EU-Innenministerkonferenz nach Ceuta : Formal gerade so bestanden
Hinter der Tragödie von Ceuta könnte ein hybrider Angriff auf die EU stecken. Erstmal hat die EU ihn abgewehrt, auf Kosten der Menschlichkeit.
Foto: Pedro Nunes/reuters
W er steckt hinter dem Massenansturm von mehr als 70.000 Menschen auf Ceuta? Hatte ihn Marokko initiiert wegen der Spannungen mit Spanien? Oder andere Länder, die mit der derzeitigen spanischen Außenpolitik unzufrieden sind, vielleicht die USA unter Donald Trump oder Israel unter Benjamin Netanjahu? Oder war es Russland mithilfe von Social-Media-Bots, mit dem Ziel, die EU zu spalten, was wieder mal, wie absehbar, erreicht worden ist? Oder Schleuserbanden, die ein gutes Geschäft witterten und dabei mindestens 75 Menschen in den Tod schickten?
Expert:innen halten alles für möglich, ein klares Beweismittel fehle aber noch. Fest steht nur: Weil die Welt weiß, dass sich die EU seit der Flüchtlingskrise 2015 in der Migrationsfrage zerlegt, dass Regierungschef:innen bisweilen überzogen panisch agieren, wenn viele Menschen gleichzeitig an einer EU-Außengrenze auftauchen, ist Migration zu einer hybriden Waffe geworden, mit Flüchtenden als Munition, mit der man den Staatenverbund zuverlässig destabilisieren kann.
Nachdem rechtspopulistische Regierungen von Finnland bis Italien sich genau so verhalten haben, wie bei einem hybriden Angriff kalkuliert werden würde, indem sie Spanien ihre Solidarität verweigerten und das Land aus dem Schengenraum werfen wollten, und auch Bundeskanzler Friedrich Merz – dessen Positionierung als Regierungschef des größten EU-Landes meist richtungsweisend ist – Spanien kritisierte, war die für diesen Dienstag einberufene Sondersitzung der EU-Innenminister dringend nötig.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Der österreichische EU-Kommissar Magnus Brunner, zuständig für Inneres und Migration, mahnte noch vor dem virtuellen Treffen zur Einheit der EU. Seine Verlautbarungen danach: Er dankte Spanien, schnell wieder für Ordnung gesorgt zu haben, äußerte Verständnis für Italiens Sorge und bekräftigte eine strenge Umsetzung der neuen Asylregeln, schnelle Rückführungen inklusive. Seiner Meinung nach habe Europa den Test bestanden. Den Preis haben verzweifelte Menschen bezahlt.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert