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Rollertaxi-Fahrer in IndonesienDie grüne Macht

Ohne Motorrollertaxis würde der Verkehr in Jakarta kollabieren. Die Fahrer arbeiten prekär – und jetzt explodiert auch noch der Spritpreis.

Niko Kappel

Aus Jakarta

Niko Kappel

M uhammad steckt fest. Er steht mit seinem Motorroller auf einer Kreuzung in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens. Seine Füße in den Plastiksandalen berühren gerade so den Boden, vor ihm keilen sich die Autos ineinander. Die Mittagshitze liegt schwer in der Luft. Das Hupen der Autos dröhnt in seinen Ohren. Dann, endlich, eine Lücke. Muhammad gibt Gas.

Online buchbare Motorrollertaxis heißen auf Indonesisch „Ojek“. Es ist schwer zu sagen, wie viele Ojeks in Jakarta unterwegs sind. Manche gehen von 250.000 aus, andere sagen, es sind bis zu 500.000. In der Metropolregion Jakarta, mit 42 Millionen Ein­woh­ne­r*in­nen die größte der Welt, sollen insgesamt 1,2 Millionen Rollertaxifahrer unterwegs sein. Regelmäßig steht der Verkehr in Jakarta vor dem Kollaps. Zu wenig Infrastruktur für zu viele Menschen. Der öffentliche Nahverkehr ist schlecht ausgebaut und deckt nur wenige Bereiche ab.

Jakarta ist deshalb auf die Ojeks angewiesen. Sie halten die Megacity mobil. Die Fahrer liefern Essen, fahren Kurierdienste und bringen Menschen von A nach B. Die Roller sind im Stau flexibel, sie können sich zwischen den stehenden Autos hindurchschlängeln. In Indonesien dominieren zwei Anbieter, über die sich Ojeks per App bestellen lassen. Das lokale Unternehmen Gojek und sein singapurischer Konkurrent Grab.

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Muhammad fährt seit zwei Jahren für Grab. Aus Sorge vor Repressionen durch den Arbeitgeber steht sein Nachname nicht in diesem Text.

Die App, die Muhammads Leben bestimmt, leuchtet grün auf seinem Handy in der Halterung am Lenker. Wenn Muhammad sie morgens öffnet, bekommt er sofort einen Auftrag zugeteilt. Arbeit auf Abruf, unmittelbar und ohne Ende. Zwölf Stunden am Tag sitzt Muhammad auf seinem Roller und fährt Kun­d*in­nen durch die Stadt. Am Tag verdient er um die 200.000 Rupiah. Das sind 10 Euro.

Die Versprechen waren groß

Im chaotischen Straßenverkehr kontrolliert Muhammad seinen Roller wie ein Zenmeister. Seelenruhig hält er die Balance, stoppt ab, weicht aus. Unter seinem Helm trägt er ein schwarzes Tuch vor seinem Mund, über dem schmalen Oberkörper eine grüne Jacke. Die Sonne hat sie ausgebleicht. Wer sich als Fahrer bei Grab anmeldet, bekommt eine Jacke zugeschickt. Die Qualität ist mies, oft blättert hinten der Schriftzug ab. Auch Konkurrent Gojek kleidet seine Fahrer in grüne Jacken, in Jakarta sind sie elementarer Teil des Stadtbilds.

Im Mai 2015 brachte Grab seinen Rollerservice auf den indonesischen Markt. Acht Wochen nach dem Start hatte die App bereits 2.000 registrierte Fahrer. Die Versprechen waren groß: niedrigschwellige Arbeit in einem Land mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, dazu eine sichere Preisgestaltung für Fahrer und Kund*innen. Früher musste man in Jakarta mit jedem Rollerfahrer um den Preis verhandeln. Heute gibt der Algorithmus feste Fahrtpreise vor.

Seitdem hat die Zahl der Ojek-Fahrer explosionsartig zugenommen. Grab-Motorroller gibt es auch in anderen Ländern wie Vietnam, Thailand oder Malaysia. In Südostasien hat Grab sogar Uber verdrängt.

