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Ein Land geht unter

In Sudan geht der derzeit brutalste Krieg der Welt in das vierte Jahr. Daran wird auch die Konferenz zum Jahrestag des Kampfbeginns nichts ändern, die am 15. April in Berlin tagt. Stattdessen droht der Konflikt sich auf die Nachbarländer auszuweiten

Sudanesische Geflüchtete richten sich im Lager Oure Cassoni im Tschad ein, November 2025 Foto: Joris Bolomey/afp

Von Dominic Johnson

Jedes Jahr am 15. April gibt es irgendwo eine internationale Sudan-Konferenz. 2024 in Paris, 2025 in London und 2026 nun in Berlin. Pünktlich zum Jahrestag des Ausbruchs des Bürgerkriegs zwischen Sudans Armee und der paramilitärischen Miliz RSF (­Rapid Support Forces) am 15. April 2023 beraten dann Diplomaten, Helfer, Politiker und ausgewählte zivile sudanesische Stimmen über diesen Krieg, der die aktuell wohl schlimmste humanitäre Krise der Welt herbeigeführt hat. Es hat mittlerweile etwas Ritualisiertes, die Kriegsparteien sind nicht geladen, eine Abschlusserklärung wird nicht erwartet – sie könnte ohnehin nichts ändern.

Der Krieg hat Sudan weitgehend zerstört. 45 Millionen Menschen lebten dort vor dem Krieg. Ein Drittel davon wurde seit dem 15. April 2023 in die Flucht getrieben, die Hälfte hungert, zwei Drittel sind auf Nothilfe angewiesen. Da diese weder ausreichend finanziert ist noch den Großteil der Bedürftigen erreicht, verschlechtern sich die Lebensbedingungen der noch im Land lebenden Sudanesen von Jahr zu Jahr.

Als im August 2024 erstmals eine Hungersnot nach den Kriterien der UN in Teilen der westsudanesischen Region Darfur festgestellt wurde, war die internationale Betroffenheit groß. Seitdem hat diese Feststellung des UN-Hungerexpertennetzwerks IPC (Integrated Food ­Security Phase Classification) immer neue Gebiete erreicht, und die Prognosen für 2026 sind düster. Aber die Welt hat andere Sorgen.

Die Finanztabellen der UN-Koordinierungsstelle für humanitäre Hilfe (OCHA) offenbaren das Elend. 2,06 Milliarden US-Dollar spendeten Geberländer im Jahr 2024 für die humanitären Hilfspläne der UN für Sudan, 71 Prozent des Bedarfs. Im Jahr 2025 waren es nur 1,77 Milliarden, 40 Prozent des Bedarfs. Für das Jahr 2026 liegen die Geberzuwendungen bisher bei kümmerlichen 511 Millionen Dollar, also umgerechnet rund 437 Millionen Euro und 16 Prozent des Bedarfs. Um einen Berliner Vergleich zu bemühen: Diese Summe entspricht den Sanierungskosten der Komischen Oper. Fast die Hälfte davon kommt übrigens aus den USA, trotz Donald Trumps Kürzungen, Deutschland steuert bescheidene 23,5 Millionen Dollar bei.

Es ist still geworden um Sudan. Die Euphorie vor sieben Jahren, als eine todesmutige Demokratiebewegung mit monatelangen Massenprotesten gegen Sudans brutale Militärdiktatur im April 2019 die Absetzung von Langzeitherrscher Omar Hassan al-Bashir erzwang, scheint eine Ewigkeit her.

Die Armeeführung um Übergangsstaatschef General Abdelfattah al-Burhan holte sich sukzessive die ganze Macht zurück. Sie entmachtete bereits 2021 die aus dem Volksaufstand entstandene zivile Übergangsregierung – die Demokratiebewegung konnte sich nicht wehren.

Als die Militärregierung 2023 auch die RSF-Miliz als größte autonome Struktur des Sicherheitsapparats auflösen wollte, stieß sie auf Gegenwehr. RSF-Anführer Mohamed Hamdan Daglo, genannt Hametti, damals unter Burhan Sudans Vizepräsident, trat gegen Burhan in den Aufstand. Zunächst in der Hauptstadt Khartum, dann im ganzen Land.

