Einsturz der Morandi-Brücke in Genua: 12 Jahre Haft wegen Brückeneinsturz
Als im Sommer 2018 in Genua eine Autobahnbrücke zusammenbricht, sterben 43 Menschen. Jetzt sind die Urteile gegen die damals Verantwortlichen ergangen.
Foto: Luca Zennaro/ANSA/ap/dpa
dpa | Es war eine Katastrophe mitten im Sommer, mitten in der Stadt, mitten im Hauptverkehr: Acht Jahre nach dem spektakulären Einsturz einer Autobahnbrücke im norditalienischen Genua, bei dem 43 Menschen ums Leben kamen, ist der Hauptangeklagte zu 12 Jahren Haft verurteilt worden. Ein Gericht in der Hafenstadt sprach den früheren Chef von Italiens Autobahngesellschaft, Giovanni Castellucci, schuldig. Der 66-Jährige sitzt wegen eines tödlichen Busunglücks auf einer anderen Autobahn bereits im Gefängnis.
In Genua war am 14. August 2018 um 11.36 Uhr die Brücke Ponte Morandi, die seit mehr als einem halben Jahrhundert mitten durch die Stadt führte, plötzlich zusammengekracht. Auf einer Strecke von 200 Metern stürzte die Fahrbahn nach unten. Autos und Lastwagen wurden 45 Meter in die Tiefe gerissen. Grund war nach einem Expertenbericht, dass die 1967 eröffnete Schrägseilbrücke wegen mangelhafter Wartung schwere Schäden hatte. Der Prozess gegen insgesamt 57 Beschuldigte dauerte vier Jahre.
600 Menschen verloren ihr Zuhause
Bei der Katastrophe starben nicht nur Autofahrer, die auf der Brücke waren, sondern auch mehrere Menschen am Boden. Sie wurden von herabstürzenden Betonteilen erschlagen. Zudem gab es 16 Verletzte. Etwa 600 Anwohner verloren ihr Zuhause. Mehrere Häuser mussten abgerissen werden, weil sie unter akut einsturzgefährdeten Brückenpfeilern lagen. Die restlichen Teile des Ponte Morandi – benannt nach dem Erbauer Riccardo Morandi – wurden schließlich kontrolliert gesprengt.
Weil die Brücke in Genua wichtigste Lebensader zwischen Hafen, Flughafen und Zentrum war, war die Stadt mit ihren fast 600.000 Einwohnern zwei Jahre lang praktisch in zwei Hälften geteilt. Seit August 2020 steht an derselben Stelle eine neue Brücke, die von dem aus Genua stammenden Stararchitekten Renzo Piano entworfen und in Rekordzeit nach oben gezogen wurde. Auf ihr sind 43 Lichtmasten – ein Mast für jedes Todesopfer.
Ein Topmanager als Alleinherrscher
Die Staatsanwaltschaft hatte gegen Castellucci 18 Jahre und 6 Monate Haft gefordert. Sie legte dem einstigen Topmanager zur Last, bereits seit 2009 von Mängeln gewusst zu haben. Die Anklage beschrieb ihn als Alleinherrscher, der das Unternehmen wie sein „Königreich“ geführt habe. Wichtiger als eine sichere Infrastruktur sei ihm der Profit gewesen. Die Verteidigung hingegen sprach von einem nicht erkennbaren Konstruktionsfehler an einem der Pfeiler. Castellucci selbst sagte: „Ich fühle mich verantwortlich, aber nicht schuldig.“
Trotz des massiven öffentlichen Drucks trat er als Chef der Autobahngesellschaft Autostrade per l'Italia (ASPI) erst ein Jahr nach der Katastrophe zurück – gegen eine Abfindung von 13 Millionen Euro. Inzwischen wurde er bereits wegen eines anderen Unglücks auf einer ASPI-Autobahn zu sechs Jahren Haft verurteilt. Dabei kamen 2013 in Süditalien 40 Menschen ums Leben, als ein Bus auf einer Brücke durch die Leitplanken brach.
Auch Ruf der Familie Benetton ramponiert
Der Einsturz der Morandi-Brücke brachte es auch mit sich, dass die Unternehmerfamilie Benetton – international vor allem durch Werbekampagnen für bunte Pullover bekannt – die Kontrolle über Italiens Autobahnnetz verlor. Der Staat erzwang eine Rückverstaatlichung der Betreibergesellschaft. Zudem bedeutete das für Benetton auch einen schweren Imageverlust.
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