Heute kann man sagen, dass die großen Anfangsversprechen gebrochen wurden, auf dem Rücken der Fahrer. Grab lockte mit einer „Money Burning“-Strategie die Fahrer an, ein für Start-ups typisches Vorgehen: erst günstige Anreize schaffen, sich so eine marktbeherrschende Stellung sichern und andere von sich abhängig machen – und dann den Preis anziehen. Am Anfang lag das durchschnittliche Bruttoeinkommen der Fahrer noch bei 450.000 Rupiah pro Tag, umgerechnet etwa 23 Euro. Nach zwei Jahren sanken die Fahrereinkünfte deutlich. Der Tiefpunkt lag während der Coronapandemie bei 4,35 Euro für einen Tag Ojek fahren. Seitdem haben sich die durchschnittlichen Löhne nicht wesentlich erholt. Mindestlohn? Fehlanzeige. Denn die Fahrer gelten als unabhängige Auftragnehmer. Auch Muhammad.

Autofahrer schreien ihn an, Kunden behandeln ihn wie Luft

Der 23-Jährige lebt in Bekasi, einer Stadt in der Metropolregion Jakarta. Frühmorgens, meist gegen 4 Uhr, fährt er mit dem Roller eine Stunde ins Zentrum der Hauptstadt. „Da wohnen die Leute mit Geld, da gibt es mehr Arbeit“, sagt er und grinst. Muhammad ist Muslim, wie die meisten Menschen auf der indonesischen Hauptinsel Java. Er ist seit zwei Jahren verheiratet und wohnt mit seiner Frau und seinen Schwiegereltern zusammen.

„Ich fahre gern Ojek!“, ruft Muhammad während der Fahrt von vorne. „Mein Roller ist mein Ticket zu Menschen, die ich sonst nie treffen würde.“ Für Reisen fehlt ihm das Geld. Er hat die Insel Java noch nie verlassen. Aber auf seinem Roller, mitten im Verkehrschaos, begegnet er täglich Fahrgästen aus aller Welt. Trotzdem, sagt Muhammad, sei das Leben hart. Ojek-Fahrer haben in der indonesischen Gesellschaft oft einen schweren Stand. „Einige Verwandte meiner Frau schauen auf das, was ich tue, herab“, sagt Muhammad. Er erzählt, dass viele Kunden ihn schlecht behandeln. Außerdem würden Autofahrer oft schimpfen, wenn er sich seinen Weg durch den Verkehr bahnt.

Auch heute kommt das vor. Mehrfach wird Muhammad angeschrien, wenn er sich zentimetergenau an einem Außenspiegel vorbeidrückt. Als Mitfahrender muss man die Knie gegen den aufgeheizten Roller pressen, sonst würden die vorbeischießenden Autos einem die Beine brechen.

„Autos nehmen keine Rücksicht auf uns“, ruft Muhammad. Erst vor ein paar Wochen hatte er einen Unfall. Ein Auto vor ihm bremste plötzlich. Muhammad konnte nicht mehr ausweichen, riss das Lenkrad nach rechts und knallte in einen Stapel Reifen am Straßenrand. Niemand sei verletzt worden. „Danach sind ein paar Leute vom Straßenrand auf mich zu gerannt. Sie kümmerten sich und gaben mir heißen Tee.“ Oft seien es ärmere Leute wie Straßenhändler, Garküchenverkäufer oder andere Fahrer, die sich gegenseitig helfen, sagt Muhammad. „Die Reichen, die wir zur Arbeit fahren, behandeln uns wie Luft.“

Drei bis fünf Euro am Tag

Raden Igun Wicaksono ist Vorsitzender des Verbands der Online-Motorradtaxifahrer Garda Indonesia. Er setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen für Ojek-Fahrer wie Muhammad ein. Während des Videointerviews sitzt Wicaksono irgendwo im Zentrum Jakartas auf einer Bank am Straßenrand. Der Verkehr ist laut, im Hintergrund rauschen immer wieder grüne Jacken vorbei.

