Die Wahrheit: Brüllkultur im Gruseltunnel
Der Weg ist das Ziel oder auch nicht, wenn eine Bahnfahrerin auf dem Weg zur Buchmesse in Frankfurt auf krachlederne Morgentrinker trifft.
W enn du irgendwo herumsitzt, stumpf auf einen Menschenstrom schaust und dich dabei nicht allzu gut fühlst, bist du wahrscheinlich auf der Buchmesse. Reißt der Strom kurz ab, sind auf der Wand des gegenüberliegenden Standes die Wörter „Reparaturkultur“ und „Schwerhörigkeit“ zu lesen. Was es damit auf sich hat, bleibt nebulös, passt aber trotzdem irgendwie zur menschenfeindlichen Umgebung, auch wenn ich nicht weiß, wie meine buchmessenkrachgenerierte Höreinschränkung repariert werden könnte, außer vielleicht mit einer Lärmabsauganlage oder einem frischen Eimer Vogelgesangkultur.
Beides gibt es aber in den eiligen Hallen nicht, sondern bloß zahllose gruselige Erlebnisflächen wie zum Beispiel einen Sebastian-Fitzek-Käfig mit Augenbällebad und vorher Schlangestehen.
Nichts mehr für mich, weil ich meinen persönlichen Gruseltunnel schon auf der Hinfahrt durchlitt: sechs norddeutsche Außendienstler im Großraumwagen auf dem Weg zum Cannstatter Wasen. Daraus entfaltete sich schnell ein ganzer Schauer-Themenpark: Trinkkultur! Die ersten drei Biere gehen schon vor zehn Uhr. Paarungsverhalten! „Ja, sie heißt Cindy und hat ein Kind, das sind lauter Red Flags, ich weiß, aber was soll ich machen?“ – „Alter, wenn sie mit dir Schluss macht, Klappe halten und weitermachen, die kommt von ganz allein wieder. Das ist dann dein Moment!“
Geplante Demütigung
Was genau mit diesem Moment anzufangen ist, bleibt unklar. Möglicherweise geht es um Reparaturkultur, vielleicht aber auch nur um eine sorgfältig geplante Demütigung jener undankbaren „Alten“, die unsern Helden verlassen hat. „Bloß nicht auf Social Media rumheulen!“, empfiehlt der Fachmann noch – das können wir uns alle zu Herzen nehmen.
Der Bierdunst verwandelt die temporäre Zwangsgemeinschaft inzwischen in einen Großraumwasen. Wir sind beim Thema Psychologie angekommen. „Du musst dich mal in so 'ne Frau reinversetzen, die ganze Palette! Die kann doch nicht durch die Stadt gehen, ohne dass sie überall angegafft und angequatscht wird! Die lernt doch als Erstes, nein zu sagen!“ – „Ja genau, 80 Prozent der Frauen daten die oberen 10 Prozent der Männer!“
Zu welchem Anteil Cindys Anbeter sich zählt, kann man sich denken, aber was wird aus all den Ungedateten? Sie prügeln sich um die letzten 20 Prozent Frauen? Sie betrinken sich morgens in der Bahn? Sie fahren zur Buchmesse, weil ihr Leben einen Dreck wert ist?
Beim Themenkreis Handwerk bin ich dann raus. Kann man für ein 17er Rohr noch den Estrich aufstemmen oder fällt die Wand um? Keine Ahnung. Ein Fall für eine Reparaturkulturbeauftragte. Ich flüchte mich in künstliche Schwerhörigkeit und freue mich auf tagelange Brüllgespräche zwischen Bücherstapeln, jetzt und immerdar.
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