Werner Graf über den Grünen-Wahlkampf: „Diesmal machen wir es anders“
Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf mahnt, nicht nur mit denen zu reden, die die eigene Meinung teilen. Von der Linkspartei fordert er ein klares Bekenntnis.
taz: Herr Graf, noch fünf Monate bis zur Abgeordnetenhauswahl, und selbst in der taz gibt es Leute, denen zu Ihnen nur ein „Werner wer?“ einfällt. Wie soll sich das bis zum 20. September noch ändern?
Werner Graf: Wir werden einen Wahlkampf führen, der ganz klar auf vier Themen setzt: Wir wollen, dass im Verkehr kein Mensch mehr stirbt und Bus und Bahn pünktlich kommen. Wir wollen in der Mietenpolitik beherzt eingreifen, auch mit harten Maßnahmen. Wir wollen mit einer nachhaltigen Klimapolitik dafür sorgen, dass die Nebenkosten der Berlinerinnen nicht explodieren und wir unabhängig von Diktatoren werden. Und wir wollen uns entschlossen für die freiheitliche Demokratie positionieren und gegen den Rechtsruck stemmen. Diese vier Punkte treiben die Berliner stark um, und die werden wir jetzt auch immer mehr mit mir verbinden.
taz: Das scheint auch nötig, denn eine Umfrage bestätigte Ihnen noch Ende 2025, dass nicht mal jeder Sechste in Berlin Sie kennt und Sie damit der unbekannteste Spitzenkandidat waren.
Graf: Ich mache mir da wenig Sorgen. Wir sehen es in vielen Wahlen, dass die Menschen fünf Monate vor der Wahl sich noch nicht so intensiv damit beschäftigen. In der Vergangenheit haben wir Grüne oft die Umfragen gewonnen und dann die Wahl verloren. Das machen wir diesmal anders.
Werner Graf, 45, stammt aus Bayern und kam nach einem Politikmanagement-Studium in Bremen nach Berlin. Von 2016 an war er fünf Jahre lang Co-Landesvorsitzender der Berliner Grünen. 2021 wurde er Mitglied des Abgeordnetenhauses, 2022 Chef der dortigen Grünen-Fraktion. Die führt er seit März 2023 mit Bettina Jarasch, die auch seine Co-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September ist.
taz: Sie machen es der Wählerschaft ja auch nicht gerade leicht, sich auf Sie zu fokussieren: Es gibt ein Spitzenkandidaten-Duo – Sie und Bettina Jarasch. Die wird, wenn Ihre Partei am Wochenende die Kandidatenliste aufstellt, dort auf Platz 1 stehen. Aber ins Rote Rathaus würden Sie einziehen.
Graf: Das machen wir Grünen schon immer so. Alle ungeraden Listenplätze gehören bei uns Grünen Frauen. Auch Joschka Fischer ist auf Platz 2 angetreten, Robert Habeck auch. Das ist überhaupt nichts Neues.
taz: In jedem Fall sieht das mit dem Roten Rathaus und Ihnen als erstem grünen Regierungschef Berlins gerade nicht optimal aus: Die CDU liegt in Umfragen deutlich vorn, und innerhalb des möglichen Bündnisses aus SPD, Linkspartei und Grünen ist ihre Partei hinten dran, wenn auch knapp.
Graf: Jetzt warten wir mal ab. Bei den letzten Wahlen haben wir wahnsinnige Bewegungen zugunsten der Grünen gesehen, in München wie in Baden-Württemberg. Wir sehen auch, dass wir gerade am Schluss gut mobilisieren konnten. Und das, weil unsere Themen die zentralen Herausforderungen ansprechen.
taz: In der stark veränderten Linkspartei gibt es Stimmen, bei denen das Israelkritische ins Antisemitische überzugehen scheint. Würden Sie mit ihr in jetziger Form koalieren? Ihr möglicherweise damit sogar helfen, erstmals das Rote Rathaus zu übernehmen?
