Dokumentarfilm „Born to Fake“: Blind vom Blick auf die Quote
Bei ihm stimmte gar nichts: Der Dokumentarfilm „Born to Fake“ geht den gefälschten Fernsehbeiträgen des Journalisten Michael Born auf den Grund.
Ein Mann sitzt in Jägerkluft auf einem Hochsitz und beklagt kopfschüttelnd die Auswirkungen freilaufender Katzen auf die Umwelt. Dann lädt er im winterlichen Wald die Schrotflinte durch und schießt auf eine Katze. 1994 lief Michael Borns Beitrag über den Katzenjäger Günter Keim bei Stern TV, präsentiert von Günther Jauch. Dass Keims Bart rutschte, gab damals nur wenigen zu denken. Erst als seine Stimme in späteren Beiträgen wiederkehrte, begannen sich die Fragezeichen zu mehren.
Michael Born konnte dem wöchentlichen Magazin noch einige Jahre weiter Beiträge über vermeintliche Skandale verkaufen. Das Problem: die Beiträge hatte sich Born ausgedacht und mit Bekannten selbst gedreht. Der Dokumentarfilm „Born to Fake“ von Erec Brehmer und Benjamin Rost greift Michael Borns Beiträge – ähnlich wie damals ein Prozess – auf als Schnittstelle zwischen Betrug, Fabulierlust und Einblick in das Funktionieren von skandalfixierten Medien.
Der Film nähert sich den Fernsehbeiträgen von Born biografisch und medientheoretisch. Er zeichnet nach, wie sich der nach einem abenteuerlichen Quereinstieg als Kriegsreporter im Libanon allmählich zu einem Geschichtenerzähler entwickelte, der als Medium für seine Fabulierlust ausgerechnet die Form der Reportage wählte, die von Authentizität lebt.
„Born to Fake“. Regie: Erec Brehmer und Benjamin Rost. Deutschland 2025, 93 Min.
Da die Regisseure Michael Born, der 2019 verstorben ist, nicht mehr befragen können, stellen Brehmer und Rost zwei Sichtweisen auf ihn einander gegenüber: die von Freund*innen und der Schwester von Born und die von ehemaligen Mitarbeitern von Stern TV. Die Freund*innen betonen, dass Born die Beiträge nicht in böser Absicht, sondern in einer Mischung aus ungehemmter Fabulierlust, einfachem Geld und Zynismus gegenüber der aus seiner Sicht skandalsüchtigen Redaktion erstellt habe. Die beiden ehemaligen Mitarbeiter Martin Lettmayer und Thomas Pritzl changieren zwischen einem Realitätscheck und rückblickender Selbstkritik an den Abläufen in der Redaktion.
Ein zum Fabulieren neigender Mensch
Brehmer und Rost arbeiten gelungen die Facetten heraus, die den Fall von Borns gefälschten Beiträgen auch heute noch interessant machen: die Leichtigkeit, mit der die Fälschungen entstehen konnten, und den Blick auf die Quote, der die Redaktion eventuell stellenweise zu Leichtsinn verlockt hat. Born erscheint in all dem als durchaus liebenswerter, zum Fabulieren neigender Mensch.
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Damit haben sich die beiden Regisseure thematisch viel vorgenommen, so viel, dass die Form des Films unter der Last der diversen Themen etwas schlicht gerät. Wenn Lettmayer erzählt, dass Kameraanweisungen an Interviewte und Porträtierte in Reportagen dem Authentizitätsanspruch zum Trotz zum Standard gehören, spielen die beiden Regisseure das im Anschluss noch einmal mit der nächsten Befragten, der Medienwissenschaftlerin Eva Hohenberger, durch.
Hohenberger bringt eine Reihe von medientheoretischen Überlegungen zu Authentifizierungsstrategien und filmischen Wirklichkeitsebenen ein. Nicht zuletzt aber ist ihr Fazit, dass die Redaktion die Beiträge eben nicht notwendigerweise als gefälscht hätte erkennen müssen. Spätestens hier hätte es nahegelegen, diese Option ernst zu nehmen und die Dramaturgie des einerseits-andererseits in Frage zu stellen.
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Trailer „Born to Fake“
Die Form, die Brehmer und Rost für ihren Film gewählt haben, entscheidet sich dafür, bestimmte Fragestellungen in den Mittelpunkt zu rücken und andere, wie die des Zurückgeworfenseins auf Vertrauensverhältnisse zwischen Redaktion und Autor, zwischen Zuschauer*in und Redaktion, nur nebenbei aufzuwerfen. Sie erzählt Borns gefälschte Beiträge letztlich als unterhaltsame Anekdote, die nur für ihn selbst in einer Tragödie endet. Das reduziert „Born to Fake“ auf einen sehenswerten, aber wenig radikalen Dokumentarfilm.
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