Die Wahrheit: Halb Bärtierchen, halb Mensch
Haben außerirdische Zivilisationen schicke Panspermien absichtlich gen Weltraum geschickt, um unseren einst gemütlich leeren Planeten zu besiedeln?
W ie das Vögelchen in Roy Anderssons hübschem Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ sitze auch ich zuweilen auf einem etwas dickeren Zweig, etwa einer Bierbank, und sinniere über Ähnliches. Gestern Abend beschäftigte mich zum Beispiel die Hypothese der Panspermie. Obwohl dem Begriff eine gewisse Schlüpfrigkeit innewohnt, hat er nichts mit dem lüsternen, gehörnten Faun und seiner sagenhaften Libido zu tun und zum Glück auch nichts mit dessen Flöte. Stattdessen bezeichnet die Hypothese die Idee, das Leben auf der Erde habe sich aus einer „All-Saat“, einer aus dem Universum mehr oder weniger zufällig auf unseren Planeten getaumelten Spore oder einem Mikroorganismus entwickelt.
Eventuell, so glauben (und nicht wissen) manche Forscher, soll die Panspermie gar „gerichtet“ gewesen sein, das würde bedeuten, dass außerirdische Zivilisationen sie absichtlich gen Weltraum schickten in der Hoffnung, gemütliche leere Planeten wie unseren zu besiedeln (oder, je nach Ansicht, zu besudeln). Bei diesem Vorgang, den man auch als „Terraforming“ bezeichnet, handelt es sich also um eine Art Gentrifzierung ohne Verdrängung der Ursprungsbevölkerung, was das Ganze nicht besser macht – wer weiß, was ohne das störende Leben noch alles Schönes aus der Erde geworden wäre.
Neben der Hybris theoretischer Aliens, zu denken, gerade ihre Art des Lebens sei so großartig, dass man den Weltraum damit beglücken muss, ist diese Selbstüberschätzung auch bei uns zu finden: Es wird diskutiert, ob der Mensch prophylaktisch widerstandsfähige Sporen ins All schleudern sollte, damit seine nervige Wenigkeit sich ebenfalls überall ausbreitet. Manche möchten sogar Bärtierchen, oder, noch ekeliger, Flechten verschicken.
Weltraumreise ins Nirgendwo
Die sogenannten Bärtierchen oder „Tardigraden“, das sind weniger als einen Millimeter große, sich wie tapsige Bären fortbewegende, stummelbeinige Häutungstiere, die unter dem Mikroskop anscheinend „total süß“ aussehen, können nämlich bei Bedarf in eine Kryptobiose, also einen enorm heruntergefahrenen Ruhezustand, verfallen und darin angeblich auch die lange, beschwerliche Weltraumreise ins Nirgendwo überstehen.
Mir ist noch nicht ganz klar, wie aus dem Bärtierchen später ein Mensch werden soll – ich kenne die Wesen vor allem aus einer „Star Trek“-Folge, in der sie als bärengroße Varianten ihrer selbst erscheinen und nicht mehr so „süß“ sind. Aber was weiß ich. Besser als die Flechten-Wurfpost finde ich sie allemal.
Typisch für diese Überlegungen ist, dass die Panspermientheorie keinerlei Erkenntnisgewinn zur tatsächlichen Entstehung des Lebens bietet. Denn sie erklärt ja immer noch nicht, woher der Samen ursprünglich stammt. Vermutlich hat ihn doch ein selbstgefälliger außerirdischer Faun bei einem galaktischen Orgasmus ins Weltall gewichst. Sähe ihm jedenfalls ähnlich.
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