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Die WahrheitTote Zeitung mit Pizza Hawaii

Mit den neuen EU-Verpackungsregeln erweist der Gesetzgeber dem Umweltschutz einen Bärendienst.

Pizzabäcker Salman kocht vor Wut, während er eine Caprese zubereitet. Je länger die Schlange vor seinem Restaurant wird, dem „Al Simpatico Napoletano“ in Offenbach, desto grimmiger zerhackt er Tomaten, Mozzarella und Basilikum. Durch die Tür hört er einen Gast nach dem anderen am Tresen zürnen: „Der letzte Scheiß! Wo sind eure alten Kartons geblieben? Seid ihr bekloppt?“

Salman bleibt deshalb lieber in der Küche. Er wäscht sich die Hände und blättert demonstrativ in der gestrigen FAZ. „Mamma mio, sie akzeptieren meine neuen Behältnisse für den Außer-Haus-Verkauf nicht“, atmet der Araber schwer, der jahrelang als Pizzaiolo in Neapel diente, ehe es ihn nach London und dann an den Main verschlug. „Aber warum?“, seufzt er verzweifelt. „In England wickelt doch jeder Imbiss seine Fish'n'Chips in Zeitungen!“

Derweil kriegt die Aushilfe draußen vor der Küchentür den geballten Zorn der Stammkunden ab. Immer wieder gellen Stimmen: „Das war das letzte Mal, dass ich hier bestellt habe!“ Die Klage: Das dünne Zeitungspapier sei im Nu durchweicht, verschmelze mit Käse und Tomatensoße zu einer klebrigen Masse. Es lasse den Teigfladen schnell erkalten und entspreche vielleicht nicht einmal den Hygienevorschriften.

Wenigstens das weist Salman strikt von sich: „Ich wasche mir vor dem Zeitunglesen immer die Hände. Hier ist alles recyclingfähig und biologisch abbaubar, wie es das Gesetz verlangt. Darum gehe ich ja pleite!“ Es sind nämlich die neuen Verpackungsregeln der EU, ergänzt durch das nationale Durchführungsgesetz, die die Existenz der Pizzeria bedrohen. Sie diktieren von nun an auf kleinlichste Weise Materialien, Packvolumen und Recyclingquoten, um die allgegenwärtige Verpackungsflut einzudämmen, erreichen aber vermutlich das Gegenteil.

Bald kommt die Telefonbuchsammlung dran

Dass die Maßnahmen den gewünschten Erfolg haben werden, kann im Falle der Lieferdienste getrost bezweifelt werden: Das Zeitungssterben geht weiter, bald wird Salman seine Telefonbuchsammlung anbrechen müssen. Viele Gäste kommen nicht wieder, steigen auf günstige Tiefkühlpizza um und verstopfen ihre Abfalltonnen mit Kubikmetern Umkartons und Plastikfolie. Damit hätte der Gesetzgeber dem Umweltschutz einen Bärendienst erwiesen!

Denn die neuen Vorschriften gehen noch viel weiter, greifen zum Beispiel ins Sozialleben junger Familien ein und machen Geburtstage zum Problemfall: Geschenkverpackungen dürfen keine Schwermetalle mehr enthalten, Styroporhüllen nicht mehr als viermal so groß sein wie das eigentliche Geschenk, Plüsch-Ummantelungen keine Glyphosatspuren mehr aufweisen. Vor jedem Kindergeburtstag muss recherchiert werden, ob das Geschenkpapier aus schädlichen Substanzen besteht oder toxische Familienbeziehungen fördert.

Alles, was Kindern Freude bereitet und die Reputation ihrer Eltern steigen lässt, ist nun verboten: Metallic-Folien, Glitzeraufkleber, radioaktiv leuchtende Farben! Die Ausweichmöglichkeiten sind rar. Alternativ angehauchte Erziehungsberechtigte wickeln ihre Geschenke in Jutetaschen oder Jeansstoff ein, Mittelschichtsspießer in Samt und Seide. Viele verzichten deshalb ganz auf Geschenke – vor allem die Knausrigen, die ihren Kleinen nicht mal ein Abo bei Disney+ gönnen.

Einen besonderen Klops hält die neue Verordnung freilich für die ohnehin gebeutelten Unverpackt-Läden bereit. Um eine Recyclingquote von mindestens 75 Prozent zu erreichen, müssen sie jetzt alle Waren aufwendig in kompostierbare Tüten und Kartons verpacken, ehe sie den Kunden ausgehändigt werden.

Can you füll the love?

„Das ist doch widersinnig“, schnauft Thorwald Brinkberg vom Heidelberger Zero-Waste-Laden „Can you füll the love?“ Traurig lässt er seine leere Registrierkasse rattern: „Aus einer guten Idee für die Welt von morgen ist mit einem Mal eine Verpackungspflicht geworden!“ Er könne, weint er, seinen Laden genauso gut schließen und den Sperrmüll beauftragen, die Einrichtung möglichst rückstandsreich zu verbrennen.

Am ärgsten aber trifft es die Beschäftigten von heimlich operierenden Nachrichtendiensten und Organisationen, die im Terrorgeschäft tätig sind. Sie alle dürfen einerseits keine unverpackten Drohnen und Kurzstreckenraketen mehr durch die Luft schicken, müssen aber andererseits die neuen Regeln penibel beachten – sonst landet ihr wertvolles Kampfgerät ungebraucht im Restmüll!

In beiden Branchen geht die Angst vor Arbeitslosigkeit umher, viele schauen sich nach Jobs in der Entsorgung um. Denn da ist man sich mit Salman aus Offenbach und Thorwald aus Heidelberg einig: „Müllsortierer“, schluchzen sie unisono, „ist womöglich der letzte Beruf mit Zukunft!“

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1 Kommentar

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  • Diogeno

    Danke, sehr übertrieben, aber gut.

    Zu den Nachrichtendiensten fiel mir ein: Die suchen doch manchmal nach Spuren in den Mülltonnen von Verdächtigen. Wird sich demnächst auch ändern.