piwik no script img

EU-AsylpolitikVon Litauen lernen

Die EU will das durch einen sogenannten „Krisenmechanismus“ das Asylrecht aussetzen dürfen – nach baltischem Vorbild. Wird so das Grundrecht auf Asyl abgeräumt?

Christian Jakob

Aus Vilnius

Christian Jakob

Vorreiter in der EU sind die baltischen Staaten bekanntlich bei der Digitalisierung. Bald könnten sie es auch beim Asylrecht sein – wenn auch nicht auf fortschrittliche Weise.

2023 beschlossen die Parlamente Lettlands und Litauens, dass ihre Grenzpolizisten Menschen unter bestimmten Umständen direkt über die Grenze nach Belarus zurückschieben dürfen. Faktisch können sie dann keinen Asylantrag mehr stellen.

In Litauen wurde dazu ein „Ausnahmezustand“ wegen angeblich zu vieler irregulärer Grenzübertritte erklärt. 2025 wurden dort 263 Asylanträge von Menschen außerhalb Europas gestellt.

Wer irregulär die Grenze überquert, wird als von Alexander Lukaschenko gesandte „hybride Bedrohung“ und „als Waffe eingesetzte irreguläre Migration“ eingestuft. Die Menschen gelten dann automatisch als „Gefahr für die nationale Sicherheit und die öffentliche Ordnung“, sagt die Juristin Emilija Švobaitė von der NGO Sienos in Vilnius.

Amnesty International sieht europäischen Grundrechtsschutz bedroht

Seitdem der Ausnahmezustand im Juli 2023 in Kraft getreten ist, haben litauische Grenzbeamte so nach eigenen Angaben 6.990 Personen nach Belarus zurückgeschoben – teils mit Gewalt. Weil die belarussischen Grenzschützer sie jedoch nicht offiziell zurücknehmen, werden sie in Wäldern durch Türen im Stacheldrahtzaun geschleust, der die beiden Länder trennt. Auf der belarussischen Seite sind sie dann im Wald sich selbst überlassen. Mehrfach schon mussten Menschen, die dort Wintertage überlebt hatten, Gliedmaßen amputiert werden.

Gerade mal 17 Schutzsuchende von außerhalb Europas wurden 2025 im 2,9-Millionen-Land Litauen anerkannt. Bezogen auf die Einwohnerzahl sind das etwa 160-mal weniger als im selben Jahr in Deutschland.

Kein Wunder, dass den Innenministern Europas dieses Modell äußerst verlockend erscheint. Bei einem Treffen in Luxemburg Anfang Oktober haben sie sich auf einen neuen Krisenmechanismus verständigt. Er soll das Asylrecht aussetzen können, wenn etwa feindliche Drittstaaten Migration instrumentalisieren.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

„Normale Asylprozeduren“ sollen nicht stattfinden

Man wolle dafür sorgen, dass in einem solchen Fall die „normalen Asylprozeduren“ nicht stattfinden, sagte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU). Dabei hatte die EU mit dem neuen Asylsystem Geas gerade erst im Juni einen Mechanismus für den Fall einer „Instrumentalisierung“ eingeführt. Doch der sieht nicht vor, das Asylrecht ganz auszusetzen.

In dieser Woche trafen sich nun die Regierungschefs der EU, um weiter über den Krisenmechanismus zu beraten. 38 NGOs, darunter Amnesty International, warnten am Mittwoch in einem Protestbrief, der Mechanismus untergrabe zentrale Elemente des europäischen Grundrechtsschutzes und des Selbstverständnisses der EU. „Menschen könnten an Europas Grenzen zurückgewiesen werden, bevor sie überhaupt sagen dürfen, warum sie Schutz brauchen.“

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“ Gegen Rechtsruck hilft Linksblick

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!