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Die WahrheitDie Bäckerkatzen von Hiddensee

Statt mit Brot und Kuchen beschäftigt sich ein Teigkneter auf einer Ostseeinsel neuerdings mit Fellnasen.

A ls ich in Kloster zum Bäcker ging, stand an der Fensterscheibe mit Kreide geschrieben: „Geschlossen, für immer“. Für die, die des Englischen mächtig sind, stand darunter außerdem: „For ever“.

Da bekommt eine Geschäftsaufgabe gleich was Poetisches. Kein Brot mehr und for ever kein Blechkuchen. Bei dem Wort Blechkuchen merkt man allerdings wieder den Klangunterschied. Blechkuchen, der scheppert zwischen den Zähnen.

Seitlich entfaltet sich ein Brueghel-Bild aus kaputten Stühlen, einem Elektrodreiradtorso, Holzpaletten und einem rostigen Teil – halb Rührgerät, halb Fliegerbombe –, und überall Katzen drauf. Kurz dachte ich, wir hätten das mit dem Rostocker Kümmel gestern lieber bleiben lassen sollen. Immerhin waren es keine weißen Kaninchen, als ein Zettel mich wieder beruhigte: „Katzen werden gern vermittelt. Transportboxen vorrätig. Zur Mitnahme bereit!!!“

Der Bäcker ist offenkundig auf Katzen umgestiegen. Katzen to go. Die sind zwar nicht ganz so lecker wie Blechkuchen, dafür kann man sie streicheln. Geimpft und kastriert sind sie ebenfalls. Man muss nur zugreifen. Alf hätte seine Freude an dem Angebot.

Wundersame Vermehrung

In der Küstenpresse wird der Bäcker zitiert mit einer einleuchtenden Erklärung dafür, wie es zu dieser Katzenvermehrung kommen konnte, nämlich: „Auf einmal waren die da.“ Auf diese wundersame Weise entstanden präzise gezählt „111 Katzen“.

Plötzlich schoss beim Ladengeschäft ein Elektrodreirad in Hiddenseehöchstgeschwindigkeit vorbei und hielt am Hintereingang. Seinen Hund noch an der Leine, der bei der Fahrt nebenher geflitzt war, humpelte der Bäcker ins Haus. Die Katzen hatten sich von dem Konkurrenzhaustier nicht weiter irritieren lassen. Sie wissen, der hat keine Chance.

Der Hund sitzt am Ende neben seinem toten Menschen und wimmert. Die Katze sitzt neben ihrem toten Menschen, bis sie Hunger bekommt und ihn auffrisst. An der Katze kann man lernen, was Selbstfürsorge im Alltag bedeutet. Obwohl auch Hunde – Treue hin, Liebe her – irgendwann ihre Herrchen und Frauchen aufessen. Sie fangen bloß später damit an als Katzen. Zu Beginn knabbern sie nur ein bisschen, weil sie ihren Menschen wieder zum Leben erwecken wollen. Katzen sind da pragmatischer und legen gleich los. Wie lang wohl so ein dicker Bäcker für hundert Katzen reichen würde?

Das bringt mich auf eine Idee. Statt des überteuerten Brotaufstrichs aus Sanddornabfällen als Urlaubsmitbringsel sollte ich das großzügige Katzenangebot des Bäckers annehmen und ein paar von ihnen heim nach Halle holen. Dann frage ich den netten Nachbarn, der sich leider etwas zu oft über unseren verwilderten Garten im Hinterhof beschwert hat, ob er übers Wochenende mal auf die Samtpfötchen aufpassen könne …

Während der Haft schreibe ich einen Cosy-Katzenkrimi mit Hiddensee-Background und werde reich.

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Christian Kreis

Christian Kreis Autor

Christian Kreis, geboren 1977, lebt in Halle. Schriftsteller, Kolumnist, Poetry Slammer. Er schreibt für Die Wahrheit, ist Mitglied der Lesebühne Kreis mit Berg. Veröffentlichte zuletzt in der parasitenpresse die Bücher "Halle Alphabet" und "Der grundsympathische Blick des Norman Bates".
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