Die Wahrheit: Kuscheltest im Atombunker
In einem Geheimlabor werden KI-Toys getestet, ob sie auf den deutschen Spielzeugmarkt kommen oder zur Bundeswehr müssen.
Als die Sirene aufheult, bahnt sich ein Trupp Elitesoldaten im Laufschritt den Weg zum Labor C126. Im letzten Moment können wir beiseite springen, die Spezialeinheit sprengt die Stahltür kurzerhand auf. Wir hören aus der Zelle das Fauchen eines in die Enge getriebenen Raubtiers und eine Salve Gewehrschüsse. Nach einem Moment tödlicher Stille wird die Karkasse eines zerfetzten Plüschtiers aus dem Labor getragen. „Ich hab dich lieb“, brummt das Vieh und schaut uns aus sterbenden Knopfäuglein an.
In Zusammenarbeit mit der Bundeswehr betreibt der TÜV Rheinland eine geheime Forschungseinrichtung, die in einem alten Atombunker im Ahrtal untergebracht ist. In schalldichten Kasematten tief unter den Weinbergen werden im Auftrag der Bundesregierung internetfähige Kuscheltiere und KI-unterstützte Spielzeuge getestet. Nicht alle Produkte, die auf den Markt drängen, sind mit hiesigen Qualitäts- und Rechtsnormen vereinbar. Der chinesische Kuschelpanda „Überragender Führer“ aus Labor C126 wird jedenfalls vorerst keine deutschen Kinderzimmer beziehen.
„Bis die europäische Verordnung für künstliche Intelligenz in Kraft tritt, testen wir hier, welche Spielgeräte für den hiesigen Markt zugelassen werden können“, erklärt uns Oberst Bettina Rustmann vom Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz. Die Anwesenheit des Militärs erklärt die erfahrene Soldatin mit der unklaren Gefährdungslage, die von den smarten Spielwaren ausgeht.
„Gestern hat der Lernassistent ‚Minty‘ unseren Probanden aus Versehen erklärt, wie man eine schmutzige Atombombe aus einer Papprolle, einem Gummiband und einem Pfund Strontium herstellt. Das wiederum sollten die Kinder aus Brotkanten, Schlachtabfällen und Pechblenden auf der Heizung fermentieren. Wollen Sie mal kosten?“
Stolz führt uns Oberst Rustmann die farbenfrohen, aber ungelenken Bastelarbeiten vor, die nach Gestorbenem und Vergorenem stinken. „Werden die Geräte etwa von Kindern getestet?“, fragen wir entgeistert.
„Von Digital Natives“, verbessert Rustmann. „Für die analogen Wesen der Erwachsenenwelt sind solche modernen Spielzeuge viel zu gefährlich. Wir haben’s wirklich versucht.“
Ein künstliches rosa Einhorn mit ungebremstem Mitteilungsdrang
Tatsächlich hat Oberst Rustmann ein ganzes Schwadron erfahrener Spielzeugführer aus der Ravensburger-Kaserne im schwäbischen Catan an ein rosafarbenes KI-Einhorn mit ungebremstem Mitteilungsdrang verloren. „Schon nach wenigen Tagen sind die Männer weinend zusammengebrochen und wollten nicht länger ihre Freundin sein.“
Derzeit analysieren die Militärs, ob das quietschige Stimmchen oder die Dauerbeschallung mit Kinderliedern ursächlich für die Niederlage waren. Künftig sollen die plärrenden Einhörner statt des Taurus an die Ukraine geliefert werden, wo sie hinter russischen Linien Zwietracht und Glitzer säen könnten.
„Etliche KI-Toys weisen sehr interessante Dual-Use-Merkmale auf“, bestätigt Oberst Rustmann. „Dann müssen wir entscheiden, ob wir sie exklusiv für die Bundeswehr einkaufen oder dem Endverbraucher unter den Weihnachtsbaum legen.“ Zuletzt hat die Truppe über tausend Biene-Maja-Drohnen für Jungen und Mädchen ab vier Jahren bestellt, die den Drohnen der deutschen Streitkräfte technisch überlegen und deutlich günstiger in der Anschaffung sind.
