche Bahn wegen der defekten Rolltreppen die Geburtstagsfeier ausfallen lässt, ist dennoch richtig. Zum einen, weil der Umgang der Bauherrin mit ihrem 2022 verstorbenen Architekten schlicht würdelos war. Auch der Architekt einer Verkehrsmaschine hat schließlich Urheberrechte. Wie wenig lernwillig die Bahn ist, zeigt auch, dass der Name von Gerkan bei der Pressemitteilung zum Geburtstag nicht einmal erwähnt wird.

Mehr Rolltreppen als alle Bahnhöfe in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt zusammen

Zum andern, weil die Bahn zumindest in dieser Sache das Fingerspitzengefühl hat, das sie sonst so oft vermissen lässt. Die Feier eines funktionierenden Bahnhofs würde schließlich die Aufmerksamkeit darauf richten, was bei der Bahn alles nicht funktioniert. Und das ist fast alles.

Damit hat der Hauptbahnhof ein Superlativ sicher. Er ist der Bahnhof, der die Deutsche Bahn mit Abstand am schlechtesten aussehen lässt.

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Uwe Rada
Redakteur taz.Berlin
Jahrgang 1963, ist Redakteur für Stadtentwicklung der taz. Weitere Schwerpunkte sind Osteuropa und Brandenburg. Zuletzt erschien bei Bebra sein Buch "Morgenland Brandenburg. Zukunft zwischen Spree und Oder". Er koordiniert auch das Onlinedossier "Geschichte im Fluss" der Bundeszentrale für politische Bildung. Uwe Rada lebt in Berlin-Pankow und in Grunow im Schlaubetal.
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