Im August 2025 starb der Fahrer Affan Kurniawan am Rande von Protesten gegen die Regierung. Am nächsten Tag legten Zehntausende seiner Kollegen ihre Arbeit nieder

„Heute verdienen die Fahrer in Jakarta laut unseren Umfragen zwischen 200.000 und 300.000 Rupiah“, sagt Wicaksono. Das sind zwischen 10 und 14 Euro. Aber die Fahrer dürfen das Geld nicht komplett behalten. Anbieter wie Grab haben hohe Gebühren und lassen es sich einiges kosten, dass sie die Fahrer mit ihren Kun­d:in­nen verbinden. Netto bleiben den Fahrern gerade einmal 3 bis 5 Euro pro Tag. „Viele leben in Armut“, sagt Wicaksono. „Ojek-Fahrer sind die Wirbelsäule des täglichen Lebens in Jakarta. Sie verdienen es, dass wir ihr Leben besser machen.“

Für Wicaksono sind die Rollertaxifahrer in Jakarta eine wichtige soziale Gruppe. Warum man sie ernst nehmen sollte, zeigte sich im August 2025. Zu dieser Zeit versetzten 2.600 Euro ganz Indonesien in Aufruhr, eine Summe, für die Muhammad ein ganzes Jahr fahren müsste. So viel sollten indonesische Abgeordnete als Wohnungszulage bekommen. Pro Monat.

Die Nachricht entzündete Protest im Land. In den vergangenen Jahren war die Unzufriedenheit im Land gewachsen, weil die Regierung die Ausgaben für Bildung kürzen und die Privilegien der Abgeordneten erhöhen wollte. Nachdem die Wohnungszulage bekannt wurde, gingen die Menschen massenhaft auf die Straße. Die Demonstrationen liefen unter dem Motto #indonesiagelap: dunkles Indonesien.

Der Tod von Affan Kurniawan

Am 28. August 2025 gab es eine große Demonstration vor dem Parlamentskomplex im Zentrum von Jakarta. Affan Kurniawan, ein 21-jähriger Ojek-Fahrer, lieferte dort Essen für eine Gruppe Protestierender, er kam wegen der Menschenmassen mit seinem Roller nicht mehr weiter. Kurniawan parkte, lieferte das Essen aus und wollte zu seinem Roller zurück.

Auf Social Media sind Videos von diesem Tag zu sehen. Tausende De­mons­tran­t*in­nen drängen sich. Die Luft ist voller Rauch. Die Militärpolizei rückt an und schießt mit Gummigeschossen in die Menge. Chaos bricht aus. Ein gepanzertes Fahrzeug drängt die Menschenmasse zurück. Ein Mann in einer grünen Jacke stürzt. Er schafft es nicht, rechtzeitig aufzustehen.

Affan Kurniawan wurde von dem sieben Tonnen schweren Fahrzeug überrollt. Noch am selben Abend starb er im Krankenhaus. Am folgenden Tag wurde er auf dem Karet-Bivak-Friedhof in Jakarta beerdigt.

Zehntausende Ojek-Fahrer schalteten an diesem Tag die Apps aus und legten damit ihre Arbeit nieder. Kaum jemand in Zentraljakarta bekam ein Rollertaxi. Auf Social Media sah man ein Meer aus grünen Jacken vor dem Friedhof. An der Beerdigung nahmen auch der ehemalige Gouverneur von Jakarta und der Polizeichef teil. Besonders dessen Anwesenheit machte die Fahrer wütend. Sie riefen „Mörder“ und „Feind“, warfen Wasserflaschen und versuchten, die Sicherheitsabsperrungen zu durchbrechen. Indonesiens Präsident Prabowo Subianto hielt noch am selben Abend eine Rede an die Nation, um die Lage zu beruhigen.

„Der Tod von Affan hat uns alle geschockt“, sagt Muhammad heute. „Es hätte jeden von uns treffen können.“ Nach Kurniawans Tod ging Muhammad auf die erste Demonstration seines Lebens. Und mit ihm Tausende Ojek-Fahrer. Bald war überall von der „grünen Macht“ zu lesen. Über das gesamte indonesische Archipel verteilt protestierten Menschen gegen die Regierung. Die meisten von ihnen waren Studierende und Ojek-Fahrer. In Jakarta belagerten sie Regierungsgebäude und Privathäuser von Politiker*innen. Noch heute sieht man vor den Häusern im Stadtteil Menteng, in dem viele Regierungsmitarbeitende wohnen, die Absperrungen der Polizei.

