Doku über erste Filmregisseurin der Welt: Die wiederentdeckte Visionärin

Die Dokumentation „Sei du selbst: Die Filmpionierin Alice Guy-Blaché“ erzählt von der ersten Filmregisseurin. Sie war nahezu vergessen.

Die Regisseurin Alice Guy-Blaché bei einem Dreh am Filmset.

Die Regisseurin Alice Guy-Blaché erkannte als eine der ersten das erzählerische Potenzial von Filmen Foto: Filmperlen

Als am 22. März 1895 die Brüder Lumière Bekannte und Freunde zur ersten Vorführung ihres neuen Filmapparats einladen, ist eine junge Frau mit dabei: Alice Guy. Sie ist Anfang zwanzig, die Sekretärin von Léon Gaumont, Foto- und Filmunternehmer, als solcher Freund und Konkurrent der Lumières.

Sie ist von den neuen Möglichkeiten des Bewegtbilds so fasziniert, dass sie im Jahr darauf selbst einen ersten, kurzen Film dreht, „La fée aux choux“: Eine Fee zaubert auf einer Terrasse aus Kohlköpfen neugeborene Kinder hervor. Dieser Film ist verschollen, es gibt mehrere Remakes aus den Jahren danach, aber er gilt heute als wohl erster Film mit erzählerischen Elementen.

Anders als die Lumières glaubt Léon Gaumont an die wirtschaftliche und ästhetische Zukunft des neuen Apparats. Er investiert in Filme und Kinos und macht Alice Guy zur Chefin der Produktion.

Im Pariser Stadtteil Belleville, gleich neben dem Parc des Buttes-Chaumont, baut er ein Studio, unter der Regie, nach Büchern von Alice Guy wird hier ein Film nach dem anderen gedreht, Jungs beim Baden, Schleiertänze, die wundersamen Wirkungen von Absinth, erste Tonfilme auch (Gaumont hat dafür ein Patent), manchmal geht es auch hinaus auf die Straße, ein Bett, das in aller Öffentlichkeit ins Rutschen gerät, eine Matratze, die sich kugelt, eine Frau kugelt mit.

„Be Natural – Sei du selbst: Die Filmpionierin Alice Guy-Blaché“ (USA 2018, Regie: Pamela B. Green). Die DVD ist ab rund 17 Euro erhältlich.

Hunderte Filme dreht Alice Guy, 1906 entsteht als Dreißigminüter eine Version des Lebens Jesu in den vertrauten Stationen, das Bibelepos mit mehr als 300 Sta­tis­t*in­nen wird ein großer Erfolg. Sie lernt den Kameramann Herbert Blaché kennen, heiratet ihn, bekommt Kinder.

Der erste Film mit einem ausschließlich schwarzen Cast

Blaché wird zum Chef der Gaumont-Produktion in den USA, nach einer Pause dreht Guy-Blaché weiter, sie gründet 1910 eine eigene Firma, Solax, in Fort Lee in New Jersey, dem Geburtsort der amerikanischen Filmindustrie, steht das Solax-Studio neben mehr als einem Dutzend anderen, auch denen von Fox Film und Goldwyn. 1912 dreht sie etwa „A Fool and His Money“, eine Komödie, es ist der erste Film mit einem ausschließlich schwarzen Cast.

Nach dem Ende von Solax geht sie nach Hollywood, ein paar Abenteuerfilme dreht sie dort noch, aber nach mehreren Flops und der Trennung von ihrem Mann kehrt sie Anfang der zwanziger Jahre nach Frankreich zurück. Die Filmindustrie dort will jedoch nichts von ihr wissen. Ihre Filme sind lange Jahre fast alle verschollen, in den ersten Filmgeschichten taucht sie höchstens als Randnotiz auf.

Von Guy-Blachés einzigartigem Leben als Filmpionierin, aber auch von der Zeit danach erzählt Pamela B. Green in ihrem engagierten Dokumentarfilm „Sei du selbst: Die Filmpionierin Alice Guy-Blaché“. Sie hat dafür ungezählte Stimmen versammelt, von Jodie Foster (die Erzählerin im Original) über Ava DuVernay bis Geena Davis, von Peter Bogdanovich bis Catherine Hardwicke, Film­his­to­ri­ke­r*in­nen berichten, sie selbst geht Spuren nach, es gibt zum Glück Film- und Tonaufnahmen aus Guy-Blachés späten Jahren.

Green macht Funde, inszeniert das Suchen und Finden mit etwas hektischem Pathos, überhaupt prägen den Film Tempo und überbordender Enthusiasmus.

Ganz so vergessen, wie der Film einem weismachen will, ist Alice Guy-Blaché schon seit einer Weile nicht mehr. Durch Greens Dokumentation (der Film ist von 2018) hat sich das Interesse eines breiteren Publikums an der Pionierin des Kinos aber noch einmal deutlich verstärkt. Und da heute doch einige ihrer Filme auf DVDs und auch auf Youtube zugänglich sind, kann man sich endlich wieder ein Bild von ihrer Kunst machen. Sie zeigt sich dabei als äußerst vielseitig, in vielen Genres und in allen Aspekten des frühen Kinos versiert.

Die Fachleute wissen inzwischen um ihre wichtige Rolle; Pamela B. Greens Doku sammelt das vorhandene Wissen, das ist kein geringes Verdienst.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de