Die Wahrheit: Heringen bloß nicht Herr werden
Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (247): Heringe kommunizieren über Fürze und verlieren langsam die Weisheit ihrer Vorfahren.
Neuerdings ist viel vom „Schwarmverhalten“ die Rede, es gibt auch einen Schwarmzwang – bei den Heringen etwa. Sie sterben, wenn sie von ihrem Schwarm getrennt werden. Der Hering existiert nur im Schwarm. Und der ist schwierig in Gefangenschaft zu halten, meint der Aquariumspfleger im Bremerhavener Zoo, Werner Marwedel. „Das Schlimmste ist ein Stromausfall. Die sind es gewohnt, dass morgens das Licht angeht und abends aus. Wenn es aber mal tagsüber ausgeht, dann heißt das für sie: Fressfeind von oben! Die sehen einen Schatten und hauen ab, wobei sie hier dann gegen die Scheibe oder die Steine schwimmen. Heringe verlieren sehr leicht ihre Schuppen. Wenn man sie anfasst oder sie erschreckt irgendwo gegen schwimmen, dann rieseln die Schuppen wie Konfetti herunter. Die Stellen, wo die Schuppen fehlen, werden dann leicht von Bakterien und Pilzen befallen. So kostet uns jeder Stromausfall einige Heringe.“
Wenn ein Schwarm eine Weile im Aquarium gelebt hat, ist die Gefahr allerdings nicht mehr so groß: „Sie lernen es, sich auf die Enge einzustellen. Bei uns haben einzelne Heringe immerhin schon bis zu sieben Jahre überlebt“, berichtet Marwedel.
Es gab Zeiten, da umfassten die Heringsschwärme im Atlantik Milliarden Tiere, man konnte sie mit Eimern schöpfen. Zunächst waren sie als Fastenspeise und später, um eine drohende „Eiweißlücke“ in der Volksernährung zu schließen, derart begehrt, dass Städte wie Emden damit reich wurden. Aber mit der Zeit wurden die Heringsschwärme immer kleiner. Im 17. Jahrhundert kam es deswegen zwischen England und Holland zu einem „Heringskrieg“.
In seinem „Portrait Heringe“ (2014) schreibt Holger Teschke, Sohn eines Rügener Heringsfischers, dass Heringe über Fürze kommunizieren, in großen Schwärmen so laut, dass man es über dem Wasser hört.
In den Sechzigerjahren starteten amerikanische Fischforscher ein Experiment mit kleinen Zierfischen, das die Frage der Überfischung im Modell klären sollte. Dazu richteten sie zwei Aquarien ein. Aus einem fischten sie regelmäßig einige der Fische ab. Deren Fruchtbarkeit konnte das lange Zeit ausgleichen, aber ab 50 Prozent „reichte ihre Vermehrungsrate nicht mehr aus“, schreibt H.W.Stürzer, Chefreporter der Nordsee-Zeitung (in: „Tatort Meer“ 2005). Es ging den Amerikanern bei ihrem Experiment darum, den „sozialistischen Weg zum Reichtum der Fischgewässer zu widerlegen“.
Die Sowjetunion hatte 19 Millionen Ostseeheringe im schwach salzhaltigen Aralsee ausgesetzt und dieser relativ kleine Schwarm hatte sich schnell vermehrt, was die sowjetischen Fischforscher auf die größere Fresskonkurrenz in den dichten Schwärmen der Meere zurückführten. Sie folgerten daraus laut Stürzer: „Intensiver Fischfang halte die Schwärme kleiner und begünstige das Wachstum der Überlebenden. Überfischung war damit zu einem Prinzip des immerwährenden Reichtums geworden.“
Klaglos überstehen?
