Dokumentarfilm über Alice Schwarzer: Unbeirrbar und unwidersprochen
Der Lebensleistung der feministischen Ikone Alice Schwarzer widmet sich ein neuer Dokumentarfilm. Das Porträt ist allerdings zu unkritisch.
Alice Schwarzer ist eine Reizfigur. Ist es schon immer gewesen und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben. Das ist einer der Schlüsse, der sich nach dem Dokumentarfilm von Sabine Derflinger („Die Dohnal“) über die wohl bekannteste deutsche Feministin der Gegenwart aufdrängt.
Zugegebenermaßen ist das für sich genommen keine sehr erhellende Erkenntnis. Man kennt es aus Gesprächen, Artikeln, Tweets: Fällt ihr Name, ist er in der Regel mit einer starken Reaktion verknüpft. Meist der negativen Sorte. Allerdings zeigt der Film auch, ohne es ausdrücklich anzusprechen, wie sehr sich verlagert hat, woher die vehemente Ablehnung ihrer Positionen, gar ihrer Person selbst, kommt.
Durch eine Montage aus alten TV-Beiträgen, Zeitungsartikeln und aktuellen Interviews hangelt sich die Doku, nicht ganz chronologisch, an den Meilensteinen von Schwarzers Engagement und Karriere als Emma-Herausgeberin entlang. Im Zuge der Sexismus-Klage gegen die Zeitschrift Stern empört sich etwa der damalige Chefredakteur Henri Nannen über Schwarzers juristisches Vorgehen gegen mehrere „frauenerniedrigende“ Cover. Von Boulevardblättern ebenso wie in seriöseren Publikationen wird ihr vorgeworfen, dass sie „Männerhass“ predige, man bezeichnet sie als „Hexe“.
Auch im Rahmen der von Schwarzer initiierten „Wir haben abgetrieben“-Kampagne, bei der sich zahlreiche Frauen öffentlich zum Schwangerschaftsabbruch bekannten, um gegen den Paragraf 218 zu protestieren, kommen die schärfsten Anfeindungen hauptsächlich von Männern. Doch je weiter sich der Film der Gegenwart nähert, desto stärker verändern sich die Kontexte für die Ablehnung, die die Feministin erfährt.
Waren es zunächst das gekränkte Patriarchat und konservative Stimmen, die sich an ihr rieben, sind es spätestens seit ihrem Engagement für ein Prostitutionsverbot, ihrem Buch über die Silvesternacht von Köln und der restriktiven Haltung gegenüber dem Kopftuch vermehrt Vertreter:Innen der progressiven Linken wie sexpositive Feministinnen und Antirassismus-Aktivisten, die die deutlichste Kritik an ihr üben. Was Derflinger hier anschneidet, aber nicht weiter beleuchtet, ist nicht weniger als die Spaltung des Feminismus, wie wir sie gerade verstärkt erleben. „Alice Schwarzer“ verpasst es so, in der hitzig geführten – oft, aber nicht ausschließlich an Generationengrenzen entlang verlaufenden – Debatte ein differenzierter Beitrag, gar ein Vermittlungsversuch zu sein.
Im Gegenteil: Den aktuelleren Standpunkten Schwarzers werden nicht nur zu keinem Zeitpunkt etwaige Gegenstimmen gegenübergestellt. Durch Redebeiträge von ihren Wegbegleitern und Mitstreiterinnen werden diese schlicht als abstrus abgetan und Schwarzers Kampf wird so als der einzig gerechte dargestellt. Die besonders in der LGBTQ-Community umstrittenen Äußerungen Schwarzers zu Transgeschlechtlichkeit werden vollständig ausgespart.
Unabhängig davon, ob oder wie man sich selbst in der Feminismus-Debatte verortet, ist dieser unbeschwerte Umgang mit kontrovers diskutierten Themen nicht nur dem aufklärenden Potenzial des Dokumentarfilms abträglich. Selbst wenn er sich in erster Linie als Würdigung einer großen Lebensleistung verstanden wissen will, ist der Film ein Porträt, das seiner Protagonistin in seiner ausschließlich affirmativen Haltung gegenüber Alice Schwarzer, die sich ja selbst stets bewundernswert konfliktbereit präsentiert, nicht gerecht wird.
Sehenswert ist der Dokumentarfilm damit vor allem aufgrund der Momente, die vor Augen führen, wie kurz es her ist, dass die Gleichberechtigung der Frau erstritten wurde, wie fragil und unvollständig die Lage bis in die Gegenwart ist. Im Hinblick auf die heutige, bisweilen prekäre Situation des Feminismus ist der Film eher unfreiwillige Problemdiagnose – und Mahnung, dass seine Spaltung überwunden werden muss, um gegen emanzipatorische Rückschritte anzukämpfen.
„Alice Schwarzer“. Regie: Sabine Derflinger. Österreich/Deutschland 2022, 100 Min.
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