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Die ungesehene Gruppe bei der Wahl„Viele wissen gar nicht, dass sie wählen dürfen“

Bei der Abgeordnetenhauswahl wählen erstmals 16- und 17-Jährige. Nur ist das an Schulen kaum Thema, sagt Landesschülersprecherin Jennifer Rosin.

Interview von

Laura Mies

Rund 58.000 Menschen dürfen bei der diesjährigen Abgeordnetenhauswahl (AGH) mehr wählen als bei der wiederholten AGH-Wahl vor drei Jahren, teilt das Amt für Statistik in Berlin-Brandenburg mit. Dazu zählen auch Wähler*innen, die gerade noch zur Schule gehen. Wie sie dort auf die Wahl vorbereitet werden, weiß Jennifer Rosin, selbst Schülerin und Vorsitzende des Lan­des­schü­le­r*in­nen­au­schus­ses Berlin.

taz: Frau Rosin, bei der Abgeordnetenhauswahl dürfen zum ersten Mal Wäh­le­r*in­nen ab 16 Jahren wählen. Haben Sie schon Wahlplakate gesehen, die die Themen dieser Wäh­le­r*in­nen­grup­pe ansprechen?

taz Talk zur Abgeordnetenhauswahl

Enteignung als Lösung – oder das Ende von Rot-Rot-Grün?

Di., 15.09.2026, 19:00 Uhr, taz Kantine: Anmeldung

Die Mietenkrise bestimmt den Wahlkampf, doch die Vergesellschaftungsfrage spaltet die Parteien. Knapp eine Woche vor der Berlin-Wahl am 20. September gehen wir den Fragen nach: Wie können sich SPD, Linke und Grüne doch zusammenraufen, ohne den demokratischen Auftrag der Ber­li­ne­r:in­nen zu ignorieren? Führt die Enteignungsfrage Berlin in eine politische Sackgasse, von der am Ende nur die Konservativen profitieren? Und was bringt eine Enteignung eigentlich?

Im Gespräch:

Sebastian Schlüsselburg ist Mitglied des Abgeordnetenhauses, ehemals für die Linke, seit 2025 für die SPD.

Katrin Schmidberger ist Mitglied des Abgeordnetenhauses und Sprecherin für Mietenpolitik für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Rouzbeh Taheri ist Neuköllner Direktkandidat der Linken für das Abgeordnetenhaus. Er war Mitgründer und Sprecher der Initiative Deutsche Wohnen & Co Enteignen.

Eintritt frei. Platzreservierung erforderlich

Die Teilnahme in der taz Kantine (Friedrichstraße 21) ist nur mit einem im Voraus gebuchten Ticket möglich. Wir bitten Sie daher um eine Anmeldung. Die Plätze sind begrenzt, der Eintritt ist kostenlos. Der Zugang zur Veranstaltung ist barrierefrei. Zusätzlich wird die Veranstaltung im Livestream übertragen.

Jennifer Rosin: Es gibt einzelne Wahlplakate, die natürlich auf Bildung anspielen. Mehrere Parteien haben das Thema mittlerweile aufgegriffen. Aber Jugendliche beschäftigen sich ja nicht nur mit Bildung. Es gibt viele andere Themen, die gar nicht bedient werden.

taz: Welche Themen sind das?

Rosin: Für die Abiturjahrgänge ist es vor allem Wohnen. Viele möchten ausziehen, aber man kann sich einfach keine eigene Wohnung mehr in Berlin leisten. Außerdem relevant sind fehlende soziale Räume und günstige kulturelle Programme, die eine Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. Sonst sind es noch Themen wie Klima, Wehrdienst und Social-Media-Verbot. Im Wahlkampf fehlt der Bezug zur Lebensrealität junger Menschen.

taz: Zumindest Wohnen ist ein Hauptwahlkampfthema. Warum fühlen sich junge Menschen trotzdem nicht angesprochen?

Im Interview: Jennifer Rosin

19 Jahre alt, ist selbst Schülerin und Vorsitzende des Lan­des­schü­le­r*in­nen­aus­schus­ses Berlin.

Rosin: Das Thema wurde nicht deshalb aufgegriffen, weil es junge Menschen anspricht. Und das ist genau das Problem. Es sind Zehntausende Menschen, die jetzt als neue Wähler dazugekommen sind. Ich glaube, wenn Jugendliche sich nicht angesprochen fühlen, sind sie anfälliger für extremistische Positionen.

taz: Sind junge Menschen denn politisch interessiert?

