Die Wahrheit: „Mir platzt gleich der Kragen!“
Das Wahrheit-Interview: Karsten-Uwe Büroleiter über die Lage des Bäckerhandwerks und seinen inneren Schweinehund.
taz: Herr Büroleiter, es freut uns, dass Sie sich zu diesem Interview bereiterklärt haben. Eine Frage, die wir Ihnen nicht ersparen können, möchten wir gleich eingangs stellen: Heißen Sie nur so oder waren Sie auch mal beruflich Büroleiter?
Karsten-Uwe Büroleiter: Ich bin Bäcker. Immer gewesen.
Wahrscheinlich hat man Ihnen diese Frage bereits recht häufig gestellt …
Glauben Sie mir: Ich wäre ein glücklicherer Mensch, wenn mir nur halb so oft die Frage „Willst du mit mir schlafen?“ gestellt worden wäre.
Süß. Haben Sie denn mal damit geliebäugelt, Büroleiter zu werden?
Nein.
Ist einer Ihrer Vorfahren von Beruf Büroleiter gewesen?
Mein Vater war Tischler und dessen Vater auch. Was die anderen Ahnen waren, weiß ich nicht.
Also auch nicht, wo Ihr Nachname herkommt?
Ich habe keinen blassen Dunst.
Kennen Sie noch andere Menschen mit diesem Nachnamen?
Nur meine zwei Brüder und eine Kusine.
Und wie geht’s denen damit?
Hören Sie mal, Sie haben gesagt, dass Sie mir Fragen zur aktuellen Lage des Bäckerhandwerks stellen wollen …
Richtig, richtig. Zur Sache! In Ihrer Bäckerei, da haben Sie doch sicher ein Büro, oder nicht?
Das ist nicht nötig. Den Papierkram erledige ich zuhause.
Aha! Demnach haben Sie dort ein Büro …
Sie irren sich. Ich mache das am Küchentisch.
Dann sind Sie also auch dort kein Büroleiter, sondern allenfalls ein Küchenleiter …
Hören Sie doch endlich auf mit diesem Kappes! Mir platzt gleich der Kragen!
Ihre Nervosität ist begreiflich. Zumal Ihnen ja sicherlich nicht entgangen ist, dass Friedrich Merz vor einigen Tagen seinen Büroleiter entlassen hat. Angesichts der damit verbundenen Nachrichten haben Sie doch bestimmt jedesmal an sich selbst denken müssen …
Ich wüsste wirklich nicht, was das mit der Lage des Bäckerhandwerks zu tun hat!
Wir meinen ja nur. Hier zur Erinnerung ein paar der Schlagzeilen: „Merz schmeißt seinen Büroleiter raus“, „Merz zieht die Reißleine und tauscht Büroleiter aus“, „Darum feuerte Merz seinen umstrittenen Büroleiter“, „Der Rauswurf des Büroleiters war hoffentlich nur der Anfang“ … Für Sie muss es doch merkwürdig sein, sowas zu lesen.
Merkwürdig finde ich nur Ihre Art, dieses Interview mit mir zu führen. Wenn Sie mir keine vernünftigeren Fragen stellen, betrachte ich unser Gespräch als beendet.
Verstanden. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Lage des deutschen Bäckerhandwerks, Herr Büroleiter?
Die Zahl der Auszubildenden ist letztes Jahr deutlich gestiegen, aber viele Bäckereien mussten Insolvenz anmelden. Zur hohen Kostenbelastung gesellt sich ein wachsender Regulierungsdruck. Um unsere ordnungspolitischen Einflussräume zu sichern, bedürfen wir in zunehmendem Maße einer strategischen Interessenartikulation …
Roland Ermer, der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks, hält einen staatlich festgelegten Mindestlohn, Zitat, „für nicht zielführend und idiotisch“. Sehen Sie das auch so?
Nicht ganz …
Herr Ermer soll übrigens einen ausgezeichneten Büroleiter haben. Können Sie das bestätigen?
Nein.
Auch Petra Klaas, die Büroleiterin des Geschäftsführers der Bäcker- und Konditorenvereinigung Nord, Jan Loleit, soll hervorragende Arbeit leisten, wie man sich erzählt …
Ich kenne die Dame nicht.
Kann es sein, dass Sie allen Büroleiterinnen und Büroleitern bewusst aus dem Weg gehen?
Blödsinn.
Studien haben gezeigt, dass ein durchschnittlicher Deutscher im Laufe seines Lebens ungefähr 40 bis 70 Büroleitern begegnet. Bei Handwerkern sind es 30 bis 50 Büroleiter, während die Quote bei Akademikern, Selbstständigen und Führungskräften naturgemäß höher liegt; da sind es etwa 60 bis 90 Büroleiter. Mit wie vielen Büroleitern haben Sie selbst bislang Kontakt gehabt?
Fangen Sie schon wieder damit an?
Was stört Sie denn daran, Herr Büroleiter?
Alles!
Psychologen sprechen in solchen Fällen von „Topic avoidance“. Uns scheint, dass Sie an einer schweren Form von Büroleiterphobie leiden. Waren Sie schon mal beim Arzt deswegen?
Das muss ich mir nicht länger bieten lassen.
Was Ihnen helfen könnte, wäre eine systematische Desensibilisierungs-Therapie. Konfrontieren Sie Ihre Angst! Überwinden Sie Ihren inneren Schweinehund! Stellen Sie sich ein Meeting mit einem Büroleiter vor! Schauen Sie sich anschließend Fotos von fünfzig Büroleitern an! Und zuletzt: Suchen Sie einen leibhaftigen Büroleiter auf und atmen Sie neben ihm ein!
Auf Wiedersehen.
Diese Therapie könnte Ihr verkorkstes Seelenleben in eine atemberaubende Symphonie der Ekstase verwandeln, Herr Büroleiter! – – – Weg isser. Tja. Selbst schuld.
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