Die amerikanischen Zierfische hatten nun zwar bewiesen, dass das ein Irrweg war, aber die Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg favorisierte die sowjetische Theorie weiterhin, indem sie 1963 verkündete, dass der Schollenbestand an der deutschen Nordseeküste eine jährliche Abfischrate von 70 Prozent klaglos überstehen würde. Die Bremerhavener Nordsee-Zeitung witzelte daraufhin: „Eine optimale Ausnutzung des Meeres macht also eine recht intensive Befischung sogar notwendig.“
Dabei hatte schon die bisherige Ausnutzung dazu geführt, dass die Fänge immer mehr zurückgegangen waren, von 20 westdeutschen Reedereien arbeiteten 18 bereits mit Verlust. Der Verband der Hochseefischerei forderte in dieser Situation: Zinsverbilligung für Schiffs-Neu- und -Umbauten und die Suche nach neuen Fanggebieten. Nur so sei die Katastrophe zu verhindern. Alte Fanggebiete seien ausgefischt oder hinter vorgeschobenen Seegrenzen von Küstenstaaten nationalisiert. Die Sowjetunion machte es vor: Sie entwickelte eine Flotillenfischerei nach Walfangmuster und ließ in Kiel eine Serie von 24 mittelgroßen Heckfängern bauen, zudem in Leningrad einen Super-Fänger für allein 270 Industriearbeiter, die auf einer Fahrt 10.000 Tonnen Frostfisch oder zehn Millionen Fischkonserven produzieren sollten. Stürzer titelte: „Fischbestände schrumpfen – Flotte wächst“.
Zur besseren Bewirtschaftung der Bestände fand 1971 eine Konferenz in Moskau statt. Die sowjetischen Fischereiexperten drehten dort ihre Fang-Theorie um: „Durch Verminderung des Fischereiaufwands um die Hälfte könnten die Erträge von jährlich neun Millionen Tonnen im Nordostatlantik nicht nur erhalten, sondern noch gesteigert werden. … Für Mindestmaschen sei es bereits zu spät, deshalb sollten Gesamtfangmengen und daraus Fangquoten für die einzelnen Länder festgelegt werden.“
Gefahr von innerartlichen Larvenräubern
Vier Jahre später luden amerikanische Fischereiexperten von der „National Oceanic and Atmospheric Administration“ ihre sowjetischen Kollegen zu einer Expedition an die „Georges Bank“ vor dem Golf von Maine ein, um dort in 32 Metern Tiefe das Ablaichen von Heringen mittels eines Unterwasserlabors zu verfolgen. Unter anderem fand man dort heraus, dass es viele auch innerartliche „Larvenräuber“ gibt und dass die kommerziell genutzten Bestände an Kabeljau, Schellfisch und Plattfisch zurückgehen, während die Zahl der Knorpelfische – Rochen und Hundshaie – zugenommen hatte; diese fraßen die letzten Heringsschwärme.
„Nur noch ein totaler Fangstopp wie in der Nordsee“ hätte Stürzer zufolge „die Heringe vielleicht retten können“. Die Amerikaner zogen aus dem Forschungsergebnis jedoch den genau gegenteiligen Schluss: Sie motivierten ihre Fischerei mit zinsgünstigen Darlehen zum weiteren Ausbau ihrer Fangflotte.
2025 veröffentlichte Nature eine Studie über das Wegfangen der älteren, größeren Fische eines Schwarms: Heringe verlieren die Weisheit der Älteren. Durch die Fischerei werden ältere Heringe aus den Schwärmen herausgeholt, sodass jüngere, weniger erfahrene Fische Mühe haben, ihre traditionellen Laichplätze zu finden. „Die erfahrenen Fische neigen dazu, in eine Richtung zu gehen, in der sie schon einmal waren, um dort zu laichen“, erklärt die Meeresforscherin Aril Slotte. „Der Verlust dieses Wissens hat dazu geführt, dass die Fische plötzlich rund 800 Kilometer polwärts wandern und damit die Fischerei und die Ökosysteme an der Südwestküste Norwegens stören.“
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