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Die WahrheitStuhlkreis mit Herz und Frust

Die Wahrheit zu Besuch bei einer von Selbstzweifeln geplagten Satzzeichen-Selbsthilfegruppe.

Endlich hat die Orthografie einen Platz, um sich auszuheulen Foto: Rolf Zöllner

Punkt, Punkt, Komma, Strich. Dank den vier Überpünktlichen ist schon jegliches für das heutige Treffen der Satzzeichen Selbsthilfegruppe „Schwarzweiß“ aufgebaut – oder Satzzeichen-Selbsthilfegruppe, wenn es der Bindestrich auch mal schafft. Die Mitglieder, allesamt deutsche Satzzeichen, treffen sich jede zweite Woche in diesem unscheinbaren Konferenzraum im Keller einer Ulmer Multifunktionshalle.

„Die Treffen geben den Mitgliedern Struktur und Sinn“, erklärt uns Gruppenleiter Dieter Uden, während er Flusen von seinem Norwegerpulli zupft und auf seine Cordhose rieseln lässt. „Also genau das, was sonst sie dem Satzbau geben.“

Er wendet sich ab von uns und begrüßt den Gedankenstrich. „Ach, schön, dass du auch wieder da bist“, sagt Uden und lächelt. Der Gedankenstrich kommt erst seit wenigen Wochen zu den Treffen und lehnt schüchtern in der Tür. Für ihn, also den Gedankenstrich, lief es lange gut. Von allen geliebt, in jedem Satz zu finden, Redebedarf: null. Bis die KI kam. „Und jetzt – als wäre es meine Schuld – heißt es, ein Text mit Gedankenstrich habe keinen Stil.“ Hier in der Selbsthilfegruppe arbeitet er nun an einem Erwartungswechsel – bisher noch ohne Erfolg.

„So“, erstickt Gruppenleiter Uden mit erhobenen Händen sanft das Gemurmel der mittlerweile fast vollzählig anwesenden Satzzeichen. „Schön, dass ihr wieder so zahlreich und doppelpünktlich“, er zwinkert dem Doppelpunkt freundlich zu, „erschienen seid. Hat jemand das Leerzeichen gesehen?“ Schweigen. Bis das Ausrufezeichen schüchtern exklamiert: „Hat es heute wieder nicht geschafft …“ Es soll fast das Einzige bleiben, was das sonst so aufmerksamkeitsheischende Ausrufezeichen heute von sich gibt, denn an ihm nagt eine veritable Sozialphobie.

Semikolon macht den Anfang

„Dann fangen wir einfach an“, fährt Uden fort, während sich alle an den Gänsefüßchen halten. „Wie immer: Was ist unser Motto?“ Unisono kommt es zurück: „Hier wird niemand beurteilt, höchstens korrigiert.“ – „Ganz genau“, lächelt Uden und bittet alle Anwesenden, sich zu setzen. „Semikolon, fängst du an?“

Das Semikolon, einer der alten Hasen der Gruppe, rückt unsicher auf seinem billigen Plastikstuhl umher, bevor es in der erwartungsvollen Stille das Wort ergreift: „Ich komme seit drei Jahren zu ‚Schwarzweiß‘; ich gehöre hier beinahe zum Inventar.“ Leises Lachen vom Ausrufezeichen. „Neulich wurde ich bei einer Aufzählung mal wieder übergangen; und wisst ihr was? Es war okay; es tat nicht mehr weh.“

Die Runde nickt und brummt anerkennend. Dafür, ihre Stellung in der deutschen Sprache trotz aller Fehler akzeptieren zu können, sind fast alle hier. „Danke, dass du dich uns mitgeteilt hast, liebes Semikolon; bei uns findest du immer einen Platz“, bestärkt Gruppenleiter Uden das Zeichen mit einem Satz, der eigentlich kein Semikolon gebraucht hätte. Nie fiele es hier jemandem ein, das anzusprechen.

Nicht alle legen jedoch so viel Selbstreflexion und Bescheidenheit an den Tag wie das Semikolon. „Das ist doch scheiße!“, ruft das Komma rein – und wird sofort von Uden unterbrochen: „Bitte, Komma, keine Gewaltausdrücke. Du weißt doch, im Mittwochskurs habe ich die Wörter, und gerade Scheiße hat selbst arge Probleme mit der Groß- und Kleinschreibung.“ Schuldbewusst schaut das Komma kurz zu Boden, bevor es erneut ansetzt: „Aber ist doch so. Ich könnte vor jeder Infinitivgruppe stehen, und was ist die Realität? Ich schaffe es nicht mal vor alle Relativsätze! Dabei kann ich so viel mehr.“

„So verständlich dein Frust auch ist, aber das ist wirklich klagen auf hohem Niveau“, mischt sich der Apostroph kurz vor Ende noch ein. „Du findest Lohn und Brot in jedem Satz, ich muss schon froh sein, wenn ich mal zu Gabi’s Imbiss eingeladen werde und darf mich dann auch noch als Deppen beschimpfen lassen.“

Was den Satzzeichen auf dem Herzen liegt

„Nun beruhigen wir uns erst mal“, unterbricht Uden die Streithähne, „und atmen tief durch. Auslassungspunkte, würdet ihr …?“ Die Auslassungspunkte würden: „Aber natürlich, also, alle zusammen: … … …“ – „Gut“, setzt Uden fort, „dann lasst uns weitermachen.“ Nach und nach spricht fast jedes Satzzeichen aus, was ihm auf dem Herzen liegt: Das Fragezeichen beklagt seine ständigen Selbstzweifel; der Geviertstrich, dass niemand ihn wirklich versteht; und der Bindestrich reflektiert die Umbrüche in seinem Leben.

Als alle zu Wort gekommen sind, bindet Uden freundlich ab: „Das lief doch gut heute. Nehmt euch noch ein paar Snacks für die Nebensätze mit, und ansonsten sehen wir uns in zwei Wochen.“

Nach einem abschließenden gemeinsamen Füßestampfen löst sich das Treffen dann langsam auf. Die Klammern umarmen alle zum Abschied, selbst die noch endlos quasselnden Anführungszeichen kommen irgendwann zum Punkt, weil sie in dieselbe Richtung müssen. Und auch wir verabschieden uns mit vielen orthografischen Erkenntnissen in die Nacht.

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