Auktion bei Christie's: Auratische Daten

Computercodes lösen einen Boom des digitalen Kunstverkaufs aus. Das Auktionshaus Christie's hat Werke des Künstlers Beeples für 69,3 Millionen Dollar versteigert.

Ausschnitt aus einer Collage des Künstlers Beeple, sie besteht aus 500o kleinen Bildern

Ausschnitt aus „EVERYDAYS: THE FIRST 5000 DAYS“ einer Collage des Digitalkünstlers BEEPLE Foto: Christie's images Ltd. 2021/BEEP/reuters

Gute Neuigkeiten für alle, denen das Zocken mit Kryptowährungen oder Game-Stop-Aktien allmählich langweilig wird: Man kann jetzt auch mit digitaler Kunst spekulieren. Und am heutigen Donnerstagnachmittag dürfte in diesem Marktsegment ein neuer Rekord aufgestellt werden, den sich noch vor ein paar Wochen niemand hätte vorstellen können.

Das Werk “Everydays: The first 5.000 days“ des amerikanischen Künstlers Beeple (bürgerlicher Name: Mike Winkelmann) wurde Donnerstag bei einer Auktion von Christie's angeboten, um 16 Uhr deutscher Zeit fiel der virtuelle Hammer. Das Werk wurde für 69,3 Millionen Dollar versteigert.

Winkelmann hat zwar weder eine Galerie noch einen Wikipedia-Eintrag, sondern war bisher vor allem einer treuen und rasant wachsenden Fangemeinde im Internet bekannt – auf Instagram haben 1,9 Millionen Follower seinen Kanal abonniert. Dort veröffentlicht er seit 2007 täglich ein Bild – selbst an dem Tag, an dem seine Tochter geboren wurde, und dem, an dem er eine Lebensmittelvergiftung hatte.

5.000 Bilder aus 5.000 Tagen

Das zum Verkauf stehende Werk ist eine Collage aus den ersten 5.000 Bildern, die so in die Zirkulation der Sozialen Medien eingespeist wurden, angefangen mit einer Kulizeichnung von seinem Onkel bis hin zu den barocken, obercleveren 3D-Computerbildern mit Comicmotiven und Computerspiel-Ikonografie, die zu seinem Markenzeichen geworden sind.

Die Bilder könnte sich freilich jeder aus dem Internet herunterladen. Aber seine gesammelten Werke, die man nun als eine einzige Riesendatei bei Christie's ersteigern kann, sind mit einem Non-Fungible Token (NFT), also einem „einzigartigen Wertzeichen“, gesichert, einem Verfahren, mit dem man aus potentiell endlos kopierbaren digitalen Daten ein auratisches Original machen kann. Diese Tokens sind ein Stück Computercode, das – ähnlich wie bei der Kryptowährung Bitcoin – in einem aufwendigen Rechenverfahren generiert wird und dadurch einmalig ist.

Dieser Datensatz ist in der Blockchain verzeichnet, einer Art virtuellem Register, das auf vielen verteilten Computern läuft. Weil diese Datenbank jede Transaktion verzeichnet, der die Datei unterzogen wird, kann man das Werk auch nicht einfach weiter verhökern; nach dem „Smart Contract“, der mit der digitalen Collage verbunden ist, erhält Winkelmann bei jedem Weiterverkauf 10 Prozent des Verkaufspreises.

NFTs sind nicht neu

NFTs sind nicht per se neu. Die amerikanische Galerie Transfer bietet bereits seit Jahren alle Arbeiten ihrer Künstler nur noch mit dem digitalen Echtheitszertifikat an. Aber spätestens die Christie's-Auktion hat sie in den Mainstream katapultiert, nachdem das „Nyan Cat“-GIF, das vor 10 Jahren vom Künstler Chris Torres geschaffen wurde, vor wenigen Tage für fast eine halbe Million Dollar auf der Plattform Foundation verkauft wurde und der Sängerin Grimes einige kurze Videoanimationen und digitale Bilder in kurzer Zeit für sechs Millionen abgenommen wurden.

Auch wenn es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die Jeff Koons dieser Welt am neuen Trend mitzuverdienen versuchen – bisher stammen die Werke, die jetzt Höchstpreise erzielen, nicht von „richtigen“ Künstlern, sondern eher von netzaffinen Gebrauchsgrafikern wie Mike Winkelmann, der sein Geld mit Auftragsarbeiten für Musikvideos und Markenartikler verdiente, bevor er in wenigen Tagen zum Multimillionär wurde.

Die Computer-, Netz- und Virtual-Reality-Künstler, die zum Teil seit Jahrzehnten nach einem Businessmodel für ihre Werke suchen, dürften von dem neuen Geldregen erst einmal nicht profitieren – ihre Kunst ist wohl zu sperrig für das neue Käufersegment, das es dem Anschein nach gerne bunt, poppig und leicht verständlich liebt.

Der metaphysische Glaube an den Wert der Kunst

Ob sich hier ein Eldorado für Kunstspekulanten auftut, denen es sogar zu anstrengend ist, ihre Sammlungen in internationalen Freeports vor der Steuer zu verstecken, oder gerade eine gigantische, finanzkapitalistische Blase entsteht, bleibt also abzuwarten. Denn die Rekordpreise beruhen einzig und allein auf dem geteilten, quasi metaphysischen Glauben, dass diese Werke auch wirklich solche Summen wert sind. Und vom Glauben kann man bekanntlich schnell abfallen, wie sich die Veteranen der Dotcom-Blase von 2000 erinnern werden.

Und dann ist da noch der Carbon Footprint: Die holländische Künstlerin Rosa Menkman hat gerade darauf hingewiesen, dass die Generierung von NFTs riesige Energiemengen für den Betrieb und die Kühlung von Computern frisst. Die Digitalwährung Bitcoin verbraucht inzwischen jährlich mehr Strom als Argentinien, wie Wissenschaftler der Universität Cambridge ausgerechnet haben.

Die Tücken der Materialität sind durch die Virtualisierung von Kunstwerken also keineswegs endgültig überwunden: Anfang des Jahres ging die Saga von dem deutschen Programmierer Stefan Thomas viral, der Bitcoins im Wert von über 200 Millionen Dollar auf einer Festplatte bunkerte, für die er das Passwort vergessen hatte. Das wäre ihm mit einem Picasso nicht passiert.

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