Drohender Abriss von Wohnhäusern an A100: Mit Gregor Gysi am Lärmschutzmauerstreifen
Die Bewohner*innen zweier Häuser in Berlin-Treptow wehren sich gegen den drohenden Abriss für die A100 und haben Gregor Gysi eingeladen.
Wer durch die Beermannstraße nahe dem Treptower Park läuft, kommt nicht weit. Nach nur wenigen hundert Metern endet sie abrupt an einem Zaun, dahinter versperren ein Sandwall und eine hohe Mauer den Weg in Richtung Osten.
Was aussieht wie die Zonengrenze, ist die Trasse der umstrittenen Berliner Stadtautobahn A100, die im vergangenen Jahr eröffnet wurde. Nirgends schlägt sie ihre Schneise so sichtbar durch ein Wohngebiet wie hier. Die typische Berliner Altbaureihe – Stuckfassaden, Balkone, blühende Linden – hört da auf, wo Wall und Mauer anfangen. Zwei Wohnhäuser wurden für den Autobahnbau vor etwa zehn Jahren abgerissen.
Doch dabei soll es nicht bleiben. Wird die A100 wie geplant weitergebaut, müssten auch die Häuser in der Beermannstraße 16 und 18 weg. Und deshalb stehen an diesem kühlen Maiabend an die 30 Anwohner*innen am Ende der Straße und warten auf hohen Besuch: Die Nachbarschaftsinitiative Beermannstraße, die für den Erhalt der beiden Häuser kämpft, hat den Linken-Bundestagsabgeordneten Gregor Gysi eingeladen. Zwar ist Gysi kein profilierter Verkehrspolitiker, aber direkt gewählt im Wahlkreis Treptow-Köpenick, in dem die Beermannstraße liegt. Und Gysi hat viel Reichweite in den sozialen Medien – wertvolles Kapital für die Bürgerinitiative.
Die Menschentraube tuschelt erwartungsvoll: „Wir sind dankbar für jede Hilfe, die wir kriegen können“, sagt eine Hausbewohnerin. „Es ist ein sehr emotionales Thema für uns. Wir wohnen hier, wir leben hier!“
Endlich rauscht Gysi mit etwas Verspätung heran. Kurz herrscht Verwirrung über die Lage: „Und da, hinter der Mauer, ist die Baustelle?“, fragt Gysi. Die Aktivist*innen erklären das Problem: „Nein, Herr Gysi, da ist seit letztem Jahr die Autobahn.“
Als das geklärt ist, setzt sich der Pulk in Bewegung. Gregor Gysi kriegt eine Tour durch die Wohnanlage und die Fakten gleich mit dazu: In den 120 Wohnungen der beiden Häuser, die einer Genossenschaft gehören, leben mehr als 200 Menschen. Schon für den Bau des mittlerweile eröffneten 16. Bauabschnitts der A100 durch Neukölln und Treptow sollten die Häuser eigentlich weg. Ein Gerichtsurteil verschaffte ihnen eine Gnadenfrist, doch der anvisierte 17. Bauabschnitt, der die Autobahn über die Spree nach Friedrichshain führen soll, bedroht die Häuser erneut. An ihre Stelle soll eine Ausfahrt sein, oder es soll bloß Platz für die Baustellenlogistik geschaffen werden.
Gregor Gysi, Linke
Im Hausflur lehnt ein Dutzend Lastenräder, Gysi wird in den ersten, dann in den zweiten Hinterhof geleitet. Von dort geht die Prozession durch einen Keller in den Garten hinter den beiden Häusern. Erstaunlich ruhig ist es hier und grün, nur die Ringbahn rauscht ab und zu vorbei. „Die Kinder spielen hier ooch alle im Garten“, berlinert eine Nachbarin.
„Ich verstehe nicht, was der Weiterbau soll“, sagt Gysi. Die Anwohner*innen wollen ihn darauf festnageln: „Werden Sie sich gegen den Weiterbau einsetzen, und wenn ja, wie?“, fragen sie. Doch auch der große Gregor Gysi kocht nur mit Wasser: „Ich werde an den Bundesverkehrsminister schreiben“, versichert er. Und: „Ich werde schleimen, so viel ich kann.“
Dann gibt es noch ein Gruppenfoto und eine Bitte an Gysi: „Werden Sie das auf Social Media teilen, da sind Sie ja so aktiv.“ Er wisse nicht genau, wie das geht, gesteht Gysi: „Das macht mein Mitarbeiter.“ Der macht es wirklich – sehr zur Freude der Bürgerinitiative.
Gysi muss los, der nächste Termin wartet. Er hofft auf ein Wiedersehen: „Wenn die Häuser stehen bleiben, gibt’s hier aber ein kleines Fest“, sagt er zum Abschied.
Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels war die Rede von 163 Wohnungen in den beiden bedrohten Häusern. Die Nachbarschaftsinitiative Beermannstraße hat die Zahl inzwischen auf 120 korrigiert. Die zusätzlichen 43 Wohnungen befinden sich in der Hausnummer 14, die nicht vom Autobahnbau betroffen sein soll.
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