Epidemiologin über Osterlockdown: „Problematisch, dass wir damit warten“
Zu spät und zu kurz: Epidemiologin Berit Lange zweifelt an der Wirksamkeit des Mini-Lockdowns von Gründonnerstag bis Ostermontag.
taz: Frau Lange, die fünftägige Osterruhepause: Ergibt das epidemiologisch wirklich Sinn oder ist das hilflose Symbolpolitik?
Berit Lange: Ich bin da zwiegespalten. Wir befinden uns in einer Situation mit deutlich steigenden Fällen, auch Intensivfällen. Die jetzigen Maßnahmen sind also nicht ausreichend. Von daher ist es völlig richtig, sobald wie möglich Kontakte weiter zu beschränken. Diese Osterpause entspricht grundsätzlich auch dem, was wir als Lockdown bezeichnen – also dass wirklich die Leute angehalten sind, zu Hause zu bleiben, weil fast alles geschlossen ist.
Aber …
Dass wir damit warten, halte ich für problematisch und woher die fünf Tage kommen, ist mir nicht verständlich. Ich kenne bislang keine Modellierungen, die diesen Zeitraum als sinnvoll belegen. Man kennt diese kurzen Lockdowns aus Ländern wie Australien und da ist das sicher sinnvoll, um in einem übersichtlichen Infektionsgeschehen versteckte Fälle zu finden. Aber wir sind in einer ganz anderen Situation: Wir haben sehr viele bekannte und unbekannte Fälle. Was man in den fünf Tagen nun macht, ist Folgendes: Man schickt die Leute nach Hause, wo sie enger und länger zusammen sind als ohnehin schon. Das erhöht also gegebenenfalls die Ansteckungen dort. In einem längeren Lockdown von sagen wir 14 Tagen ist das ein geringeres Problem, weil diese Infektionen in den Haushalten bleiben und damit der Effekt des Lockdowns insgesamt nur sehr gering beeinträchtigt wird.
Aber wenn die Menschen nach fünf Tagen wieder mehr Kontakte haben …
Das könnte sogar einen Effekt haben, der der Reduktion von Fällen, die ich durch die Maßnahme erreiche, zuwiderläuft. Diese Ruhetage sind sicher besser als ein Ostern mit Reisen und Feiern. Aber es kommt dann sehr auf die Maßnahmen im Anschluss an.
ist Leiterin der Klinischen Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.
Verschiebt man mit solchen Mini-Shutdowns nicht nur die Infektionsereignisse?
Dass muss natürlich vermieden werden. Insgesamt hat sich gezeigt, dass viele Kontakte ersatzlos wegfallen bei solchen Maßnahmen.
Wenn fünf Tage aus Ihrer Sicht zu kurz sind, sollten wir soweit möglich schon vorher eigenverantwortlich in den Lockdown gehen?
Wenn ich jetzt zum Beispiel mal für sieben Tage einkaufe und nicht nur für drei, das würde auch die Ballungseffekte reduzieren. Je mehr Menschen das so handhaben, umso besser.
Und dann ist nach Ostern alles gut?
Das wohl nicht, auch aktuell sind die Maßnahmen ja für deutlich über Ostern hinaus geplant. Aber jeder Monat, den wir jetzt schaffen, ist gut: Wir werden hoffentlich schneller impfen können, die vulnerablen Gruppen baldmöglichst geimpft haben und Teststrategien etablieren etwa an Schulen und Arbeitsplätzen.
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