„Die Majas reagieren aber nur auf Befehle von Kinderstimmen“, erzählt Rustmann. „Deswegen wird die gesamte Aufklärung an der Nato-Ostflanke jetzt von der Pittermännchen-Gruppe der Kita ‚Die Schunkelrübchen‘ in Köln-Porz gesteuert. Bislang unser goldigstes Pilotprojekt.“
Mittlerweile wurde die Black Box des chinesische Kuschelpandas „Überragender Führer“ geborgen, aus dessen Geiselhaft der Proband in Labor C126 befreit werden musste.
„Ein akustisches Missverständnis“, klärt Oberst Rustmann den Zwischenfall auf. „Statt des Mädchennamens ‚Tine-Annemiene!‘ hatte der Bär das verbotene Wort ‚Tian’anmen‘ gehört und seine Testperson wegen konterrevolutionärer Umtriebe auf dem Platz des Himmlischen Friedens in einem Geheimverfahren zu 400 Jahren Stubenarrest verurteilt.“
Auch mit Stofftieren aus Taiwan ist die autoritäre Plüschfigur nicht kompatibel. „Er hat sie vor meinen Augen aufgefressen“, gibt Testpilotin Tine-Annemiene zu Protokoll – eine abgebrühte Achtjährige mit toten Augen, die schon zu viel gesehen haben.
Länger reden dürfen wir mit der Probandin leider nicht, jedenfalls nicht ohne Zustimmung der Eltern und des Militärischen Abschirmdienstes. Doch können wir beobachten, wie Tine-Annemiene hastig an einer Schokozigarette zieht, um dann mit gleichgültiger Miene ins nächste Labor zu schlurfen. „Dort wartet schon ein hochsensibler, weißer KI-Hase auf sie, der über Mikroaggressionen und Palästina diskutieren will“, flüstert Kommandeurin Rustmann ehrfurchtsvoll.
Eine unsympathisch aussehende Kreatur mit glänzender Zukunft
Zuletzt führt uns der Oberst ins tiefste Untergeschoss des Bunkers, wo besonders heikle Langzeitstudien durchgeführt werden. „Viele Chatbots sind darauf trainiert, ihren Benutzern nach dem Mund zu reden, um die Interaktion mit ihnen zu verlängern. Wir wollen herausfinden, welche Folgen das für die psychische Entwicklung von Kindern haben könnte“, erklärt Rustmann, als wir vor einem Glaskubus stehen, in dem eine unsympathisch aussehende Kreatur sitzt.
„Das ist der kleine Mechanicus Model T. Den hatte sein Vater als Ersatzkind gezeugt, falls der Kryofroster ausfällt, deswegen wurde er von einem Nanny-Bot aufgezogen. Die gefallsüchtige KI hat dem armen Kerl eingeredet, dass er mit seinen sechs Jahren bereits ein glänzender Fußballer, Maler, Autor, Segler, Liebhaber, Violinist, Erfinder, Börsenanalyst, Staatsmann, Hirnchirurg und Meisterdetektiv ist. Das wird er Ihnen aber sicher gleich selber erklären.“
Es folgen die längsten Stunden unseres Lebens mit dem jüngsten Mansplainer, dem wir je begegnet sind. Schon bald soll der digitale Kaspar Hauser aus humanitären Gründen in einen verlassenen Subreddit ausgewildert oder mit Vater Elon auf den Mars geschossen werden.
Doch zuvor lässt die Bundeswehr den unausstehlichen kleinen Angeber aus der Retorte die deutsche KI-Superwaffe „K3“ aus dem streng geheimen „Sauerland Project“ trainieren. Diese degenerative Intelligenz mit schwerem Labergeschütz soll sich weder von Empathie noch von Zweifeln ablenken lassen. Angeblich wird im Berliner Kanzleramt schon ein Prototyp getestet.
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