Digitale Schule während Corona: Digital bleibt mangelhaft

Hat die Corona-Pandemie der dringend notwendigen Digitalisierung des Schulalltags Vorschub geleistet? Eine Bilanz zum Ende des Schuljahres.

Tablet Hand tippt

Was klickst du: Schule anno 2020 Foto: picture alliance/Rolf Vennenbernd/dpa

BERLIN taz | Das Corona-Schuljahr geht in Berlin zu Ende. Seit Mitte März wurde der Schulunterricht in den öffentlichen Schulgebäuden vom „Homeschooling“ in den privaten vier Wänden abgelöst. Das „digitale Lernen“ am Computer zu Hause und vernetzt über das Internet wird in der Hauptstadt aber keine glänzende Zensur bekommen, das steht jetzt schon fest. Die Technik funktionierte nur schlecht, Lehrer und Schulleitungen waren auf den plötzlichen Fernunterricht kaum vorbereitet, und für die Schülerinnen und Schüler gab es kein einheitliches Bildungsangebot aus dem Netz. „Didaktische Improvisation“ lautete das Gebot der Stunde.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte Bildungssenatorin Sandra Scheeres jetzt dazu auf, mit ihr in „Verhandlungen über einen Corona-Bildungspakt“ zu treten. Themen wären neben Verkleinerung der Lerngruppen, Einstellung zusätzlicher Lehrkräfte und Hygienemaßnahmen auch die „Schaffung einer digitalen Infrastruktur“.

Die besondere Situation der Coronapandemie „bietet die Chance zur Erprobung neuer Lehr- und Lernformen“, sagte der GEW-Landesvorsitzende Tom Erdmann. Neben der technischen Ausstattung für digitales Lernen brauche es auch „pädagogisch fundierte und datenschutzkonforme Lernplattformen“, mit Fort- und Weiterbildung für die Pädagogen. Zudem vermissen die Arbeitnehmervertreter seitens der Senatorin – sozusagen außertariflich – „mehr Wertschätzung und Unterstützung“ für den gesundheitlich nicht ungefährlichen Einsatz der Lehrkräfte. „Auch Bildung ist systemrelevant“, sagte Erdmann.

Schlechte Noten vergab auch die FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Die „digitale Alphabetisierung des Schulbetriebs“ hänge „zu stark vom individuellen Engagement einzelner Lehrkräfte ab“. Die IT-Infrastruktur des Landes könne den „gestiegenen Bedarf nicht stabil und störungsfrei bedienen“.

Am Donnerstagbeginnen in Berlin für rund 400.000 SchülerInnen die Sommerferien. Die Zeugnisvergabe läuft dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie anders als sonst: Seit Montag und noch bis Mittwoch können die Schulen die Zeugnisse ausgeben, die SchülerInnen kommen in kleinen Gruppen zeitlich gestaffelt in die Schule.

Nach den Sommerferienam 10. August – die Einschulungsfeiern finden in kleinerem Rahmen ls üblich eine Woche später statt – sollen die Schulen wieder im Regelbetrieb laufen. Sollte es zu einer zweiten Infektionswelle kommen, hat die Bildungsverwaltung als Szenario eine 50:50-Mischung aus Heimunterricht und Präsenzunterricht in der Schule als Ziel ausgegeben. (akl)

Auf in die Schulcloud

Das hat Arne Schaller, Pressesprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), in seinem Hauptjob als Grundschullehrer in Spandau hautnah erfahren. Als im März die rund 400.000 Schüler und 35.000 Lehrer aus 1.000 Schulen aus dem Klassenraum ins heimische Ambiente verbannt wurden, wollten viele auf die Bildungsangebote der Schulcloud „Lernraum Berlin“ im Internet zugreifen.

„Anfangs ist der Server zusammengebrochen“, berichtet Schaller. „Viele Schulen sind auf andere ­Lernplattformen umgestiegen.“ Schulbuchverlage witterten ein Geschäft und boten ihre Online-Inhalte kostenlos an, um die Schulen an sich zu binden. Bisher ist jede Lehranstalt frei in der Gestaltung ihres digitalen Klassenzimmers. Für ­Schaller ein regulatorisches Defizit: „Wir brauchen in Berlin dringend gesetzliche Regelungen zum digitalen ­Lernen.“

Offiziell hat die Lerncloud der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie rund 150.000 registrierte Nutzer, für die Onlinekurse und Unterrichtsmaterialien kostenlos bereitstehen. Etwa der Deutsch-Kurs „Literaturepochen“ ab Klasse 10, das „Känguru der Mathematik“, ein Mathewettbewerb ab Klasse 7, oder den Spanischkurs „Comprueba tu español“. Vor Corona hatte der „Lernraum“ monatlich rund 13.000 aktive Nutzer, mit der Schulschließung stieg die Zahl rasant an, im Mai waren es im Tagesdurchschnitt etwa 79.400 Personen, die mehr als 33 Millionen Mal auf den digitalen Lernstoff zugriffen.

