Digitalkunst in China: Verpixelte Ästhetik

In Peking stellt eine Galerie erstmals „Crypto Art“ aus. Ist die Digitalkunst bloßer Hype oder gar „demokratische Revolution“ der Branche?

Neben einer offenen Tür hängt ein Plakat zu "Virtual Niche", Leute drängeln sich

Vor der Galerie in Peking Foto: Fabian Kretschmer

Wer die „798“-Künstlerkommune betreten möchte, muss zunächst Absperrgitter, Überwachungskamera und den abweisenden Blick eines schwarzuniformierten Wachmanns passieren. Dann jedoch befinden sich die Besucher in einem der wenigen übriggebliebenen Freiräume Pekings: Auf dem Gelände einer von DDR-Architekten geplanten Waffenfabrik reihen sich mittlerweile nordkoreanische Kunstgalerie neben Goethe-Institut und Graffiti-Shop. Streetart ziert die heruntergekommenen Bauhaus-Fassaden, auch die Berliner Sprüher-Crew „1Up“ hat im „798“ bereits ihre Spuren hinterlassen.

Dass ausgerechnet auf einem ehemals sozialistischen Industriegelände Chinas erste Ausstellung für Krypto-Kunst stattfindet, lässt sich als Ironie des Schicksals werten. Vor der Galerie „UCCA Lab“ rauchen ein paar Studenten im Hipster-Look, in den neonrot und -blau ausgeleuchteten Ausstellungsräumen herrscht die aufgeladene Atmosphäre einer Vernissage: Junge Menschen in exzentrischer Mode, die Hände mit Finger-Food gefüllt. Auf dem ersten Blick also alles ganz gewöhnlich. Doch mit der Ausstellung „Virtual Niche“ sind erstmals die Wände einer Galerie vollkommen von Crypto-Kunst behangen – darunter auch die bisherige Szene-Sensation „Beeple“.

Spätestens seit seinem historischen Deal vom 11. März ist Digitalkunst der neue Hashtag in der Kunstwelt. Damals verkaufte der US-Amerikaner Mike Winkelmann – Künstlername „Beeple“ – sein „Everydays: The first 5,000 Days“ im Auktionshaus Christie’s für spekatkuläre 69,3 Millionen Dollar. Der Preis seiner Fotokollage mag sicherlich einem Medienhype geschuldet sein, doch ist sie gleichzeitig auch die inspirierende Geschichte eines Aufstiegs: Über 13 Jahre lang arbeitet ein Informatiker aus Wisconsin stur an seinem Sisyphos-Werk, ohne je auf Profit hoffen zu können. Über Nacht schließlich wurde der 40-Jährige zum drittteuersten Künstler hinter Jeff Koons und David Hockney.

Möglich wurde dies erst durch die Blockchain-Technologie, auf die auch Kryptowährungen wie „Bitcoin“ fußen. Die Idee dahinter ist simpel: Digitale Kunstwerke können mithilfe eines sogenannten „NFT“ (Non-Fungible Token“) unverfälschlich, also zum Unikat gemacht werden.

Generation online

Walter Benjamin kommt einem in den Sinn, der in seinem Standardwerk „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ durch die aufkommende Fotografie und Filmkunst einen grundlegenden Wandel kommen sah. Nun jedoch scheint es, als ob die digitale Kunst wieder zur Bedeutung des Originals zurückfindet. Mit einem „NFT“ können Musiker Liederkompositionen verkaufen, Maler Gemälde und Autoren ihre Manuskripte.

„Die junge Generation ist doch die ganze Zeit online. Natürlich spiegelt sich das auch in der Kunst wider“, sagt Xiao Ge, eine zierliche Frau, vollständig in Schwarz gekleidet. Als Malerin hat sich die heute 50-Jährige einen Namen gemacht, später als Kuratorin und zuletzt Chefredakteurin einer der wichtigsten Kunstpublikationen der Volksrepublik. Was sie sagt, hat Gewicht.

In der Krypto-Kunst sieht Xiao Ge eine „demokratische Revolution“: Mussten aufkommende Talente früher noch den Gang durch die Institutionen gehen, also von Galeristen vertreten werden und in Museen ausstellen, kann nun jeder Künstler aus eigener Kraft seine Popularität aufbauen. „Es braucht Zeit, bis die Leute das kapieren“, sagt Xiao Ge.

Möglicher Wendepunkt?

Sie vergleicht die Bedeutung für die Kunstwelt mit dem historischen Werk „Fountain“ von Marcel Duchamps: 1917 stellte der französisch-amerikanische Dadaist ein handelsübliches Urinal aus. Was zu seiner Zeit nur für Irritation sorgte, gilt heute als Geburtsstunde der Konzeptkunst: Dass sich jemand herausnimmt, Dinge von außen neu zu betrachten, ist bis heute revolutionär. Genauso wird auch „Crypto Art“ einen Wendepunkt darstellen.

Doch inhaltlich ist an der ausgestellten Kunst wenig Revolutionäres zu bemerken. Eine verpixelte Videospiel-Ästhetik zieht sich wie ein roter Faden durch die Werke, eine Mischung aus „Star Wars“ und „Super Mario“, dazwischen etwas abstrakte Videokunst. Die in Peking präsentierten Gemälde würden sich gut in der Vorstandsetage eines Firmenmanagers machen, doch Provokation oder Gesellschaftskritik wird lediglich zart angedeutet. Möglicherweise ist die Gefälligkeit der Motive auch der chinesischen Zensur geschuldet, schließlich muss das Kulturbüro jede Ausstellung im Vorhinein genehmigen.

Kurator Sun Bohan – schwarzes Sakko, schwarze Gesichtsmaske – hält seine Ausstellung dennoch für einen Startschuss in die digitale Zukunft der Kunstwelt: „Kurzfristig mag Krypto-Kunst ein Hype sein, der sich daran zeigen wird, dass Künstler teure Preise erzielen. Langfristig jedoch wird sie zur zwangsläufigen Entwicklung“.

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