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Die WahrheitZwei Geiseln, ach, in meiner Brust

Wenn einen die Bundesländer Brandenburg und Berlin gekidnappt haben – und seit der Kindheit nicht mehr loslassen.

B erlin und Brandenburg, das ist eine eigenwillige Kombination, ein Duo wie Mayonnaise und Senf, lange Haare und Akkubohrer, Liam und Noel Gallagher. Es hat etwas von einer langatmigen Geiselnahme, wie die Hauptstadt dort im Schwitz- des märkischen Sandkastens hängt, schon so lange, dass keiner mehr so recht weiß, wer eigentlich angefangen hat.

Dass die beiden überhaupt nebeneinander geraten sind, liegt vermutlich daran, dass sich ein ungelenker Praktikant des Weltgeistes beim Sortieren der Bundesländer vertan hat. Zu Recht herrschen deshalb zwischen den ungleich verteilten Einwohnern von Stadt und Land verzwickte Animositäten und Vorurteile. Von der deutschen Trennungsgeschichte sind diese noch einmal unvorteilhaft beeinflusst.

So manch ein Berliner blickt mit Argwohn auf die weite Steppe hinab, wo, so wird gemunkelt, neben den Wilden Kerlen sogar Energie-Cottbus-Fans wohnen und bei Nacht kuriose Lichttupfer am pechschwarzen Himmel erscheinen. Dass es so etwas wie „Brandenburger“ tatsächlich gibt, wird in manchen Ecken entschieden als Gerücht abgetan.

In Brandenburg wartet man derweil seit der letzten Jahrtausendwende auf das Eintreffen des angekündigten Internetsignals, um sich ein aktuelles Bild der unheiligen Stadt in der Mitte zu machen, aus der alle paar Jahre mal eine blauäugige Jungfamilie mit hoffnungsvollen Restaurierungsplänen für einen baufälligen Bauernhof gekullert kommt, nur um an den Mauern des Denkmalschutzes zu zerschellen.

Elterlicher Hinterhalt

Als gebürtiger Berliner wähnte auch ich mich einst in Sicherheit, räkelte mich im Lichte einer unbeschwerten Schöneberger Kindheit, bis ich mit zarten, unmündigen zehn Jahren in einen elterlichen Hinterhalt geriet und ins düstere brandenburgische Exil verschleppt wurde.

Die Stadtflucht ging mir entschieden gegen den Strich, aber in Brandenburg gilt das Gesetz des Stärkeren, und mir blieb nichts übrig, als mich meinem Schicksal zu fügen. Also hieß es Lebewohl ihr gläsernen Häuserfronten, ihr halbwegs regelmäßig erscheinenden Busse und Bahnen, und willkommen du Welt, in der es mehr Bäume als Menschen gibt, wo die Nächte so still sind, dass man seinen Fußnägeln beim Wachsen lauschen kann.

Es muss das Stockholm-Syndrom gewesen sein, das hier Brandenburg-Symptom heißt, denn nach einigem Zetern und diversen Schulwechseln begann ich, die Geisel in mir abzustreifen. Die Wälder schienen sich aufzuhellen, der märkische Sand wurde langsam trittfest, und ich wurde begeisterter Froschfänger, ein örtlich beliebter Jugendsport. Tatsächlich wuchs mir Brandenburg ans Herz. Das Land hatte mich gecatcht, und da saß ich wie ein Frosch im Eimer und konnte nicht anders, als mich in meiner neuen Umgebung feuchtfröhlich zu fühlen.

Und so wurde ich zu einem Fabelwesen, halb Berliner, halb Brandenburger. Der einmal im Jahr seine alten Berliner Freunde ins neue Domizil entführt. Als gelernter Geiselnehmer. Typisch Brandenburger eben.

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Elijah Skerra

Student der Allgemeinen und Vergleichenden Literatur in Berlin, Praktikant bei der taz im Ressort Die Wahrheit.
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2 Kommentare

  • Janix

    Westberliner im umgebenden Osten mit ostseeaffinem Nachnamen.



    Und darf mit privatem Lifestylegeplauder Zeilen füllen, hoffentlich wenigstens mit gutem Honorar.

  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    "Brandenburger"



    Äquivalent



    Hämbörger?