„Viele Lehrkräfte haben sich in den vergangenen Wochen intensiv auf das digitale Lernen und den Umgang mit digitalen Lernmitteln eingelassen“, ist denn auch die Beobachtung des Sprechers der Senatsschulverwaltung, Martin Klesmann. „Ein größerer Teil der Lehrkräfte geht damit schon seit vielen Jahren routiniert um.“ Etwa mit dem Einsatz der Lernsoftware „itslearning“ am John-Lennon-Gymnasium in Mitte oder in der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg, die wie das Carossa-Gymnasium in Spandau ein eigenes System entwickelt habe.

9.500 Tablets verteilt

Neben einem Leitfaden für das „Lernen zu Hause“ für Lehrkräfte sowie für Eltern und Schüler habe der Senat den „Lernraum Berlin“ technisch aufgerüstet und auf „nun gut 50 Server“ ausgebaut. Zusätzlich wurden Ende April 9.500 mobile digitale Endgeräte für 4,9 Millionen Euro bestellt, die an sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler ausgeliehen werden, um ihnen den Netzzugang zu Hause zu ermöglichen. „Insgesamt hat das digitale Lernen in Berlin einen spürbaren Schub erfahren und deutlich an Breite gewonnen“, findet Klesmann.

Völlig anderer Auffassung ist dagegen die organisierte Schülerschaft: Zu wenig, zu spät, zu unambitioniert, bemängelt Miguel Góngora, der Sprecher des Landesschülerausschusses (LSA) gegenüber der taz: „Eigentlich bräuchten wir jetzt ganz schnell 20.000 Ta­blets“, die doppelte Menge. „Das Homeschooling hat von vorneherein nicht funktioniert, weil die Kommunikation zwischen dem Lehrkörper und den Schülern nicht sichergestellt werden konnte.“ Auch der „Digitalpakt Schule“, den die Bundespolitik mit 5 Milliarden Euro finanziert und aus dem Berlin 275 Millionen Euro erhält, hat im Shutdown nicht helfen können. „Das Verteilungsverfahren ist viel zu kompliziert“, kritisiert Góngara.

Um Investitionsgelder für neue Rechner oder WLAN-Anschlüsse zu bekommen, müssen die Schulen beim Senat aufwendige Medienkonzepte einreichen. Viele haben das schon getan, in Charlottenburg-Wilmersdorf etwa 36 von 49 re­gio­nal verwalteten Schulen, wie der Senat in Antwort auf eine Kleine Anfrage der CDU berichtete. Beantragt wurden für „33 Maßnahmen für 30 regional verwaltete Schulen (334.990,00 €) und 2 zentral verwaltete Schulen (80.348,68 €)“. Für den Sprecher der Bildungsverwaltung ist wichtig, dass der Prozess überhaupt angelaufen ist. „Das Geld für den Digitalpakt ist da und wird ausgereicht“, sagt Klesmann.

Die „digitale Alphabetisierung des Schulbetriebs“ hänge „zu stark vom individuellen Engagement einzelner Lehrkräfte ab“, moniert die FDP

Tropfen auf heiße Steine, findet Beatrice Kramm, Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Berlin. „Bislang wurde erst 1 Prozent der den Berliner Schulen zustehenden Gelder beantragt“, beklagte sie den schleppenden Mittelabfluss jetzt öffentlich. Und mit der Hardware allein ist es nicht getan: Hochwertige Lehrerfortbildung müsse nun angeboten und genutzt werden. „Jede digitale Infrastruktur ist nur so gut, wie die Lehrkräfte mit digitalen Lehr- und Lerngeboten arbeiten können“, sagt sie.

Mit einer besseren Technikausstattung ließe sich eine Aufteilung in Präsenzunterricht und Homeschooling – wenn solche Notfalllösungen wieder notwendig werden – besser bewerkstelligen, meint der Landesschülerausschuss, der dafür ein Konzept „Schule in Zeiten von Corona“ erarbeitet hat.

Auf diese Weise könnte der „Unterricht zeitweilig auch für die nicht anwesende Hälfte der Schulklassen oder Kurse übertragen“ werden. Digitaltechnik könnte so den Klassenverband – jeweils zur Hälfte real und virtuell – wiederherstellen. Voraussetzung für die Umsetzung dieses Konzepts sei aber, merkt LSA-Sprecher Góngora kritisch an, „die Erfüllung digitaler Mindeststandards an allen Berliner Schulen“. Viele Umbauarbeiten also, die gut in die schulischen Sommerferien passen.

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