Seine grüne Jacke legt Muhammad nie ab. Auch nicht jetzt, am Abend, wo nach Sonnenuntergang immer noch über 30 Grad herrschen. Muhammad schaut auf die Tankanzeige seines Rollers. Bald braucht er Sprit.

Überall am Straßenrand von Jakarta wird Benzin für Ojeks verkauft, abgefüllt in Plastikflaschen. Ein Liter pro Flasche. Vor dem Irankrieg hat Muhammad für eine Flasche umgerechnet 60 Cent bezahlt. Heute sind es 1,20 Euro. Bei einem Tagesverdienst von knapp 5 Euro ist das eine Katastrophe. „Als ich hörte, dass die USA Iran angreifen, wusste ich, dass uns das hart treffen wird“, sagt Muhammad. Kurz nach Kriegsbeginn hielt die indonesische Regierung den Spritpreis stabil, aber seit ein paar Wochen ist alles teurer geworden. „Ich war gestern im Supermarkt und die Preise haben mich fertiggemacht.“

Die Hoffnung wurde schnell zerschlagen

Nach den Protesten und der öffentlichen Wahrnehmung der grünen Macht hatte Muhammad große Hoffnung, dass sich die Lage für die Ojek-Fahrer in Indonesien verändert. Aber diese Hoffnung wurde schnell zerschlagen. Die Polizei und das Militär reagierten mit aller Härte auf die Demonstrant*innen. Dabei soll es zu massiver Polizeigewalt gekommen sein.

„An einem Samstag im September gingen bei einer Demonstration gegen Mitternacht plötzlich alle Straßenlaternen aus“, erzählt Muhammad. „Kurz darauf hörten wir Schüsse. Wir bekamen Angst und sind alle nach Hause.“ Seitdem traut sich Muhammad nur noch selten auf Demonstrationen. Unter den Fahrern ging das Gerücht um, dass Jakartas Polizeichef den Befehl gegeben haben soll, auf jeden zu schießen, der sich einem Regierungsgebäude nähert. Mindestens zehn Menschen sind bei den Massenprotesten gestorben.

Für Raden Igun Wicaksono, der die Interessen der Fahrer vertritt, waren die #indonesiagelap-Proteste ein Einschnitt. „Seitdem weiß ganz Indonesien, wer die grüne Macht ist“, sagt er. Verbessert habe sich allerdings wenig. Neben der Polizeigewalt sind für Wicaksono vor allem die Plattformen wie Grab und Gojek für die schwierige Lage der Fahrer verantwortlich. So genau weiß nämlich niemand, wie viel sich die Plattformen vom Fahrpreis selbst auszahlen. Schätzungen reichen von 20 bis 30 Prozent. Wicaksono und seine Organisation fordern, dass es höchstens 10 Prozent sein dürfen.

Vor allem machen dem Interessensvertreter gerade aber die hohen Spritpreise zu schaffen. „Wir müssen es schaffen, dass diese Kosten nicht bei den Fahrern hängenbleiben“, sagt Wicaksono. Seit Jahren versucht er, die Regierung dazu zu bewegen, elektronische Roller zu subventionieren. So wäre man unabhängiger vom Öl. Akku-Tauschstationen für Motorroller gibt es in Jakarta genug. „Aber du kannst nicht von den Fahrern verlangen, dass sie sich in dieser Lage einen neuen Roller kaufen“, sagt Wicaksono. „Da muss die Regierung aushelfen.“

Muhammad hat momentan kein Geld für einen Elektroroller. Er spart jeden Rupiah, den er übrig hat. Bald will er das Haus renovieren, in dem er mit seiner Frau und seinen Schwiegereltern wohnt. Sein kleiner Neffe wird größer. Außerdem wünschen sich seine Frau und er ein Kind. Bald werden sie mehr Platz brauchen.

„Es ist schrecklich, dass einer von uns sterben musste, damit uns die Menschen mehr wahrnehmen“, sagt Muhammad. Er setzt seinen grünen Helm auf. Die App auf seinem Handy blinkt. Der nächste Kunde wartet schon. Muhammad winkt und fährt davon, in die warme Nacht.

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