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AfD vor Berlin-WahlProvokation und Fundamentalopposition

Die AfD könnte bei der Wahl am 20. September ihr Ergebnis verdoppeln – und womöglich sogar stärkste Kraft werden. Was sind die Gründe für den Höhenflug?

Das Ziel war Provokation. Und so ist es kein Wunder, dass der „Spaziergang“ des Berliner AfD-Scharfmachers Thorsten Weiß mit Parteikollegen und einer FPÖ-Delegation durch Nord-Neukölln an diesem Nachmittag Anfang September zum Spießrutenlauf wird. „Ganz Berlin hasst die AfD“, rufen Pas­san­t:in­nen am Hermannplatz. Später, auf der Karl-Marx-Straße, fliegt ein rohes Ei in Richtung Polizei, die den AfD-FPÖ-Pulk von den De­mons­tran­t:in­nen abschirmt.

Weiß und seine Begleiter – darunter der Neuköllner Abgeordnete Robert Eschricht und der Chef der Berliner Parteijugend, Martin Kohler, – verziehen keine Miene. Für ein Statement halten sie an einem Drogenkonsumraum an, vor dem mehrere Kli­en­t:in­nen sitzen, Suppe essen und Tee trinken. Weiß fantasiert dort von einer „Rückeroberung“ von Nord-Neukölln, fordert dafür „konsequente Remigration“ sowie die „Verdrängung der offenen Drogenszene“ und eine „Zwangstherapie“ für suchtkranke Menschen.

Auch wenn die AfD ihre Thesen in Neukölln nur unter lauten „Haut ab“-Rufen kundtun kann: Berlinweit erntet sie dafür viel Zustimmung. Am Ende könnte die Partei ihr Ergebnis bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus in knapp zwei Wochen sogar verdoppeln: Umfragen schätzen die Partei derzeit auf 17 bis 19 Prozent. Bei der Wiederholungswahl 2023 hatte sie noch 9 Prozent erzielt, bei der Bundestagswahl 2025 dann bereits 15 Prozent. Sogar stärkste Kraft könnte sie diesmal werden. Die Konkurrenz, CDU und Linke, liegen aktuell nur wenige Punkte vor ihr.

Beinahe unbeachtet, im Schatten der Aufmerksamkeit für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bahnt sich also auch in Berlin eine politische Verschiebung an. Aber wie konnte das passieren: eine AfD, die um Platz eins in der als liberal, weltoffen, links geltenden Metropole Berlin kämpft?

Drei Faktoren für den Höhenflug der Rechten

Es gebe eine politische Konstellation in Berlin, die den Erfolg der AfD begünstige, sagt der Politikwissenschaftler Aiko Wagner von der Freien Universität, wo er zu Wahlverhalten und Wäh­le­r:in­nen­po­ten­zia­len forscht. Das sei zum einen der Bundestrend. „Bei Landtagswahlen sehen wir immer auch eine Prägung durch die Bundespolitik“, sagt Wagner. Für die AfD gelte das besonders: „Ich gehe davon aus, dass die Wäh­le­r:in­nen nicht die Arbeit der Berliner AfD bewerten, sondern der Bundes-AfD.“ Schließlich seien die politischen Forderungen der AfD vor allem bundespolitisch, etwa zu Migration oder zur Europäischen Union.

Zum anderen sei da die Schwäche des amtierenden schwarz-roten Senats. „Die Landesregierung hat kein gutes Bild abgegeben. Da ist es nicht schwer für Parteien wie die AfD, die sich als Fundamentalopposition inszenieren, erfolgreich zu sein“, erklärt Wagner. In Berlin könne die AfD behaupten: Alle haben sich mal an der Regierung probiert und versagt. Jetzt sind wir dran.Und als dritter, neuer Faktor komme nun noch Rückenwind durch den Wahlsieg in Sachsen-Anhalt hinzu, betont Aiko Wagner: „Leute setzen gerne auf die Sieger. Die AfD steht jetzt als beliebt und erfolgreich da, das kann mobilisieren.“

taz Talk zur Abgeordnetenhauswahl

Enteignung als Lösung – oder das Ende von Rot-Rot-Grün?

Di., 15.09.2026, 19:00 Uhr, taz Kantine: Anmeldung

Die Mietenkrise bestimmt den Wahlkampf, doch die Vergesellschaftungsfrage spaltet die Parteien. Knapp eine Woche vor der Berlin-Wahl am 20. September gehen wir den Fragen nach: Wie können sich SPD, Linke und Grüne doch zusammenraufen, ohne den demokratischen Auftrag der Ber­li­ne­r:in­nen zu ignorieren? Führt die Enteignungsfrage Berlin in eine politische Sackgasse, von der am Ende nur die Konservativen profitieren? Und was bringt eine Enteignung eigentlich?

Im Gespräch:

Sebastian Schlüsselburg ist Mitglied des Abgeordnetenhauses, ehemals für die Linke, seit 2025 für die SPD.

Katrin Schmidberger ist Mitglied des Abgeordnetenhauses und Sprecherin für Mietenpolitik für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Rouzbeh Taheri ist Neuköllner Direktkandidat der Linken für das Abgeordnetenhaus. Er war Mitgründer und Sprecher der Initiative Deutsche Wohnen & Co Enteignen.

