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Fußball-WM in New YorkDie einheimischen Communitys feiern den World Cup

Auf dem Times Square ist nichts los, in den den Vierteln jenseits der großen Touristenhotelmeilen umso mehr. Dort feiern die Menschen aus Mexiko und Puerto Rico.

Sebastian Moll

Aus New York

Sebastian Moll

Es ist ungewöhnlich still am Times Square an diesem Mittwoch vor dem ersten Spiel der Fußball-WM. Der große Platz an der Kreuzung von Broadway und Seventh Avenue, an dem sonst zwischen Touristenhorden und genervten Büroangestellten kein Durchkommen ist, ist für New Yorker Verhältnisse leer. Ein einsamer Spiderman zwängt sich in sein Kostüm, um sich für Geld mit Touristen fotografieren zu lassen. Ein Dutzend Männer in roten Hemden versucht verzweifelt Stadtrundfahrten im Doppeldeckerbus loszuwerden. Der Kiosk mit Last-Minute-Tickets für Broadway-Shows ist verwaist.

Zwei junge Männer mit englischem Akzent und rotweißen Trikots sprechen Passanten an und bitten sie, für ihren Instagramkanal eine Frage zu beantworten. Welches Land sie denn anfeuern würden, wenn es nicht das eigene ist. Eine Familie in Brasilien-Trikots bleibt stehen, doch eine Antwort fällt ihnen nicht ein. Eine andere Mannschaft als Brasilien? Was?

Der große Pelé-Shop ein paar Schritte entfernt, im heute nur schwach pochenden Herz New Yorks, ist ebenfalls verlassen. Auf einer Leinwand im hinteren Teil des Ladens läuft das Viertelfinale von 2022 zwischen Argentinien und Holland. Auf den Stufen davor sitzen nur zwei Angestellte des Ladens. Ich solle unbedingt wiederkommen, wenn es losgeht, sagen sie mir dringlich.

In Jahren, in denen keine Fußball-WM ist, ist es hier, wo sich alle großen Touristenhotels ballen, voller. Das liegt ganz sicher an dem Dämpfer, den die Touristenbranche durch die Einreise-Politik von Trump erfahren hat. 5,5 Prozent weniger Reisende kommen in die USA, seit Trump die Kontrollen bei der Einreise verschärft hat und Urlauber Angst haben müssen, von der Einwanderungspolizei ICE verschleppt zu werden. Mehr als acht Milliarden Dollar weniger haben in diesem Jahr Reiseveranstalter, Hotels und Gastronomie verdient.

WM-Boom? Die Hotelpreise sind niedriger als sonst

Die WM schien da ein Lichtblick zu sein. Vom größten Sportereignis der Welt würden sich die Fans sicher auch nicht von Trump verschrecken lassen. Doch nach einem WM-Lift sieht es für den Fremdenverkehr bislang nicht aus. Die Hotelpreise, die vor Monaten drastisch angestiegen waren, sind mittlerweile noch niedriger als sonst. Die FIFA, die spekulativ Betten geblockt hatte, musste sie verlustig wieder auf den Markt werfen.

Die 116te Straße ist nur sechs Kilometer vom Times Square entfernt; die Gegend East Harlem, in der sie liegt, könnte jedoch genauso gut auf einem anderen Planeten liegen. Niemals würde sich ein Tourist hierher, in den „El Barrio“ genannten Kiez verirren, es gibt keinen Reiseführer, in dem der Barrio mehr als eine flüchtige Erwähnung findet. Er gehört ganz seinen mexikanischen, dominikanischen und puertorikanischen Einwohnern. Die Namen der Läden und Restaurants sind ausschließlich auf Spanisch.

In der Mitte des Blocks zwischen zweiter und dritter Avenue umwirbt in grünen und roten Lettern der Schriftzug „Euromex“ die Passanten. Wenn man durch einen schmalen Hauseingang in das Innere tritt, dann eröffnet sich eine verborgene Kathedrale des Fußballs. Auf zwei Geschossen hängen Trikots bis unter die Decke, ergänzt von einer Wand mit Schuhen und großen Körben voller Bälle. Mittendrin steht Roger Flores, der etwa 25 Jahre alte Sohn des Besitzers. An der Kasse arbeitet die Mutter, seine beiden Schwestern helfen ebenfalls beim Verkauf.

Flores, der ein AC-Mailand-Trikot trägt, ist stolz auf das Geschäft, das sein Vater nebenan auf einer kleineren Fläche vor der WM 1994 eröffnete. Von den 48 Mannschaften der WM hat Flores 45 Trikots, nebst allen wichtigen Vereinstrikots aus Europa und Südamerika. Hinzu kommt eine museale Ecke von Sonderauflagen, wie etwa ein Johan-Cruyff-Trikot vom 125ten Jubiläumsspiel von Ajax Amsterdam.