Mittlerweile hat Hametti in seiner Heimatregion Darfur eine Gegenregierung gebildet, auch mit zivilen Kräften, und erklärt seinen Krieg zum Widerstand gegen die Diktatur. Aber seine Miliz begeht die schlimmsten Massaker dieses Kriegs. Allein bei der Einnahme von Darfurs größter Stadt El Fasher durch die RSF im Oktober 2025 sollen Zehntausende Menschen getötet worden sein.

Die Militärregierung sitzt jetzt fest im Sattel in Port Sudan und Khartum und am Nil, die RSF in Darfur. Das Szenario, dass Sudan zwar zerfällt, damit aber wenigstens der Krieg abflaut, erscheint zunehmend unrealistisch. Beide Kriegsführer suchen den totalen Sieg. Für Burhan sind die RSF und ihre Freunde Mörder und Terroristen. Für Hametti sind die Militärmachthaber Diebe und Islamisten.

Beide Kriegsparteien agieren immer enthemmter. Krankenhäuser werden regelmäßig gezielt aus der Luft angegriffen, auch Kinderkliniken und Gesundheitseinrichtungen mit internationaler Unterstützung. Drohnenangriffe auf Zivilisten haben seit Jahresbeginn mehrere Hundert Tote gefordert; erst am Abend des 8. April starben je nach Quelle 32 bis 56 Menschen bei einem Drohnenangriff der Armee auf eine Hochzeitsfeier im RSF-Gebiet von Darfur. Momentan eskalieren die Kämpfe erneut, wie immer vor der Regenzeit im Sommer. Die RSF will ihre Nachschubwege aus Libyen und Tschad für Militärgerät aus den Vereinigten Arabischen Emiraten dauerhaft sichern und zugleich wieder Richtung Khartum vorrücken. Die zentralsudanesische Region Kordofan ist aktueller Brennpunkt, die Städte Kadugli und Dilling werden von der RSF belagert und fürchten ein ähnliches Schicksal wie El Fasher vergangenes Jahr.

Zuletzt eröffnete die RSF eine neue Front im Osten Sudans und besetzte am 24. März die Stadt Kurmuk an der Grenze zu Äthiopien – ermöglicht durch die vorherige Nutzung äthiopischer Militärbasen, wie eine am 8. April präsentierte Auswertung von Satellitenaufnahmen durch Forscher der US-Universität Yale belegt. Das ist ein mögliches Anzeichen einer gefährlichen regionalen Eskalation. Äthiopien als jahrtausendealte Macht am Oberlauf des Nils und Ägypten als jahrtausendealte Macht am Unterlauf des Nils sind historische Rivalen – und Sudan liegt in der Mitte.

Momentan eskalieren die Kämpfe erneut, wie immer vor der Regenzeit

Seit Äthiopien am Blauen Nil unweit der Grenze zu Sudan den größten Staudamm Afrikas gebaut hat und damit den Wasserzufluss Richtung Ägypten erstmals eigenmächtig regulieren kann, sieht sich das vom Nilwasser abhängige Ägypten in seiner Existenz bedroht und sinnt auf einen Gegenschlag. Für Sudans Generäle ist Ägypten der wichtigste Verbündete – für Äthiopien wäre Sudans RSF ein natürlicher Alliierter gegen Khartum und Kairo.

Eine weitere gefährliche Internationalisierung droht im Westen Sudans, wo immer öfter tschadische Soldaten und Zivilisten durch Beschuss aus Sudan sterben. Im Fokus steht der Grenzort Tiné, auf sudanesischer Seite El Tina, den die RSF im Februar übernahm – ein lukrativer Grenzübergang. Tschads Generalstaatsanwaltschaft stellte am 7. April die Ergebnisse ihrer Ermittlungen zu einem Drohnenangriff vor, der am 18. März 20 Menschen auf einem Markt in Tiné tötete, und sprach von einer „sudanesischen Aggression“. Zuvor hatte Tschads Präsident Mahamat Déby seine Armee angewiesen, künftig zurückzuschießen.

Sollte Tschad, und damit die instabile afrikanische Sahelzone, in Sudans Bürgerkrieg hineingezogen werden und dieser sich zugleich zu einem ägyptisch-äthiopischen Stellvertreterkrieg auf sudanesischem Boden erweitern, wäre das ein Worst-Case-Szenario für Afrika, einen Kontinent in direkter Nachbarschaft Europas und des Nahen Ostens. Darauf ist die internationale Gemeinschaft so gar nicht vorbereitet.

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