Eklat um „Volksbad“ der Volksbühne: Wütend auf Nazis sein
In der Volksbad-Debatte passiert eine inakzeptable Wut-Verschiebung hin zu den Betroffenen. Dabei war der Auslöser ein rechter Shitstorm.
E s ist total okay, wütend auf Nazis zu sein. Man muss diese Wut nicht an anderen Linken auslassen. Wie ich darauf komme? Volksbad! Genau drei Wochen ist es her, dass eine Veranstaltung für Schwarze Kinder und Jugendliche an einem Berliner Theater abgesagt werden musste. Der Grund dafür war ein orchestrierter rechter Shitstorm. Das war sie auch schon, die Liste der Gründe.
Daraus folgt, dass wir darüber diskutieren müssen, wie wir in anderen aktuellen Fällen und in Zukunft auf derartige Angriffe reagieren können. Im Visier stehen Kunst und Kultur, marginalisierte Communities, NGOs, Vereine, Stadtfeste, Demos und Pride-Paraden.
Wir müssen über physische Schutzmaßnahmen reden, rechtliche Absicherung und Krisenkommunikation. Überhaupt sollten wir schleunigst herausfinden, wie wir besser aufeinander aufpassen können. Und wie wir Organisator*innen unterstützen können, die trotz, wegen und gegen den Druck von rechts freie Kunst ermöglichen, politische Veranstaltungen durchführen oder Angebote wie Community-Events und Safer Spaces für von Diskriminierung betroffene Gruppen machen wollen.
Diskursverschiebung
Das passiert bereits. Was aber seit der uns aufgezwungenen Volksbad-Debatte auch passiert, ist eine inakzeptable Wut-Verschiebung hin zu den Betroffenen sowie Victim-Blaming: Man hätte doch wissen müssen, was man mit dieser Veranstaltung auslöst, man hätte das doch auch anders ankündigen können und warum wurde die Schwarze Community überhaupt ins Volksbad eingeladen?
Die Antwort darauf ist bezeichnenderweise die gleiche wie auf die Frage: „Aber warum war sie denn auch so leicht bekleidet?“ Weil es warm war, weil es schön ist und weil das keine Einladung für einen Übergriff ist.
Zu diesen unangebrachten Fragen nach der eigenen Verantwortung oder Mitschuld aus Fahrlässigkeit kamen auch schwere Vorwürfe, die in Richtung Verschwörungstheorien ausuferten. Das Ganze sei eine Theaterinszenierung oder PR-Aktion gewesen, der Shitstorm bewusst miteinkalkuliert, Schwarze Jugendliche sollten ausgestellt werden. Absurd!
Nazis machen Nazisachen
Es ist nicht einfach, sich einzugestehen, dass man nicht alles unter Kontrolle hat. Da kann es erleichternd sein, im Auge eines rechten Shitstorms den Auslöser bei den eigenen Leuten zu suchen. Denn falls die Verantwortung bei uns liegt oder bei denen, die uns nahe stehen, mit denen wir im Gespräch sind, dann würde das bedeuten, dass wir noch Kontrolle haben. Dass wir beeinflussen können, ob und wie hart uns rechte Gewalt trifft.
Zu sagen: „Nazis machen Nazisachen, und die fallen immer öfter auf so fruchtbaren Boden, dass wir dem ausgeliefert sind – egal, was wir tun“, ist keine ermutigende Erkenntnis. Es ist beängstigend und demütigend. Da stellt man sich lieber vor, der rassistische Mob wäre fahrlässig oder gar absichtlich provoziert worden.
Die Alternative wäre, den Gedanken zuzulassen, dass rechte Netzwerke so effektiv sind und Rassismus in diesem Land so intensiv und weit verbreitet ist, dass das, was Betroffene tun oder nicht tun, kaum Einfluss hat. Es sei denn, wir hören ganz auf zu existieren.
Ja, es kann jeden treffen. Alle, die nicht ins rechte Weltbild oder Stadtbild passen. Diese Erkenntnis ist wichtig, damit wir uns gemeinsam solidarisch und strategisch dagegen stellen können.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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