Eintritt frei. Platzreservierung erforderlich

Die Teilnahme in der taz Kantine (Friedrichstraße 21) ist nur mit einem im Voraus gebuchten Ticket möglich. Wir bitten Sie daher um eine Anmeldung. Die Plätze sind begrenzt, der Eintritt ist kostenlos. Der Zugang zur Veranstaltung ist barrierefrei. Zusätzlich wird die Veranstaltung im Livestream übertragen.

Rassistische Wohnungspolitik

Inhaltlich setzt die Berliner AfD im Wahlkampf auf altbekannte Ausländer-raus-Politik, Law and Order und Disziplinierung an Schulen. Zugleich versuchen die AfD-Strategen, das laut Umfragen wichtigste Thema der Wahl – die Wohnungskrise – umzudeuten und so für sich zu nutzen. Seit Juni läuft die Kampagne „Wohnungen sind keine Asylheime“, auch bei ihren Wahlkampfauftritten verbreitet Landeschefin Brinker unermüdlich die unbelegte Behauptung, Geflüchtete würden „normalen Berlinern“ den Wohnraum wegnehmen.

Fast alle, die sich vorstellen können, die AfD zu wählen, tun das auch

Aiko Wagner, Politikwissenschaftler

Ob es nun die Unzufriedenheit mit Bundesregierung und Senat ist, die die Leute zur AfD treibt, oder ob das Wahlprogramm tatsächlich inhaltlich verfängt – schwer zu sagen. Klar ist aber: Die AfD erschließt in Berlin neue Wählermilieus und Stadtgebiete. „Die AfD mobilisiert zuverlässig ihr Wähler:innenpotenzial“, sagt Aiko Wagner. „Fast alle, die sich vorstellen können, die AfD zu wählen, tun das auch.“

Falsches Bild von Berlin als linker Hochburg

Das dürfte sich auch nach dem 20. September auf der Wahlkarte zeigen. Hatte die AfD bislang ihre Hochburgen vor allem in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf, hofft sie diesmal auch auf ein gutes Abschneiden in Reinickendorf, in Teilen von Spandau, in den südlichen Neuköllner Ortsteilen, im Norden von Pankow und auch im Süden von Tempelhof-Schöneberg.

Aiko Wagner betont, das Bild von Berlin als linker Hochburg sei ohnehin falsch. „Nicht wahlberechtigte Menschen machen einen großen Teil der Stadt aus. Sie prägen das vielfältige Leben in der Innenstadt – dürfen aber nicht wählen.“ Die Wahlbevölkerung sei deutlich stärker von den konservativeren Außenbezirken geprägt.

Radikale Positionen im bürgerlichen Gewand

Und so konzentriert sich die AfD im Wahlkampf auch auf genau diese Gebiete. Das Rezept: Ein radikales Programm mit einer bürgerlichen Fassade verkaufen. Spitzenkandidatin Brinker gibt sich stets gemäßigt – gleichwohl sitzt sie dank eines Pakts mit der völkischen Strömung in ihrer Partei fest im Sattel.

Doch bei einer Wahlveranstaltung der AfD in Lichtenberg Ende August droht die Fassade zu bröckeln. Brinker steht auf der Bühne, spricht über Regierungsversagen, Chaos, Kontrollverlust, erntet Jubel und Beifall. Es klatschen auch mehrere offensichtliche Neonazis, die zu der Kundgebung gekommen sind und hier ungestört zuhören: Tätowierungen zeigen Hakenkreuze und den Szenecode „88“, ein Mann trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „ENSDAPE“.

Man habe davon nichts gewusst und dulde so etwas nicht, heißt es später aus dem Landesverband. Aber der Vorfall zeigt, wie weit rechts die AfD mobilisiert. Andere rechtsextreme Parteien wie die „Heimat“ und der „Dritte Weg“ haben in ihren ehemaligen Hochburgen längst keine Chance mehr.

Die Landesliste hat es in sich

Auch die künftige AfD-Fraktion wird alles andere als moderat auftreten. Zwar wird der bisherige rechte Stichwortgeber Thorsten Weiß dem Parlament nicht mehr angehören – er wechselt in den Höcke-Landesverband nach Thüringen.

Aber die Landesliste mit 35 Plätzen hat es trotzdem in sich. Da ist neben Brinker etwa der Berliner „Generation Deutschland“-Chef Martin Kohler, der aus dem Burschenschaftsmilieu stammt und immer wieder mit scharfer „Remigrations“-Rhetorik auffällt. Da sind die Höcke-Unterstützerin Jeannette Auricht und der Trump-Fan Julien Adrat, der regelmäßig gegen trans Personen hetzt. Vielen von ihnen dürfte der Einzug ins Parlament gelingen. Aktuell hat die Fraktion zwölf Mitglieder, bald könnten es doppelt so viele sein.

Am Ende bleibt die AfD in Berlin aber – anders als in Sachsen-Anhalt – wohl ohne Machtoption. Niemand will mit ihr koalieren. Die Grünen verlangen zudem, dass der Berliner Verfassungsschutz den Landesverband beobachtet. Um diese Forderung zu untermauern, hat die Partei die Analyse selbst in die Hand genommen und ein Ergänzungskapitel zum Verfassungsschutzbericht geschrieben. Am Dienstag will sie es der Innenverwaltung übergeben.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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