Graf: Wir kämpfen dafür, selbst das Rote Rathaus zu übernehmen.
taz: Aber auch dabei bräuchten Sie die Linkspartei, wenn Sie Regierungschef werden wollen.
Graf: Als Fraktionschef arbeite ich mit der Linksfraktion im Parlament bereits jetzt in der Opposition sehr gut zusammen.
Werner Graf, Grüne
taz: Aber ein Koalitionsvertrag wird zwischen Parteien geschlossen – und der neuen Linksfraktion wird mehr als die Hälfte der jetzigen Abgeordneten nicht mehr angehören.
Graf: Für uns ist entscheidend: Wer sitzt nach der Wahl im Parlament, und was steht im Koalitionsvertrag? Wir werden ganz sicher keinen unterschreiben, der nicht ganz klar ist im Kampf gegen Antisemitismus.
taz: Die Worte im Vertrag sind das eine. Aber was machen Sie, wenn sich Teile der Linkspartei außerhalb des Parlaments anders äußern?
Graf: Wir haben im Moment eine schwierige Situation. Auf der einen Seite muss die Linkspartei diese Fragen intern klären. Auf der anderen Seite sehe ich eine CDU, die den Kampf gegen Antisemitismus als Vorwand missbraucht, um staatliche Fördergelder mutmaßlich am Gesetz vorbei an ihre Freunde zu verteilen.
taz: Sie und viele andere, Politiker wie Medien, kritisieren Regierungschef Kai Wegner stark, nicht nur wegen seiner Tennisauszeit im Blackout. Doch in Umfragen leidet die CDU überhaupt nicht darunter – sieht die Wählerschaft die Lage anders als die politisch-mediale Blase?
Graf: Wir haben auch bei anderen Wahlen gesehen, dass sich erst kurz zuvor in den Umfragen wirklich etwas tut. Und es gibt schon einen großen Frust, weil die Leute nicht wissen, ob sie dem Wort des Regierenden Bürgermeisters wirklich vertrauen können oder wohin er mit Berlin will. Das geht sogar so weit, dass der ADAC mit uns Grünen eine Pressekonferenz gibt, weil sie dort so frustriert von der Verkehrspolitik der CDU sind. Wenn selbst Autofahrer sich Hilfe suchend an uns Grüne wenden, dann muss die CDU doch komplett versagt haben.
taz: Nehmen wir als Referenz mal nicht Umfragen, sondern harte Wahlergebnisse: Im linken Berlin holten die Grünen noch nie mehr als 18,9 Prozent, im konservativen Baden-Württemberg hingegen gewannen sie jüngst die Wahl mit über 30 Prozent. Was sagt Ihnen das?
Graf: Dass wir sehr viel aus Baden-Württemberg lernen können.
taz: Was denn genau?
Graf: Als Erstes, dass es nicht um die Partei geht, sondern um die Menschen, um die Stadt.
taz: Das könnte jetzt jeder Spitzenkandidaten jeglicher Couleur gesagt haben.
Graf: Ist ja eigentlich auch eine Binse, aber allzu oft dreht sich dann doch alle um sich selbst. Wir thematisieren die Verlässlichkeit von U- und S-Bahn und die zu hohen Mieten. Wir sorgen uns, dass Berlin immer heißer wird, und wollen Berlin darauf vorbereiten. Wir machen Vorschläge, wie wir Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft weiter stärken. Mit Blick auf Baden-Württemberg müssen wir das Erfolgsrezept kapieren, nicht kopieren. Denn die Herausforderungen für die Menschen in Berlin sind ganz andere als im Südwesten und die brauchen manchmal eben andere Antworten.
taz: Eine Analyse aus der für die Grünen so erfolgreichen Wahl war, dass eine starke Personalisierung auch Wählerstimmen zieht.