Ganze LatinX-Familien statten sich mit Trikots aus

Besonders stolz ist Roger jedoch auf das Nationaltrikot Iraks, das sich zum ersten Mal seit 40 Jahren für die Endrunde qualifiziert und dabei das zerrissene Land geeint hat. „Wir sind das einzige Geschäft in den USA, das dieses Trikot hat“, sagt Roger mit Gewissheit. Und man glaubt es ihm. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass irgendein anderes Fußballgeschäft der USA so gut sortiert ist. Schon gar nicht die Pelé-, Nike– und Adidas-Läden im Touristenbezirk Times Square.

Die Kundschaft weiß das zu schätzen. Junge Männer, eindeutig selbst aktive Spieler, diskutieren über Schuhmodelle und geben Turnierprognosen ab. Vor allem aber rücken ganze LatinX-Familien an, um sich für die kommenden Wochen auszustatten. Eine sechsköpfige ecuadorianische Familie kauft Nationaltrikots von XL bis zur Kindergröße. Roger ist sich mit ihnen einig, dass ihrer Mannschaft eine Überraschung gelingen könnte.

Der Laden ist voll, die Menschen drängen sich durch die schmalen Gänge. „Das geht schon seit zwei Wochen so“, sagt Roger. Im Schnitt glaubt er, verkaufe er 80 bis 100 Trikots pro Tag. Was an WM-Fieber aus Übersee fehlt, so scheint es, wird in New York durch den Enthusiasmus der Einheimischen wettgemacht.

Es sind die Einheimischen, die Bürgermeister Zohran Mamdani immer meint, wenn er von den Menschen spricht, die diese Stadt ausmachen. Die Einwanderer-Communitys, die sich auf die Weiten der Bezirke rund um Manhattan verteilen. Die Mexikaner von East Harlem, die Haitianer von Queens, die Kongolesen und die Usbeken von Brooklyn.

1.000 günstige Tickets für die Einheimischen

Für sie ist diese WM im eigenen Land, in der eigenen Stadt, eine enorme Gelegenheit. Wenn die Fremden wirklich wegbleiben, dann gehört die WM-Party in New York ganz ihnen. Szeneblätter wie die Brooklyn Rail sagen jetzt schon voraus, dass dort die besten WM-Partys steigen werden: im brasilianischen Café „Beco“, im senegalesischen „Rue Dix“, im mexikanischen „lasuperior“. Und, nun ja, im oberbayrischen „Zum Schneider“, der in Greenpoint einen Pop-up aufgemacht hat.

Dass dies ihre WM, die WM der Einwanderer, werden könnte, ist ganz nach Mamdanis Geschmack. Ganz im Sinne seiner Bezahlbarkeitsagenda ist der bekennende Fußballfan ein glühender Anhänger vom englischen Meister Arsenal London, so auch bei der Fifa vorstellig geworden, um für ein Kontingent bezahlbarer Tickets zu werben. 15 Prozent der Karten für jedes New Yorker Spiel wollte er für je 50 Dollar an die Bürger der Stadt geben.

Am Ende spuckte Fifa-Chef Gianni Infantino insgesamt 1.000 Karten für alle acht Spiele in New York aus. Mamdani verloste sie vergangene Woche vor dem Rathaus. Zusätzlich kündigte er für das Endspiel, das im Stadion in den Meadowlands, keine 20 Kilometer von Manhattan entfernt stattfindet, eine riesige Watchparty im Central Park an. „Game not Greed“ ist Mamdanis Motto für die WM. Alleine die Gouverneurin von New Jersey, auf deren Territorium das Stadion liegt, mag nicht mitspielen. Sie knöpft den Besuchern bis zu 150 Dollar für die Busfahrt ab.

Das multikulturelle Fußballfest der einfachen Leute, das Mamdani sich wünscht, kann nun nur noch Donald Trump vermiesen. Zielgenau zum WM-Anpfiff hat ICE-Direktor Tom Homan angekündigt, die Präsenz seiner Truppen auf den Straßen New Yorks drastisch zu erhöhen. Er ist sauer, dass die New Yorker Gouverneurin Kathy Hochul ihm nicht erlauben will, Insassen New Yorker Gefängnisse zu verhaften und zu deportieren. Hinzu kommen die Proteste in Newark, ganz in der Nähe des Stadions, wo die Insassen eines ICE-Lagers derzeit in einen Hungerstreik getreten sind.

Eine ICE-Invasion im Stil von Minneapolis oder vorher Chicago und Los Angeles würde ganz gewiss die Feierstimmung drücken, gerade in den Einwanderer-Communitys. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass ICE versprochen hat, die Stadien von Großrazzien zu verschonen.

Im „Euromex Soccer“-Shop mag man an so etwas, drei Tage vor dem ersten Spiel in New Jersey, jedoch nicht denken. Roger Flores spekuliert lieber über das Turnier. Na klar würde er sich wünschen, dass Mexiko weit kommt. Aber er glaubt nicht wirklich, dass die Mannschaft über die erste Runde hinauskommt. Sein Favorit ist Frankreich, darauf legt er sich eindeutig fest. Und wo er die Spiele schaut? Im Laden natürlich. „Die haben die Spiele für Amerikaner mitten in den Tag gelegt“. Das ist das einzige, worüber er sich im Moment wirklich aufregt.

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