Die Wahrheit: Gassenhauer auf der Kerb
Auf deutschen Brauchtumsveranstaltungen geht es sehr rustikal zu. Gerade die traditionellen Bluesrock- und Coverbands sind nüchtern kaum zu ertragen.
D raußen vor der Haustür tobt gerade wieder unser Stadtteilfest, was aber nicht so heißt, sondern „Bernemer Kerb“, grob übersetzt also: Bornheimer Kirmes oder Kirchweih. Es handelt sich dabei keineswegs um eine sakrale Angelegenheit, sonst stünden in unserer Seitenstraße nicht die Toilettenwagen, die Rotkreuzsanitäter und einige Oldtimertraktoren mit den Signets der veranstaltenden Festgesellschaft.
Die sechstägige Veranstaltung hat ihre eigenen uralten Traditionen und ist deshalb so beliebt, dass sich die Hälfte des dörflichen Umlandes sowie die rustikaleren Teile der Stadtbevölkerung zum Kommen genötigt sehen. Alle sympathisierenden Geschäfte und Gaststätten stellen meterhohe Birkenzweige mit roten und weißen Schleifen vor die Türen und es wird ein unglaubliches Gewese um das hiesige Kultgetränk Apfelwein veranstaltet.
Die Hauptsache ist wie immer hierzulande, dass die Leute auf offener Straße alkoholische Getränke in sich hineinschütten und sich überteuerte Imbissprodukte ins Maul schieben. Dazu erklingen irgendwelche Gassenhauer. Zu den eigenen Traditionen der Kerb zählt jedoch, dass samstags auf dem Festplatz („Kerbeplatz“) vor der Johanniskirche mit dem Zwiebelturm („Zwiwwelkerch“) ein Baum aufgestellt wird („Kerbebaum“).
Apfelwein und Langeweile
Dorthin zieht am Nachmittag unter großem Hallo ein Festzug der örtlichen Kerbegesellschaften und Karnevalsvereine, johlend begleitet von den Fans aus Viertel und Provinz, und abends spielt eine Cover-Band die größten Hits der Siebziger, Achtziger und Neunziger nach. Dazu werden in rauhen Mengen Apfelwein, Bier und Rostbratwürstchen vertilgt.
Abstinenzler genießen im Laufe der Tage ein Kinderfest und einen ökumenischen Gottesdienst. Danach winken aber schon wieder ein Frühschoppen oder ein „Gickelschmiss“ genanntes Ritual, bei dem mit verbundenen Augen und einem Dreschflegel ein Tontopf zerschlagen werden muss. Wer gewinnt, nimmt einen lebenden Hahn in Empfang. Für gepflegte Langeweile sorgen derweil weitere Bluesrock- und Coverbands.
Die Organisationsteams („Kerbeburschen“ und “-mädsche“) betrinken sich sodann montags in bestimmten Traditionsgaststätten besonders derb. Dienstags wird kurzzeitig ausgenüchtert. Am abschließenden Mittwoch gibt es noch mal ein Riesenstraßenfest mit gleich vier Coverbands. Jetzt besaufen sich alle restlos wild, und am Schluss wird auf dem Festplatz eine Strohpuppe („Lisbeth“) vom Kerbebaum genommen und verbrannt.
Durch die Balkontür höre ich soeben einen gecoverten Hit von Nena, dessen Refrain mitgegrölt wird. Vielleicht gehe ich noch mal los, um einen Schoppen zu mir zu nehmen und das Ende hautnah mitzuerleben. Nüchtern kann man das ja gar nicht ertragen.
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