Graf: Natürlich hat die Bekanntheit von Cem Özdemir stark gezogen. Aber auch die Geschlossenheit unserer Partei war ein großer Faktor. Alle in der Partei haben mitgeholfen, auch Ricarda Lang als Parteilinke war sehr viel unterwegs. Wir haben es geschafft, unsere ganze Vielfalt als Partei komplett auszuspielen.
taz: Werden wir mal hypothetisch: Falls es für eine links-grüne Dreierkoalition reicht, und falls die Grünen dabei stärkste Kraft wären – was würde sich am schnellsten, merklichsten, sichtbarsten in Berlin ändern?
Graf: Wir würden uns sofort dafür einsetzen, die Stadt sauberer zu kriegen, weil die Menschen der Dreck wirklich aufregt – und mich auch. Ich würde auch sofort eine Umbau-Agentur installieren …
taz: … die was macht?
Graf: Die schaut, wie wir diese über zwei Millionen Quadratmeter leerstehender Büroflächen schnell in Wohnflächen umbauen können. Da ist Potenzial für 55.000 Wohnungen, das möchte ich schnell nutzen. Und dann würden wir endlich ein Gesetz für bezahlbare Mieten beschließen.
taz: Welche Entscheidung der jetzigen CDU-geführten Koalition würden Sie am schnellsten rückgängig machen wollen?
Graf: Wir würden vor allem den Rückbau der Radwege und der verkehrsberuhigten Zonen, gerade vor Schulen, stoppen und den Verkehr für alle sicherer machen. Wir haben wirklich viele Ideen in petto, wie wir schnell eine bezahlbare, coole und lebenswerte Stadt angehen können.
taz: Anfang 2023 galten die CDU und Kai Wegner als abgeschrieben – vom „einsamen Kai“ war spöttisch die Rede –, wenige Monate später war Wegner Regierungschef. Befürchten Sie nicht, dass sich das wiederholen kann?
Graf: Für mich hat das bloß gezeigt, dass alles möglich ist, auch ein Regierender Bürgermeister von den Grünen.
taz: Wie ist denn aktuell Ihr Verhältnis zu Wegner? 2023 war viel von einer Fast-schon-Freundschaft die Rede, die deutlich über gelegentliches Kaffeetrinken und Hertha-Gucken hinausging.
Graf: Sehr gut. Ich will eine andere Politik als er mit seinem Senat, und das sage ich ihm auch. Dann sagt er mir, dass er alles richtig macht – was ich ihm dann nicht glaube.
taz: Das geht trotz aller politischen Kontroversen?
Graf: Ja natürlich, in welcher Welt leben wir denn? Es muss doch selbstverständlich sein, dass Menschen auch gut miteinander auskommen und befreundet sind, die im politischen Spektrum ganz unterschiedliche Meinungen haben.
taz: So sieht das aber in Berlin gerade leider nicht aus.
Graf: Es geht aber wirklich anders. Ich bin ja in Bayern auf dem Land aufgewachsen, mein Opa war 40 Jahre für die CSU aktiv. Wenn der mit den anderen im Dorf, die auch fast alle in der CSU waren, zum politischen Aschermittwoch nach Passau gefahren ist, haben die mich im Bus mitgenommen. Und dann habe ich draußen mit den Grünen vor der Halle demonstriert, in der mein Opa und seine Kumpels saßen, und nachher sind wir alle wieder friedlich zusammen heimgefahren.
taz: Klingt fast zu schön, um wahr zu sein.
Graf: Es gibt natürlich Grenzen: Wenn es den demokratischen Konsens verlässt, dann ist für mich Schluss – das würde ich auch bei Freunden nicht akzeptieren. Aber ansonsten lebt unsere Demokratie doch gerade davon, dass es unterschiedliche Meinungen und Perspektiven gibt.
taz: Beim jüngsten Landesparteitag hielt die Grüne Jugend wiederum nichts davon, mit der CDU zu reden und forderte, jetzt schon eine Koalition auszuschließen.
Graf: Man wird sehen müssen, mit welchen Parteien wir unsere Inhalte am besten umsetzen können. Und da gibt es sicher mit der SPD und der Linkspartei die meisten Schnittmengen. Aber wir schließen nichts aus – außer einer Koalition mit der AfD.
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