Dschihadisten in Afghanistan: In tiefer Feindschaft verbunden

Die erbitterte Feindschaft zwischen den afghanischen Taliban und dem lokalen Ableger des „Islamischen Staates“ fordert immer neue Opfer.

Ein Taliban auf der Straße.

Auf der Suche nach dem Feind: Taliban auf Patrouille in Kabul Foto: Felipe Dana/ap

BERLIN taz | Der afghanische Ableger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS-PK) hat sich Montagabend laut Agenturberichten über sein Sprachrohr Amak zum Anschlag auf die Eid-Gah-Moschee in der Hauptstadt Kabul bekannt. Bei dem mutmaßlichen Selbstmordanschlag am Sonntag, der auf Taliban-Führer zielte, sind mindestens fünf Menschen getötet und elf verletzt worden. In der Moschee fand gerade eine Trauerfeier für die Mutter von Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid statt.

Als Reaktion auf den Anschlag zerstörten laut Mudschahid Taliban-Kämpfer am Sonntagabend ein IS-Zentrum im Norden von Kabul. „Alle IS-Mitglieder“ in dem Zentrum seien getötet worden, sagte Mudschahid der Nachrichtenagentur AFP. Weitere drei Menschen seien im Zusammenhang mit dem Anschlag festgenommen worden.

Am Dienstag sprach der Taliban-Sprecher Bilal Karimi auf Twitter von elf Festnahmen. Details nannte er nicht. Laut einem von AFP zitierten Augenzeugen waren unter den Opfern des Anschlags zwei Taliban-Mitglieder. Danach hätten zwei Taliban-Einheiten versehentlich aufeinander geschossen.

Die Taliban und der „Islamische Staat – Provinz Khorasan“, so die offizielle Eigenbezeichnung, sind trotz verwandter militant-islamistischer Ideologie verfeindet. Der IS-Ableger setzte sich ab 2014 in Afghanistan fest. Die östliche Provinz Nangarhar an der Grenze zu Pakistan gilt als seine Hochburg.

Mehrere Anschläge auf die Taliban in Dschalalabad

Erst kürzlich führte der IS, der in Afghanistan rund 2.000 Kämpfer zählen soll, in Nangarhars Provinzhauptstadt Dschalalabad einige Anschläge auf Taliban durch und tötete mehrere von ihnen. Die Taliban zählten zuletzt etwa 100.000 Kämpfer.

Die attackierte Eid-Gah-Moschee Moschee in Kabul nach dem Anschlag am 3. Oktober Foto: Felipe Dana/ap

Der historische Name Khorasan bezeichnet eine zentralasiatische Region, die Afghanistan, Iran, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan ganz oder teilweise umfasst. Der Name unterstreicht den regionalen und globalen Anspruch des IS, was ihn zu einer globalen Terrorgefahr macht.

Demgegenüber sind die afghanischen Taliban trotz Verbindungen zu al-Qaida immer eine nationale Bewegung geblieben und dass, obwohl sie vom pakistanischen Militärgeheimdienst ISI beeinflusst werden. Zugleich blieben sie stets von den pakistanischen Taliban (TPP) getrennt und haben nie außerhalb ihrer Region Anschläge verübt.

Der afghanische IS wurde stärker, nachdem die realpolitischeren Taliban Verhandlungen mit der US-Regierung aufgenommen hatten, was in IS-Augen einen Verrat am Dschihad darstellt.

Kampf um die Deutungshoheit

Der IS zerstört jetzt mit seinen Anschlägen das Narrativ der Taliban, sie würden dem Land endlich Frieden bringen. Der IS zeigt darüber hinaus auch mit seinen Terrormethoden, welche die Taliban selbst angewendet haben, dass Letztere das Land eben nicht wie behauptet vollständig kontrollieren.

Beim größten Anschlag des IS in Afghanistan auf Kabuls Flughafen am 26. August wurden rund 170 Personen getötet, darunter 13 US-Soldaten. Damals hatten die Taliban eine informelle Absprache mit den USA, demnach die Massenevakuierung von Afghanen durch das US-Militär bis Ende August geduldet würde.

Schon zuvor hatten beide Seiten gelegentlich bei der Bekämpfung des IS informell kooperiert. So bombardierte die US-Luftwaffe mutmaßliche IS-Stellungen, die dann von den Taliban eingenommen wurden. Als diese schließlich am 15. August in Kabul einmarschierten, befreiten sie ihre Leute aus den Gefängnissen, während sie IS-Gefangene Berichten zufolge kurzerhand erschossen.

Erschießungen warf die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) am Dienstag auch den Taliban vor. Die sollen laut AI Ende August 13 Sicherheitskräfte der bisherigen Regierung, die sich ergeben hatten, standrechtlich erschossen haben. Die Opfer seien ethnische Hasara gewesen, eine schiitische Minderheit.

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