Rosin: Jugendliche sind sehr politisch, aber halt nicht so direkt. 2021, als Fridays for Future groß war, haben wir uns mit dem Klimawandel auseinandergesetzt. Jetzt setzen wir uns mit dem Wehrdienst, Wohnen und einem Social-Media-Verbot auseinander. In der heutigen Zeit ist es fast unmöglich, unpolitisch zu sein, weil man überall damit konfrontiert ist. Man öffnet einmal das Handy, und schon sieht man politische Themen. Ich kenne aber auch Leute, die die erstbeste Meinung auf Social Media aufschnappen und dann übernehmen.

taz: Wie bereiten Berliner Schulen auf die Wahl und politische Inhalte vor, damit diese leichtfertige Übernahme von politischen Meinungen nicht passiert?

Rosin: Das hängt sehr davon ab, auf welche Schule man geht. An Mittelschulen hat man zum Beispiel nur eine Politikstunde pro Woche. Manche Schulen veranstalten Podiumsdiskussionen zur Wahl, andere gehen mit den Schülern den Wahl-O-Mat durch. Und dann gibt es andere Schulen, an denen gar nicht auf die Wahl vorbereitet wird. Ich kenne viele, die gar nicht wissen, dass sie wählen dürfen. Da sehe ich die Schuld aber nicht bei den Jugendlichen, sondern die Schule sollte sie dazu befähigen, eine demokratische Wahlentscheidung zu treffen.

taz: In einem Podcast haben Sie gesagt, dass es gefährlich ist, die AfD zu solchen Podiumsdiskussionen einzuladen. Warum?

Rosin: Ich finde es extrem schwer, die AfD rhetorisch zu stellen. Die AfD argumentiert nicht mit Fakten, sondern mit Emotionalität. Um Schüler davor zu schützen, sollte man diese Partei nicht einladen. Zwar besagt der Beutelsbacher Konsens, dass Parteien an Schulen im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung neutral zu behandeln sind. Aber wenn man sieht, dass die AfD in fünf Bundesländern als gesichert rechtsextrem eingestuft ist, frage ich mich, inwiefern sie sich dann noch in dieser Grundordnung bewegen.

taz: Bei der Juniorwahl in Sachsen-Anhalt war die AfD mit 28 Prozent stärkste Kraft, dicht gefolgt von der Linken mit 27 Prozent. In Berlin hat die AfD bei der U18-Wahl hingegen nur knapp 6 Prozent erreicht. Woran liegt das?

Rosin: Ich kenne die Vorsitzende des Landesschülerrats Sachsen-Anhalt und sie hat mir von ihrem Schulalltag erzählt. Dort gibt es Jugendliche, die zum Spaß Hitlergrüße machen und illegale Begriffe verwenden. Ich glaube, das hat viel mit den unterschiedlichen Lebensrealitäten zu tun. Berlin ist eine Großstadt, in der unterschiedliche Kulturen und Lebensweisen für viele zum Alltag gehören. Sachsen-Anhalt ist stärker ländlich geprägt, und die AfD hat dort auch unter Erwachsenen deutlich mehr Rückhalt. Das kann beeinflussen, welche Positionen Jugendliche als normal erleben. Die wachsen ja nicht unabhängig davon auf, was ihnen zu Hause und im Umfeld vorgelebt wird.

taz: Welche Rolle spielt die Sensibilisierung auf extremistische Inhalte an den Schulen?

Rosin: Viele Lehrkräfte haben Angst davor, sich kritisch zu äußern, weil sie befürchten, Probleme mit den Eltern zu bekommen oder eben nicht im Sinne des Beutelsbacher Konsens zu handeln. Ich finde nicht, dass Lehrkräfte Schü­le­r*in­nen ihre politische Meinung aufdrücken sollten. Aber es sollte möglich sein, die AfD kritisch einzuordnen. Es gibt sicherlich Schulen, die das sehr gut machen. Aber da hängt es meistens an einzelnen, motivierten Lehrkräften.

taz: Dabei könnte man die Jugendlichen ja erreichen, wenn Sie sagen, dass sie durchaus politisch interessiert sind.

Rosin: Ich habe mal mit einer Person gesprochen, die vor 30 Jahren im Schülerausschuss war. Sie meinte: Ihr habt die exakt gleichen Probleme wie wir damals. Wir Schülervertreter und politischen jungen Menschen reden eigentlich seit Jahrzehnten das Gleiche: Wir haben zu wenig Lehrkräfte, die Klassen sind zu groß, wir müssen Themen auch von Jugendlichen priorisieren, Klimawandel ist wichtig, soziale Fragen sind wichtig. Aber irgendwie bleibt das immer auf der Strecke liegen. Aus den Schülervertretern von gestern sind vermutlich die Politiker von heute geworden. Wie kann es dann sein, dass sich trotzdem so wenig verändert hat?

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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