Die Wahrheit: Wurstprägung
Tagebuch einer Stadion-Ultra: Der Besuch eines Fußballspiels in der Alten Försterei von Köpenick lässt Erinnerungen an „Daktari“ aufblühen.
J ahrelang verplempert man Samstage mit Ausschlafen, Kino und allem möglichen Kulturfirlefanz, bis man bei einer Einladung ins Stadion zum Auftakt der Fußballbundesliga endlich merkt, was einem gefehlt hat. In Abwandlung eines Loriot-Zitats: Ein Leben ohne Fußball ist möglich, aber sinnlos.
Wie Freud schon wusste, beginnt alles mit frühkindlicher Prägung. Ab Ende der Sechziger lief im ZDF jeden Samstag um Viertel vor sechs „Daktari“, eine aus Klischees Marke „Weiße-Typen-retten-in-Afrika-wilde-Tiere-vor-bösen-Wilderern“ zusammengerührte Vorabendserie; pünktlich um sechs begann im Ersten die „Sportschau“. Ich habe jede der mir vergönnten fünfzehn „Daktari“-Minuten genossen, bis mein Vater unerbittlich umschaltete.
Ab jetzt blieb nur die Wahl, anstelle des schielenden Löwen Clarence und der putzigen Schimpansin Judy Wolfgang Overath und Hannes Löhr zu huldigen, den Säulenheiligen des 1. FC Köln, die sich durch meine frühe Jugend dribbelten und grätschten. Als mein Vater später mit dem Erzfeind Gladbach flirtete – „Die sin eben einfach jut!“ –, verehrte ich beeinflusst vom väterlichen Opportunismus Netzer, Heynckes, Vogts und später sogar „Katsche“ Schwarzenbeck, der mal, seinem knallharten Namen gerecht werdend, in letzter Minute aus 25 Metern den Ball ins Tor drosch, was am Ende zum Europapokalsieg des Landesmeisters FC Bayern führte.
Volle Lunge Gebrüll
Doch jetzt ins Stadion: Die Frauenmannschaften von Union Berlin und Bayern München treten in der Alten Försterei gegeneinander an. Schönstes Sommerwetter, alle gut drauf, die Menge brüllt aus voller Lunge: „Eisern Union“. In meiner Heimat geht es beim Schlachtengesang von „Mer stonn ze dir, FC Kölle“ weniger eisern, sondern eher gefühlig zu, und zwar zu den Klängen eines schottischen Volkslieds namens „The Bonnie Banks of Loch Lomond“. Ein Fall schamloser kultureller Aneignung, aber nach Römern, Franken und Napoleon war Köln auch mal von den Briten besetzt und liegt außerdem am Wasser, selbst wenn der Rhein gerade ziemlich flach ist.
Auf dem Spielfeld geht es mittlerweile erfreulich zur Sache, doch meine Stadionabstinenz fordert ihren Tribut. Warum sieht die Action da unten, anders als im Fernsehen, so rumpelig aus? Wo bleibt die Zeitlupe, wenn man mal kurz abgelenkt war? Und warum gibt’s keine Trinkpausen, wenn sie gebraucht werden, um endlich Stadionwurst essen zu können? Ich sollte erwähnen, dass ich eine weitere frühkindliche Prägung durch den Verzehr von Wurstwaren aus eigener familiärer Herstellung erfuhr.
Im inneren Kampf zwischen Anstehen für Wurst gegen Live-Fußball gewinnt das Grillgut, und beim Endstand von 4 zu 1 für die Bayern habe ich immerhin zwei von fünf Toren miterlebt. Die TV-Zusammenfassung zeigt dann noch ein recht lebhaftes Spiel, aber die Bratwurst in der Alten Försterei möchte ich hiermit trotzdem wärmstens empfehlen.
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