Eklat ums Volksbühnen-Schwimmbad: Wer hier provoziert
Der Umgang des CDU-Bürgermeisterkandidaten mit der Hetze rund um die Volksbühnenaktion ist verheerend. Aber es gibt auch eine gute Nachricht.
Foto: Christian Mang/reuters
W er sieht was als Provokation? Wenn jemand ein Tiktok beginnt mit den unwahren, aber eindringlichen Worten „Ich darf nicht ins Schwimmbad, weil ich weiß bin“, kann man das als Provokation bezeichnen.
Eine Berliner CDU-Politkerin erzählt in ihrem Video, dass sie – oopsie, Zufall – genau dann im Volksbad planschen will, wenn das Becken vor der Volksbühne für einen Verein aus der Schwarzen Community reserviert ist.
Um das zu wissen, muss sie das Programm des Volksbads gesehen haben. Das heißt: Sie weiß, dass dort auch andere geschlossene Veranstaltungen stattfinden. Darüber spricht sie nicht. Sie nutzt die Möglichkeit, einen Aufreger gegen einen Event der Schwarzen Community zu produzieren und geht – das war vorhersehbar – damit viral.
Mit ihrem Video stachelt die Konservative einen rassistischen Mob auf, der schließlich eine Bedrohungslage verursacht, die zur Absage eines Schwimmbadnachmittags für Schwarze Kinder und Jugendliche führte. Die Provokation ist gelungen.
Was zum Auftrag gehört
Kultursenator und Bürgermeisterkandidat Stefan Evers ignoriert das und sucht die Provokation an anderer Stelle. Zunächst muss festgehalten werden, dass Evers in seiner Funktion als Kultursenator darüber hätte aufklären müssen, dass die Inklusion von Gruppen, die vom bisherigen Theaterprogramm noch nicht gut erreicht werden und Maßnahmen zur Erschließung neuen Publikums zum Auftrag der Berliner Bühnen gehören.
Evers erwähnte auch nicht, dass solche Communityveranstaltungen durch das Landesantidiskriminierungsgesetz gedeckt sind. Stattdessen entscheidet er sich, darüber zu sprechen, dass Kunst provozieren dürfe.
Einen Schwimmbadausflug für Schwarze Kids als provokante Kunst hinzustellen, ist klassische Täter-Opfer-Umkehr und gleichzeitig ein fieses, aber geschicktes Ablenkungsmanöver.
Wer provoziert, hat sich mitschuldig gemacht. So spielt die Provokationserzählung rechte Gewalt herunter. Es wird suggeriert, die Volksbühne hätte den Hass bewusst miteinkalkuliert, ihn vielleicht sogar absichtlich heraufbeschworen.
Alles nicht so rassistisch
So wird dem Theater die Verantwortung gegeben und man muss sich nicht mit der Hetzkampagne beschäftigen, die von einem rechten Onlineportal ausging und an der sich die eigene Partei beteiligt hat. Man nimmt auch all diejenigen in Schutz, die gepöbelt und mit Gewalt gedroht haben: Die Leute sind ja gar nicht so rassistisch, sie haben sich einfach nur etwas schnell provozieren lassen.
Eine Auseinandersetzung damit, wie einfach sich immer mehr Menschen gegen Minderheiten mobilisieren lassen und welche verheerenden Auswirkungen solche rassistischen Kampagnen haben, bleibt dadurch aus.
Man geht auch der Diskussion aus dem Weg, wie Kultureinrichtungen und marginalisierte Gruppen zukünftig vor solchen Hasswellen geschützt werden können. Die Botschaft lautet: Provoziert einfach nicht, also zieht euch zurück. Erst mal aus der Kultur und sicherheitshalber vielleicht ganz aus dem Stadtbild.
Als Künstlerin bin ich enttäuscht von einem Kultursenator, der Kulturorte nicht aktiv schützt. Als Berlinerin möchte ich nicht von jemandem regiert werden, für den ein Badenachmittag für Schwarze Kids eine Provokation darstellt. Am 20. September können die Berliner*innen die CDU abwählen. Diese gute Nachricht hätte am Anfang stehen sollen.
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