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Die WahrheitHarz im Herzen

Eine Wellnessreise in eine astreine Mischung aus Marzahner Platte und Jugendpsychiatrie der Spätsiebziger.

W er das Harz Hotel & Spa Seela bucht, will runterkommen. Wovon auch immer. Zunächst einmal von zu hohen Erwartungen. Denn das Vier-Sterne-Haus zeigt sich von außen als eine astreine Mischung aus Marzahner Platte und Jugendpsychiatrie der Spätsiebziger. Wer sich aber durch die goldenen Schiebetüren traut, merkt sogleich, es ist das Tor zu einer anderen Dimension. Hier trägt man flauschig-blütenweiße Bademäntel, wandelt auf Gummischlappen und schimpft mit seinen Blagen.

Sie sind ja der eigentliche Grund dafür, warum man Bademantel trägt, sollten also gar nicht hier sein. Doch zu Hause haben alle netten Tanten, Großeltern und Freundinnen gebetet, auf dass der Satan weiche. Also mussten Jenny, Jacqueline und Robin mit und bekommen dafür den ganzen Hass zu spüren, den alleinerziehende Mütter aufzubringen in der Lage sind. Es ist eine Menge. Alleinerziehende Väter sieht man natürlich nicht. Die sind zusammen auf Malle und saufen Schnaps aus Eimern.

„Mami, Mami, können wir uns ans Fenster setzen?“, ruft ein fröhliches Mädchen voller Vorfreude am Eingang des Restaurants und will schon loslaufen. „Ich hab dir tausendmal gesagt, du sollst nicht so rumkrakelen“, reißt ihre Mutter sie am Arm zurück und schraubt dabei den Dezibel-Peak noch ein Stückchen weiter in den roten Bereich.

„Können wir?“, fragt das Mädchen jetzt schon zaghafter. „Reserviert“, versetzt die Mutter schnippisch wie eine böse Fee und zieht sie fort. Aber das stimmt nicht. Es steht gar kein silbernes Schild auf dem Fenstertisch. Die Kleine soll nur früh genug erkennen, dass man im Leben viel zu selten bekommt, was man sich erhofft. Mami musste das schließlich auch lernen.

Erstaunliche Runderneuerung

Eigentlich könnte man es sich hier gutgehen lassen. Das Programm zur körperlich-seelischen Runderneuerung ist nämlich erstaunlich vielfältig. Es gibt sogar eine „Bibliothek“ mit der vollständigen „Angélique“-Reihe von Anne Golon und ihrem Mann Serge. Das Herz geht mir auf, denn ich kenne Anne und Serge noch aus der Wohnzimmerschrankwand meiner Eltern. In den Siebzigern bekam man diese Historienschinken zugeschickt, wenn man die vierteljährliche Bestellung beim Deutschen Bücherbund verpennt hatte. Auch Familie Seela kann offenbar ein Liedchen davon trällern.

Es ist somit alles da, man muss das Haus gar nicht erst verlassen. So richtig lohnt sich das ohnehin nicht, denn wir befinden uns ja in Bad Harzburg. Hier gibt es viele tote Kiefern. Und den Radau-Wasserfall. Der heißt nicht so, weil er besonders laut wäre, sondern trägt den Namen des lokalen Bachs – und der kommt aus dem Urgermanischen und bedeutet soviel wie „sterbenslangweilig“.

Ich treffe da auf einen älteren Herrn. Wir stehen seufzend vor dem Wassersturz. Er schüttelt langsam den Kopf, dann gehen wir grußlos unserer Wege. „Der Schatz im Silbersee“ wurde nicht hier gedreht!

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Frank Schäfer

Frank Schäfer

Lebt als Schriftsteller in Braunschweig. Neben Romanen und Erzählungen erschienen diverse Sachbücher und Essaybände zur Literatur- und Kulturgeschichte. Zuletzt: Henry David Thoreau – Waldgänger und Rebell. Eine Biographie (Suhrkamp); Hühnergötter. Roman (Limbus); Notes on a Dirty Old Man (Zweitausendeins).
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